Zeitzeugin der Schlacht an der Oder

Mehr als 200 Jahre alte vernarbte Zeitzeugin. Foto: Claudia Gohlisch

„White Root“ heißt die Kunstinstallation von Volker-Johannes Trieb. Er nutzt eine geschossverwundete Eichenwurzel vom Schlachtfeld der Seelower Höhen in Brandenburg, von wo aus im April 1945 die Rote Armee die Schlacht um Berlin einleitete. Das Holz trägt Spuren der Kämpfe. Gegenwärtig steht es vor dem Gebäude, in dem die Oberbefehlshaber der Deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation unterzeichneten.

Die 211 Jahre alte Eiche war vor einigen Jahren bei einem Sturm umgestürzt. „Hätte sie eine Stimme, sie könnte berichten, was es bedeutet, nach Tagen des Grauens noch am Leben zu sein“, sagt der Schöpfer des Werks. Er installierte die drei Meter hohe Wurzel auf einem Stahlgestell und gab ihr einen weißen Anstrich. Er sieht sie als Zeitzeugin der Schlacht an der Oder, bei der mehr 40.000 sowjetische und deutsche Soldaten ums Leben kamen. Im Rahmen einer Guerilla-Aktion schaffte Trieb die Installation zum Jubiläum des Kriegsendes am 8. Mai 2020 vor das Brandenburger Tor. Der Osnabrücker Künstler nahm das Werk in seinen Zyklus „Not then, not now, not ever!“ („Damals nicht. Jetzt nicht. Niemals!“) auf. Die Ausstellung dazu war von November 2018 bis Januar 2019 im Reichstagsgebäude in Berlin zu sehen. Sie soll demnächst auch bei der EU in Brüssel und am Sitz der Vereinten Nationen in New York gezeigt werden.

Foto: Claudia Gohlisch

Doch seit 12. Juni steht „White Root“ zunächst vor dem Gebäude einer ehemaligen Militärschule in Berlin-Karlshorst, das heute als Deutsch-Russisches Museum fungiert. Im Saal des Offizierskasinos wurden die Kapitulationsurkunden – in Deutsch, Russisch und Englisch abgefasst – von deutschen Oberbefehlshabern unterzeichnet und anschließend ein Siegesbankett der Alliierten abgehalten. Der heutige Direktor Dr. Jörg Morré konstatiert: „Für das Museum ist `White Root` eine weitere Stimme zum 75. Jahrestag des Kriegsendes in Europa. Je mehr wir unseren Blick weiten, desto mehr verstehen wir von den historischen Vorgängen.“

Seit Anfang Juli können im Museumsgebäude auch wieder Teile der Dauerausstellung und eine wegen Corona zunächst nur ins Internet verlegte Sonderschau „Von Casablanca nach Karlshorst“ besucht werden. In Casablanca legten die Alliierten im Januar 1943 das gemeinsame Kriegsziel fest: Die bedingungslose Kapitulation Hitlerdeutschlands. Dieses Ziel war am 8. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst erreicht. Doch die letzten Kriegsjahre, besonders 1944 und 1945, waren durch eine Eskalation des NS-Terrors gekennzeichnet.

Die Sonderausstellung läuft noch bis zum 8. November 2020. Geöffnet ist täglich, außer montags, von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt in das Museum ist frei. Zu geringen Kosten werden auch Führungen angeboten.

nach oben

weiterlesen

Der gekreuzigte Assange in Kreuzberg

Gegenüber der SPD-Bundeszentrale in Berlin wird neuerdings eine ganze Hauswand von einer riesigen Kreuzigungsszene eingenommen. Die Kölner Gruppe „Captain Borderline“, die auf solche Wandgemälde spezialisiert ist und damit auch Geld verdient, hat zur Ermahnung der Regierung ein dystopisches Bild geschaffen, das die Verfolgung und Inhaftierung des Wikileaks-Gründers Julian Assange anprangert.
mehr »

Realität und Emotion auch in Bronze

Käthe Kollwitz (1867–1945), eine der wichtigsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, ist vor allem als grandiose Zeichnerin und experimentierende Druckgrafikerin mit unverkennbaren Stil bekannt. Unbekannter ist dagegen ihr Oeuvre als Bildhauerin, das aber gleichbedeutend neben ihrem grafischen Werk steht. Eine Ausstellung „Realität & Emotion“ zu den Internationalen Tagen Ingelheim richtet demnächst den Blick auf das Gesamtwerk der bildenden Künstlerin. 
mehr »

Nicht vor Angst zittern…

„Nach der großen Zerstörung“ stand auf einem der Gedichtplakate. So hieß auch die besondere Aktion zum 10. Jahrestag der Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima. Johann Voss gestaltete sie am 11. März 2020 vor dem Endlager für radioaktive Abfälle Morsleben nahe Helmstedt. „Gewiss, es sind nicht Gedichte, die die Welt verändern. Aber um wieviel ärmer, trost- und zornloser lebten wir, gäbe es keine Gedichte und keine Lieder...“, schrieb der Autor in seiner Ankündigung.
mehr »

Graffiti in Berlin: Rückkehr der Affen  

Trister Coronaspaziergang in Moabit. Siemensstraße. Endlos-triste Fassade des Hamberger Lebensmittel-Großmarkts. Dahinter das winterlich-triste Gelände des Zentrums für Kunst und Urbanistik. Und plötzlich die Überraschung: Auf der dem Zentrum zugewandten Rückseite des Großmarkts erglühen in mächtiger Farbmagie außergewöhnliche Graffiti: Primateninvasion in Berlin, Return of the Apes.
mehr »