Wir sollten vorausschauend denken

Barbara Salome Trost: Aus dem Zyklus "Lockdown" (2020)

Solche abstrakten, vergleichsweise leichten Bilder zur Natur in ihrer Fragilität hat die Malerin Barbara Salome Trost selbst zur Ausstellung „Lockdown“ beigetragen, die momentan in der Berliner MedienGalerie gezeigt wird. Werke von Künstlerinnen und Künstlern der ver.di-Landesfachgruppe Bildende Kunst hingen dort regelmäßig und werden auch zum Jubiläum der 150. Schau ausgestellt. Zu Beginn durfte sogar noch Publikum kommen…

Barbara Salome Trost ist Vize-Vorsitzende der ver.di-Bundesfachgruppe wie der Fachgruppe Bildende Kunst Berlin-Brandenburg. Zur aktuellen Ausstellung „Lockdown“ und zur Historie dieser Fachgruppenausstellungen beantwortete sie Fragen für das „Sprachrohr“. Wir übernehmen das Interview, das Bettina Erdmann jetzt für die letzte gedruckte Ausgabe dieser ver.di-Mitgliederzeitung des Fachbereiches Medien, Kunst und Industrie in Berlin-Brandenburg geführt hat:

Lockdown, der Titel für die jährliche Ausstellung der Fachgruppe Bildende Kunst passt punktgenau. Dass sie kurz vor dem zweiten Lockdown in diesem Jahr startete, konntet Ihr allerdings zur Ausschreibung nicht wissen. Ein absichtsvoll gewählter Titel?

Gerdi Sternberg: „Angst“ (2020) Laserkopien, Sperrholz, Bleistift, Klebeband

Barbara Salome Trost: Schon der erste Lockdown hat vieles verändert, er zwang uns zur Besinnung auf Wesentliches, zum Abschotten und zu körperlicher Distanz. Alle 16 Künstlerinnen und Künstler, deren Werke jetzt in der MedienGalerie zu sehen sind, haben sich mit diesem Thema auseinandergesetzt, ihre Arbeiten absichtsvoll ausgesucht und mit Begleittexten versehen. Bilder visueller Poesie sind zu sehen, Figürliches diesmal nicht. Andreas Haltermann beispielsweise verbindet mit seinem Communicare, einem Siebdruck auf Mund-Nasen-Schutzmaske, die Hoffnung: Ein Lockdown als Impuls für eine andere Welt, vielleicht mit einer verbindlicheren Kommunikation und sozialer Nähe… Gerdi Sternberg setzt sich in der Bildfolge ihrer betagten Mutter mit der Angst alter Menschen vorm Alleinsein und dem Sterben in Einsamkeit auseinander.

Für welche Arbeit hast Du Dich entschieden?

Ich habe ein abstraktes, vergleichsweise leichtes Bild zur Natur in ihrer Fragilität und ihrem Wiederauftauchen während des Lockdowns ausgesucht und meine: Wir sollten vorausschauend denken. Denn die Natur kommt prima ohne uns aus. Wir jedoch nicht ohne sie.

Wie ist die Tradition der Eigenausstellungen entstanden?

2007 wurde ich von Dieter Ruckhaberle (damaliger ver.di-Landesfachgruppenvorsitzender – d.R.) gefragt, ob nicht für die MedienGalerie eine Ausstellung der Fachgruppe Bildende Kunst mit Malerei und Grafik organisiert werden könnte. Seitdem bin ich dabei. Damals machten wir Wasser als Grundbedürfnis und Menschenrecht zum Thema. Wir bestimmen immer politische Themen, die unser Leben in seiner Vielschichtigkeit betreffen, politisch interessierte Künstlerinnen und Künstler sind angesprochen. 2009 wandten wir uns mit „Feuerwerke“ dem Umweltschutz zu. Wir sehen unsere Anliegen – beispielsweise Altersarmut oder prekäres Künstlerleben – fachübergreifend, beziehen Interaktion in die Ausstellung ein und versuchen, gemeinsame Positionen zu erarbeiten. Diesmal regt eine Kollegin vom Verband der Schriftsteller per Box dazu ein, Zettel mit Gedanken zum Lockdown einzuwerfen.

Auf welche Resonanz stoßen die Ausstellungen?

Oh, wir hatten zu Eröffnungen schon bis zu 80 interessierte Leute, Diskussionsveranstaltungen während der Ausstellungen finden Zuspruch. Schwieriger ist, über die gesamte Ausstellungszeit hinweg Besucher anzulocken – geschweige denn jetzt, während der Pandemie, wo es, wenn überhaupt, nur dezidiert unter Hygieneauflagen und mit Anmeldung ging. Dazu: Die Arbeit für die MedienGalerie und den Galerierat ist ein aufwändiges, Leidenschaft erforderndes und Respekt verdienendes Ehrenamt, eine kontinuierliche Betreuung nicht einfach zu organisieren.

Die gewerkschaftlich getragene MedienGalerie ist einzigartig in Deutschland.

Mehr noch: Sie ist ein Juwel. Diese Präsentationsmöglichkeit muss auch nach der 150. Ausstellung, nach dem 25. Galerie-Geburtstag in diesem Jahr, nach Corona erhalten bleiben. Gerade jetzt in den Monaten vielfältiger Einschränkungen zeigt sich, dass Kunst ein archaisches Grundbedürfnis ist – schon Steinzeitmenschen malten vor 50.000 Jahren. Ohne Kunst und Kultur kann die Menschheit nicht überleben. Kunst ist systemrelevant. Ich wünsche mir, dass die Kunstschaffenden aus der Prekariatsasche auftauchen werden, dass das geschaffene Werk wieder ist was es ist. Ich vertraue darauf, dass ver.di als Kunstgewerkschaft auch in diesen schwierigen Zeiten erkennt, was sie mit der MedienGalerie besitzt und das Juwel weiter zu schätzen und zu schützen weiß.

Die Ausstellung Lockdown hängt noch bis 18. Dezember in der MedienGalerie. Es stellen aus: Renate Altenrath, Sandra Becker, Andreas Haltermann, Andreas A. Jähnig, Gotthard Krupp, Regine Kuschke, Sonia Ricon Baldessarini, Heike Ruschmeyer, Dieter Ruckhaberle , Martin G. Schicht, Gerdi Sternberg, Barbara Salome Trost, Anne Ullrich, Karsten Wenzel, Rainer Wieczorek, Barbara Willems. Hier ein Eindruck vom Lockdown

 

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