Wenn die Säulen uni tragen…

Leere Litfaßsäulen an der Torstraße in Berlin-Mitte
Foto: Christian von Polentz

…kommen sie ihrer eigentlichen Funktion nicht mehr nach. Genau so ist das gegenwärtig in Berlin. Die 2500 Litfaßsäulen in der Hauptstadt – Wiege dieser Reklameklassiker – sind jetzt einfarbig plakatiert: in Lindgrün, Gelb, Hellblau, Pink oder Weiß. Das kündet von ihrem Abgang. Denn schrittweise werden die reichlich drei Meter hohen und einen Meter breiten Säulen, die bislang die Werbefirma Wall bestückt hat, aus dem Berliner Stadtbild verschwinden.

Sie müssen vertragsgemäß zurückgebaut werden, weil die Werberechte in der Hauptstadt neu ausgeschrieben und die Säulen künftig an eine Stuttgarter Firma vergeben wurden. Diese ILG-Außenwerbung GmbH wird neue Litfaßsäulen errichten. Gut einen Meter höher und einen halben Meter dicker. Man sei stolz, nun auch in der Stadt werben zu können, „in der der Erfinder der Litfaßsäule geboren wurde“, erklärt man aus dem Schwäbischen.

Tatsächlich hatte der umtriebige Berliner Ernst Theodor Amadeus Litfaß, Sohn eines Druckereibesitzers, nach Übernahme des väterlichen Geschäfts zunächst mit eigenen Flugschriften und Zeitungen den Verlag aufgemöbelt, dann aber durch Einführung von Schnellpresse und Buntdruck auch die Druckerei modernisiert. Seither konnte Litfaß großformatige Plakate herstellen. Dies und sein Widerwille gegen die in Berlin vorherrschende „wilde Plakatiererei“ ließen ihn die Anschlagsäulen erfinden. Für den Betrieb von 150 solcher Stadtmöbel erhielt er im Dezember 1854 die Konzession des Polizeipräsidenten. Dort, wo die erste Litfaßsche Annonciersäule errichtet wurde, steht heute ein bronzenes Exemplar als Denkmal.

Bronzesäule in der Münzgasse, nahe dem Alexanderplatz.
Foto: wikipedia.org/Jörg Zägel

Gegenwärtig gibt es in Berlin noch 50 als historisch eingestufte Litfaßsäulen. Sie sind von der momentanen „Tauschaktion“ ausgenommen. Alle anderen Wall-Säulen werden in einem aufwändigen Verfahren abgerissen, zwischengelagert und schließlich sonderentsorgt. Danach kommen die neuen Säulen größtenteils wieder an die angestammten Plätze.

Was wie eine unsinnige Schildbürgerei anmutet, bringt dem Land Berlin bares Geld. Bislang waren die Werberechte im öffentlichen Raum an die Wall AG vergeben, die im Gegenzug den Betrieb der öffentlichen Toiletten und Brunnen zu sichern hatte. Diese Kopplung gibt es nicht mehr. Das Land will die Reklameflächen insgesamt reduzieren und hat die Rechte einzeln verkauft – neben den Säulen etwa Leuchtkästen in Wartehallen, Vitrinen und sognannte City Light Poster. Brunnen und Toiletten sollen künftig aus den Einnahmen finanziert werden. Deren „signifikante“ Steigerung, die zuständige Senatorin erwartet 350 Millionen Euro in den nächsten 15 Jahren, sollte das wohl zulassen.

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