Von Humboldt nach der Natur skizziert

Quelle: Alexander von Humboldt: „Memoir on a new Species of Monkey found in the eastern Declivity of the Andes“, in: ders.: Sämtliche Schriften (Aufsätze, Artikel, Essays). Berner Ausgabe. 7 Textbände und 3 Ergänzungsbände. Herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich. München: dtv 2019, Band II, S. 448–451.

Als „Löwenäffchen“ bezeichnete Alexander von Humboldt die zuunterst abgebildete Spezies, die er bei seiner Südamerika-Expedition entdeckt hatte. Zusammen mit anderen zoologische Neuigkeiten, die er in den Anden beobachtete, wurde sie auf dieser Bildtafel 1806 den Lesern des englischsprachigen „The Philosophical Magazine“ vorgestellt. Von Humboldt selbst skizziert, von einem Stecher ausgeführt, können diese Abbildungen nun neuerlich angesehen werden. Sie illustrieren wie damals die zugehörigen Texte: 3600 Artikel, Aufsätze und kurze Mitteilungen, die der produktive Gelehrte seinerzeit weltweit in Druck gab, sind dank einer neuen 10-bändigen Humboldt-Gesamtausgabe wieder verfügbar.

Alexander von Humboldt war ein Tausendsassa. Er hat die Welt „vermessen“, daran wird zu seinem 250. Geburtstag am 14. September vielfach erinnert. Damit aber längst nicht genug: Er hat Kontinente bereist, Gesellschaft und Natur in Augenschein genommen und sinnlich erfahren wie kaum ein zweiter Gelehrter seiner Zeit: auf Hochseepassagen, Floßfahrten über den Orinoco, in sibirischen Schlitten und zaristischen Kaleschen, in Taucherglocken und Bergwerkstollen oder bei der – unvollendet gebliebenen – Besteigung des Chimborazo. Er hat Entdeckungen gemacht, die von neuen Pflanzenarten über aztekische Handschriften, alte Inka-Straßen, unerschlossene Erzgruben bis zum nicht nur meteorologisch bedeutsamen Humboldtstrom reichen. Zugleich hat er Natur- und gesellschaftliche Phänomene hinterfragt, Erscheinungen verglichen, systematisiert und Zusammenhänge hergestellt, die vielen seiner Zeitgenossen noch völlig fremd waren. So hat er das strenge Linnésche System der Arten aufgeschlossen, indem er Botanik und Zoologie mit Umweltbedingungen zusammenbrachte.

Hier skizzierte er die barometrische Nivellierung der Gegend zwischen Cartagena und Santa Fè. Quelle: Alexander von Humboldt: Sämtliche Schriften. Berner Ausgabe

Zum wissenschaftlichen „Kosmos“ – so der Titel seiner populären Vorlesungen in Berlin und seines fünfbändigen Lebenswerks – trug der unermüdliche Forscher bedeutende Erkenntnisse in zahlreichen Wissensgebieten bei. Der Wikipedia-Eintrag zu Alexander von Humboldt listet auf: Physik, Chemie, Geologie, Mineralogie, Botanik, Vegetationsgeographie, Zoologie, Klimatologie, Ozeanographie und Astronomie, aber auch Wirtschaftsgeographie, Ethnologie und Demographie. Wichtige Vorarbeiten zur Ökologie, an die seinerzeit als wissenschaftliche Disziplin auch noch nicht zu denken war, leistete er zudem mit Überlegungen zu globalen Systemen.

Humboldt hat sich politisch positioniert – etwa gegen Sklaverei und Antisemetismus oder im US-amerikanischen Wahlkampf. Mit uns heute unzulänglich scheinenden Mitteln hat er weltweit und in mehreren Sprachen kommuniziert und veröffentlicht. Er kannte Hinz und Kunz unter den geistigen Eliten seiner Zeit, viele band er in sein Netzwerk des Wissenstransfers ein. Er fand geeignete Mittel und Wege, sich und seine Forschungen im öffentlichen Diskurs zu halten. Realist, der er war, hat er seinem König in unvermeidlichem Maße gedient, obgleich er lieber in Paris Wohnsitz nahm. Herrschern ferner Länder hat er Erkenntnisse und Vorteile in Aussicht gestellt (und geliefert), sofern deren Reisegelder und Erlaubnisse nötig waren, seinen Forscherdrang zu stillen.

Humboldt war unendlich experimentierfreudig, selbst am eigenen Körper forschte er mit Galvanischen Zellen nach „tierischer Elektrizität“ oder schluckte das Pfeilgift Curare. Für modernste Instrumente und Messgeräte gab er Unmengen Geld aus. Er war gesellig und redegewandt, brauchte wenig Schlaf und ist sehr alt geworden. Zu den vielen Fertigkeiten, die er sich zeitlebens aneignete, gehörte früh auch das Zeichnen. Bereits in seiner Kindheit auf Schloss Tegel erhielt der talentierte Knabe Mal- und Zeichenunterricht, unter Anleitung von Daniel Chodowiecki wurde er im Kupferstechen und Radieren geschult. Das nutzte ihm später vielfach, speziell auf Reisen. Neben schriftlichen Tagebucheintragungen finden sich sehr detailgetreue Darstellungen von Landschaften, Pflanzen, Tieren. Nicht wenige dienten später als Vorlagen für Kupferstiche und Drucke, die in Humboldts zahlreiche Publikationen aufgenommen wurden. Auch exakte Karten nach eigenen Berechnungen zeichnete der Forscher. Er kann gar als Erfinder der Infografik gelten, wie etwa diese Illustration aus den mit seinem Mitstreiter, dem Botaniker Aimé Bonpland, gemeinsam herausgegebenen „Ideen zu einer Geografie der Pflanzen“ belegt.

Quelle: Zentralbibliothek Zürich

Der 250. Geburtstag Alexanders von Humboldts wird mit verschiedenen neuen Publikationen gewürdigt. „Editorische Krönung“ bildet die genannte zehnbändige Berner Ausgabe seiner sämtlichen „unselbständigen“ Schriften, die bei dtv erschienen ist.

Neben der Studienausgabe gibt es eine Vorzugsausgabe im Leinen-Schmuckschuber.

Die Texte waren ursprünglich in 15 Sprachen in 1240 Zeitungen, Journalen oder Sammelbänden erschienen. Nun sind sie im Original und in deutscher Übersetzung ganz überwiegend erstmals wieder einem Publikum zugänglich. Im Jahr 2021 soll die gesamte Edition auch online gestellt werden. Ein achtteiliges Hörbuch von hr2-Redakteuer Hans Sarkowicz bringt wichtige Humboldtsche Aussagen daraus – von Ulrich Noethen gelesen – mit Einschätzungen heutiger Experten zusammen. Aus der Gesamtausgabe ausgewählt haben die Herausgeber Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich außerdem 70 Texte aus 70 Schaffensjahren von 70 unterschiedlichen Erscheinungsorten. Sie sind in dem Band „Der andere Kosmos“ zusammengestellt.

Unter den kürzlich erschienenen Biografien sei die aktuellste von Rüdiger Schaper „Der Preuße und die neuen Welten“ genannt. Als Jubiläumsausgabe hat Walter Lack auch ein reich illustriertes Buch zu Humboldts botanischer Erforschung Amerikas vorgelegt. Vor allem jüngere Leser will die Humboldt-Biografin Andrea Wulf gemeinsam mit der New Yorker Illustratorin Lillian Melcher erreichen. „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“ heißt die Graphic Novel, die sich von seinen Reisetagebüchern inspirieren ließ.

 

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