Verliebte Leserin künftig nie mehr allein

Bis 2021 sah es fast 300 Jahre lang so aus: das Brieflesende Mädchen der Dresdener Gemäldegalerie. Foto: Wikimedia.org

Das „Brieflesende Mädchen am offenen Fenster“ von Jan Vermeer kennt fast jeder. Doch so, wie es hier noch abgebildet ist, wird das Original nie mehr zu sehen sein. Ein Restaurator der Dresdener Gemäldegalerie hat über zwei Jahre lang akribisch Übermalungen von fremder Hand entfernt. Nun wird das Bild erstmals wieder so gezeigt, wie es einst das Atelier in Delft verließ: mit einem Cupido an der Wand.

Es war eine ziemliche Sensation: Dass es Übermalungen auf dem weltberühmten Bild gab, war schon lange klar. Vermeer selbst hatte etwa Gegenstände hinter dem grünen Vorhang auf der rechten Bildseite verschwinden lassen. Doch den Cupido, den er auch auf anderen Gemälden als Wandschmuck verewigt hatte, das machten neueste Untersuchungen im Zuge einer geplanten Restaurierung klar, hatte hier nicht der Meister, sondern jemand anderes viele Jahre später übermalt. Auch befragte internationale Experten hielten es deshalb für gerechtfertigt, die Übermalung zu beseitigen und den Amor wieder ans Licht zu holen. In dieser neuen, alten Fassung erlebt das „Brieflesende Mädchen“ jetzt in Dresden seine neuerliche Weltpremiere.

Vermeers Bild war 1742 in Paris für Sachsens Kurfürsten Friedrich August II. aus der Sammlung eines französischen Prinzen erworben worden. Die Briefleserin war beim Kauf quasi eine kleine Draufgabe, als Rembrandt deklariert. Vermeer selbst war zu der Zeit vollkommen vergessen. Da in der Korrespondenz zum Dresdner Ankauf trotz dessen auffälliger Größe von keinem Cupido im Hintergrund des Bildes eine Rede war, wisse man mit Sicherheit, dass das Bild zum Zeitpunkt des Verkaufs schon übermalt war, heißt es aus der Gemäldegalerie. Die Existenz des Hintergrund-Amor ist zwar seit einer Röntgenaufnahme 1979 bekannt, doch ging die Fachwelt eben davon aus, dass Vermeer die Wand des Raumes selbst übermalt hatte. Das wurde nun widerlegt.

Zwischenstand der Restaurierung. Foto: SKD, Wolfgang Kreische

Inzwischen hat der Dresdner Restaurator Christoph Schölzel die nicht mal einen Millimeter dünne Übermalungsschicht extrem vorsichtig mit einem winzigem Skalpell unter dem Mikroskop entfernt. An einem guten Tag schaffte er ein bis zwei Quadratzentimeter, wird berichtet. Der stehende Liebesgott mit Bogen, Pfeilen und zwei Masken kam nach einer anfänglichen wenige Zentimeter breiten Probeentfernung so Stück für Stück vollends zum Vorschein. Er ist übrigens kein Unbekannter. Vermeer hat den Amor auch in mehreren anderen seiner Gemälde als „Bild im Bild“ eingesetzt. Nach fast 270 Jahren tritt er auch wieder hinter ist die Dresdner Briefleserin. Das 83 mal 64,5 Zentimeter große Gemälde erhält so einen ganz anderen Subtext, als Betrachter das bislang ahnen konnten.

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden feiern ihren „neuen“ Schatz ab 10. September mit einer Ausstellung „Johannes Vermeer. Vom Innehalten“. Die Schau vereint insgesamt 58 Bilder niederländischer Fein- und Genremaler. Fast ein Drittel des gesamten Œuvres von Vermeer ist zu sehen, von dem nur 35 Originale erhalten sind. Zwei davon befinden sich in der Dresdner Galerie: „Bei der Kupplerin“ (1656) und die Briefleserin (um 1657-1659). In der aktuellen Schau kommen acht Vermeer-Leihgaben hinzu, darunter „Briefleserin in Blau“, „Dienstmagd mit Milchkrug“ und „Die kleine Straße“ aus dem Rijksmuseum Amsterdam, sowie Gemälde, die sonst in London und Washington hängen.

Die Ausstellung läuft bis zum 2. Januar 2022.

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