UNESCO-Schutzglocke vorm Abbaggern?

Der westliche Ortseingang im Winter 2018 Foto: Arne Müseler/ www.garzweiler.com

Wird der nordrhein-westfälische Ort Lützerath UNESCO-Welterbe? Das bereits weitgehend verlassene und vom kompletten Abriss bedrohte Dorf am Rande des Tagebaus Garzweiler II gilt als neues Symbol für den Konflikt um den Baunkohleabbau in Deutschland. Erste Schritte zur Aufnahme in die Welterbe-Liste der Vereinten Nationen haben Unterstützer des Dorferhaltes im Dezember unternommen.

Ein entsprechender Antrag wurde beim Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen sowie beim Landesamt für Denkmalpflege Rheinland gestellt. Beide Behörden sind von der UNESCO mit der Erstprüfung betraut.

Lützerath ist mittlerweile Ort grundsätzlicher Auseinandersetzungen um die Klimapolitik geworden. Foto: Parents for Future Bielefeld

Den Anstoß gaben mehreren Großdemos in Lützerath Ende Oktober 2021. „Die Idee ist vor der Bühne geboren, als der Künstler Thomas Baumgärtel den Hof Heukamps zum Kulturort ernannt hat – da dachte ich, dass es etwas noch Stärkeres brauche, eine Art Schutzglocke, die man über diesen Ort stülpen müsse, und bin dabei auf das UNESCO Weltkulturerbe gekommen.“ So erklärt es Initiator Bastian Brinkmann vom Zusammenschluss Parents for Future Bielefeld, der das Projekt angestoßen hat: Lützerath steht damit für eine historisch belegte Form der Energiegewinnung. Es ist gleichermaßen industrielles Kulturerbe wie Mahnmal.“

Auch Parents for Future sagen Energieriesen den Kampf an. Foto: Parents for Future Bielefeld

Der Landwirt Eckardt Heukamp, letzter alteingesessener Grundbesitzer in Lützerath, und zwei andere Einwohner haben Beschwerden gegen den Enteignungsbeschluss durch RWE eingelegt, über die Anfang Januar das Oberlandesgericht Münster befinden sollte. Die Entscheidung wurde allerdings vertagt. Heukamp und viele zugereiste Protestierende, die zahlreiche Baumhäuser errichtet haben, bestreiten, dass die Kohle unter den Dörfern wie Lützerath überhaupt noch abgebaut werden muss, um eine funktionierende Stromversorgung zu sichern. Der Energiekonzern RWE will mit Garzweiler II im rheinischen Revier zwischen Aachen und Düsseldorf weiterhin jährlich 35 Millionen Tonnen fördern. Von dem Dorf Lützrath, Ortsteil von Erkelenz, ist die Tagebaukante momentan nur noch weinige Hundert Meter entfernt.

Eckardt Heukamp und führende Aktivist*innen der Bewegungen in und um Lützerath begrüßen die UNESCO-Initiative. Heukamp: „Wir sind gespannt auf die nächsten Schritte hin zu einem weiteren Schutzwall zugunsten der Gesunderhaltung von Klima, Natur, Mensch. Natürlich würde uns allen ein positiver Bescheid vom Ministerium guttun“, sagte er vor dem Jahreswechsel.

Sofern die beiden Behörden grünes Licht geben, müsste als nächstes die Kultusministerkonferenz (KMK) entscheiden. Sie führt die aus den Ländern eingereichten Vorschläge zu einer gemeinsamen Vorschlagsliste zusammen. Die Anträge werden dann dem Auswärtigen Amt zugeleitet, das wiederum die Übermittlung an die UNESCO übernimmt.

 

 

 

 

 

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