Monimbo und die Kunst am Bau

Wandbild hinter Bauplanen. Zustand Anfang Juni 2019.
Foto: Chistian von Polentz

Ein Baugerüst als Kunstwerk? Natürlich nicht. Es geht um das noch Verborgene. Denn dass hinter diesen Planen an einer Giebelwand im Berliner Bezirk Lichtenberg nun zum dritten Mal ein Kunstwerk (wieder)entsteht, das – so Experten – zu den „größten und schönsten Wandbildern mit naiver Malerei in der Welt“ zählt, das kommt wirklich einem Kunststück gleich. Mit vielen Beteiligten.

Das monumentale Bild wurde zu DDR-Zeiten von dem nicaraguanischen Nationalpreisträger, dem Maler Manuel Garcia Moia entworfen und von ihm zusammen mit den Kollegen Martin Hoffmann und Trakia Wendisch an die freistehende Giebelwand in der Skandinavischen Straße 26 gemalt. Im Auftrag des Magistrats der DDR-Hauptstadt und des Kulturministeriums. Entsprechend groß war der Bahnhof zur Einweihung Ende August 1985. Das 255 Quadratmeter große Mural „Nicaraguanisches Dorf – Monimbo 1978“ zeigte Szenen aus dem Leben im Heimatdorf des Künstlers, mit leuchtenden Farben gemalt. Doch wer genauer hinsah, erkannte, dass die Dorfbewohner, fast ausschließlich Indios, bei ihren alltäglichen Verrichtungen von Militärs des herrschenden Somoza-Regimes überfallen werden. Tatsächlich war das Dorf nach einem Aufstand dem Erdboden gleichgemacht worden, 343 Menschen kamen zu Tode. Daran und an den Befreiungskampf des nicaraguanischen Volkes generell wollte Moia erinnern. Jahrzehntelang war das strahlende Wandbild mit ernstem Hintergrund zugleich ein Lichtenberger Wahrzeichen. Unter Denkmalschutz kam es nie.

Das farbenfrohe Giebelgemälde war zugleich ein Wahrzeichen des Stadtbezirks. Zustand 2005.
Foto: Gabriele Senft

In den 1990er Jahren wurde das ehemals kommunale Gebäude privatisiert. Der  Hauseigentümer kam nach der Jahrtausendwende auf die Idee, die Fassade energetisch zu sanieren und den Giebel mit einem Wärmedämmverbund zu versehen. Das Bild wollte er dahinter verschwinden lassen. Dagegen regte sich Widerstand. Eine sich bildende Kunstinitiative aus dem Berliner Kiez setzte durch, das Original, das durch mineralische Putzträgerplatten und Armierungsschichten überdeckt werden sollte, zumindest vorab zeichnerisch und fotografisch zu dokumentieren. Nach der 2003 erfolgten Dämmung konnte die Initiative erreichen, dass das Bild als maßstabsgetreue Rekonstruktion auf die verputzten Dämmplatten wieder aufgebracht wurde. Dazu wurden Gelder in Höhe von 100.000 Euro gesammelt, es gab Stifter und Sponsoren.

Manuel Garcia Moia autorisierte 2005 das kopierte Urbild.
Foto: Gabriele Senft

Die Kopie wurde seit 2004 von den Malern Gerd Wulff und Max Michael Holst geschaffen, wobei Moia selbst letzte Hand anlegte und das Werk autorisierte. Direkt auf die schwarz grundierte Putzschicht aufgebracht, wurde das Wandbild im September 2005 der Öffentlichkeit übergeben. Auch diesmal kamen Botschafts-, Senats- und Bezirksvertreter zur festlichen Einweihung. Bürgerschaftliches Engagement sorgte dafür, dass wenig später der Platz, der sich unmittelbar vor der Straßeneinmündung mit dem Giebelbild erstreckt, den Namen Monimbo-Platz erhielt.

Die Freude währte nicht lange. Ab 2012 zeigten sich deutliche Risse im Wandbild, die sich bald vergrößerten und ganze Teile mitsamt Putz herabfallen ließen. Im Sommer 2013 mussten die Reste der schadhaften Dämmschicht „kontrolliert abgebaut“ werden, wie es im Gutachten von zwei Restauratorinnen hießt, die noch im gleichen Jahr einen Schadbildkatalog erarbeiteten und im Folgejahr Vorschläge zur neuerlichen Restaurierung vorlegten. Zum Zeitpunkt ihrer Untersuchung war wieder das „originale Wandbild mit Resten der Klebemörtelschichten sichtbar“. Die Fachfrauen Dunja Rütt und Anette Schulz erkannten Verarbeitungsfehler beim neu aufgebrachten Putzsystem und erklärten eine mögliche Restaurierung zum „Präzedenzfall“ – hie unbeständige originale Malerei, da ungünstiger bautechnischer Aufbau. Im Hintergrund wurde längst zwischen Eigentümer, ausführender Fassadenbaufirma und dem Farbhersteller über die Schuldfrage und Schadensersatz gestritten.

„Die Sanierung der Fassade plus das Aufmalen einer Kopie des Gemäldes kostet rund 150 000 Euro“, erklärte 2013 der damalige Bezirksbürgermeister Andreas Geisel (SPD), der sich als Vermittler im Streit sah und einen Vergleich unter Einbeziehung der Kunstinitiative anstrebte, die inzwischen die Rechte am Wandgemälde besitzt. Bis 2018 zogen sich die Debatten hin, zwischenzeitlich wurden ein Runder Tisch, dann eine Steuerungsrunde Projekt Nicaragua-Wandgemälde gegründet. Einerseits war klar, dass die überlieferten Restflächen des Gemäldes nicht mehr konserviert werden könnten. Die Empfehlung lautete also: Neufassung des Bildes auf fachgerechtem Malgrund. Dafür wurde neuerlich die erforderlichen Gelder zusammengebracht. Grundstock bildete die Versicherungssumme. Die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Lichtenberg beschloss, die Wiederherstellung mit mindestens 60.000 Euro mitzufinanzieren, die Bürgerinitiative sammelte erneut 40.000 Euro.

Im Mai 2019 haben hinter den Fassadenplanen nun die Arbeiten begonnen. Offenbar ist der Auftrag diesmal an eine französisch-deutschen Künstlergruppe um Halim Bensaid und Steve Rolle gegangen. Auf das Ergebnis und das damit dritte Leben des Dorfes Monimbo in Berlin-Lichtenberg darf man noch eine Weile gespannt sein.

 

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