Mehr oder weniger radikale Aufbrüche

Gotthard Krupp: 1918-1968-2018, Öl auf Leinwand

„AUF BRÜCHE 1918 – 1968 – 2018“ betrachtet 100 Jahre deutscher Geschichte, die vom Ende des Ersten Weltkriegs bis heute reichen, die „68er“ genau in der Mitte. Um „Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinter den historischen Daten“ ging es den Ausstellungsmachern – dem ver.di Fachgruppenvorstand Berlin-Brandenburg der Bildenden Künstler in deren traditioneller jährlichen Schau in der MedienGalerie.  „Das Bild zur Ausstellung“, das direkt am Titel anknüpft und auf realen Fotodokumenten basiert, schuf Gotthard Krupp. Er selbst bezeichnet es als „Versuch“, bei dem – im Gegensatz zu seiner sonstigen Arbeitsweise – (Öl)Farbe erst ganz zum Schluss ins Bild kam.

Erinnerung und Mahnung seien sein Ziel gewesen, erklärt Krupp. Doch wolle das Bild auch “ein Ausdruck von Hoffnung sein – angesichts des sich in vielen Teilen der Welt erhebenden Widerstands gegen Krieg, Unterdrückung und soziales Elend“.

Um zu neuen Ufern aufbrechen zu können, so beschrieb Fachgruppenvorsitzender Andreas A. Jähnig bei der Ausstellungseröffnung, müsse mal alte verlassen; ein Bruch sei nötig, eine gewisse Radikalität. Ob darauf Restauration – alter Wein in neuen Schläuchen – wie in der Weimarer Republik folge, ob wenigstens etwas frischer Wind unter muffige Talare geblasen und der schreckliche Vietnamkrieg beendet werde oder aktuell eine Zeit von Verwirrung anhebe, in der kaum noch Visionen erkennbar scheinen, doch das Kapital noch immer herrscht, zeige sich in genauerer Analyse. Die „Bestandsaufnahme“ falle für ihn letztlich ernüchternd aus. Auch nach dem Ende des Kalten Krieges seien keine friedlichen Zeiten angebrochen; die Situation stelle sich „unsicherer, gewaltsamer, ungerechter“ denn zuvor dar. Doch gehe es, so Jähnig, letztlich „nicht darum, wogegen, sondern wofür wir uns einsetzen. Kapitalismus ist kein Naturereignis. Wir können auch alles ganz anders machen!“

Schwer zu integrieren?

Fünfzehn Werke wurden diesmal ausgewählt, die – unterschiedlich in Material und Handschrift – alle auf Veränderungen deuten. Andreas Jähnig, eigentlich Bildhauer, ist mit zwei Kaltnadelradierungen dabei. Akbar Behkalam stellt eine Mischtechnik auf Löschpapier aus, die er zwar „ohne Titel“ ließ, sich dem Betrachter aber unmittelbar erklärt: Wie zusammengeweht steht eine Gruppe gesichtloser, geduckter Gestalten, einem scharfen Wind oder einer anonymen Macht ausgesetzt oder trotzend. Die eigene Fluchterfahrung des Künstlers und sein wacher politischer Verstand scheinen in dieses Bild eingeflossen. Jeder der beteiligten Künster_innen habe „eine Haltung, eine eigene Position“ zum Thema gefunden, zeigte sich Kuratorin und Malerin Barbara Salome Trost überzeugt, die selbst mit einem „Wasser“-Ölgemälde vertreten ist. Die 2018er Ausstellung sei Dieter Ruckhaberle gewidmet, dem im Mai verstorbenen Nestor der Fachgruppe, der alle über Jahrzehnte mit seinem scharfen politischen Verstand, seinen Ideen, seiner Beharrlichkeit und Durchsetzungskraft inspiriert und bestärkt habe. Das Ölgemälde „Emigrant“ von 1995 erinnert an den Maler, Museumsmann und Mitbegründer der IG Medien.

Es zeigt einen aufrecht stehenden Mann im blutrotem Dress, dessen Konturen und vor allem dessen Antlitz verschwommen bleiben. Das Bild korrespondiert in der Schau mit einem anderen Porträt:

Gerdi Sternberg: Oktai, Eitempera auf Leinwand, 2018

Ähnlich gerade in seiner Haltung, auf zwar hellem, doch gleichermaßen ungefährem Hintergrund bietet sich die Gestalt eines Jungen dar, dessen Gesicht durch kreuzweise über den Mund angebrachte Klebestreifen zum Teil unkenntlich bleibt. „Oktai“, so hießen Bild und Flüchtlingskind, begegnete Gerdi Sternberg im Malkurs an einer Grundschule. Der Zehnjährige fiel durch Isoliertheit, doch Lebensfreude und eine gewisse Extrovertiertheit auf. Des Deutschen noch nicht mächtig, dokumentierte er die eigene Sprachlosigkeit eines Tages, indem er sich selbst den Mund verklebte. Ihn zu malen, habe sich als ähnlich schwieriges Unterfangen erwiesen, wie ihn in die Arbeitsgemeinschaft zu integrieren. Eitempera sei für sie die Technik gewesen, mit der sich am ehesten korrigieren, das Vage, die Farbnuancen am besten einfangen ließen, erklärte die Malerin den Besuchern der Vernissage.

Wie frei ist der Mensch?

Weitere gezeigte Werke sind ebenfalls erst in diesem Jahr entstanden. Etwa Andreas Haltermanns Schilder mit den Aufschriften „Aufstehen!“ und „Liegenbleiben!“, Anne Ullrichs Aqurell „Raum“, das im Nachdenken über Malerei und ein „Streben nach Unerreichbarem“ entstanden sei, Sandra Beckers kleinformatige Design-Fotografien „Wie frei ist der Mensch“ oder Rainer Wieczoreks Mischtechnik „Revolution Evolution Hoch das Leben“.

Heike Ruschmeyer: Moderne Gentrifizierung? „Schwarz auf Weiß“, Ölfarbe auf Baumwolle, 2017

Zu aktuellen Themen nahmen auch Tina Schwichtenberg und Heike Ruschmeyer Stellung. Während erstere mit einer fünfteiligen Fotoübermalung unter dem Titel „PANAMA-PAPERS“ Porträts statt Steuerschlupflöcher zeigt, verweist Ruschmeyer mit einem fotografisch anmutenden Ölgemälde „Schwarz auf Weiß – London Kensington, 14. Juni 2017“ auf tödliche Auswüchse moderner Gentrifizierung.

An die Anfänge des gewählten Zeitstrahls zurück führt dagegen Barbara Willems künstlerische Auseinandersetzung mit Rosa Luxemburgs Herbarium. Zwei Blätter aus dem Werkzyklus in Kohle auf Papier, der auf den originalen botanischen Heften der Revolutionärin basiert, zeigen „Gemeinen Wassernabel“ und vierblättrigen Klee.


Die Ausstellung „AUF BRÜCHE 1918 – 1968 – 2018“ der Fachgruppe Bildende Kunst von ver.di Berlin-Brandenburg ist noch bis 14. Dezember 2018 in der MedienGalerie, Dudenstraße 10, 10965 Berlin, zu sehen.

www.mediengalerie.org

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