„Looking at the Stars“ zeigt mehr als das Offensichtliche

Filmsequenz. Foto: W-Film

„Eine Ballerina muss immer zu den Sternen aufschauen, auch wenn sie diese nicht sehen kann“, sagt Fernanda Bianchini. Mitten im brasilianischen São Paulo liegt die Ballettschule, die sie gegründet hat. Die jungen Leute, die hier klassischen Tanz lernen, profitieren von einem einzigartigen Konzept. Statt auf Blut, Schweiß und Tränen baut Bianchini auf Berührungen, Gehörsinn und vor allem: Mut. Für ihre Tänzer*innen ist die Schule ein sicherer Hafen und die Bühne ein Ort, wo sie frei und unabhängig sein können. Sie sind blind.

Das alles und noch viel mehr zeigt der Dokumentarfilm „Looking at the Stars“ („Olhando para as Estrelas“), der am 13. Februar 2020 deutsch untertitelt in 25 Kinos bundesweit startet. Er spielt überwiegend hier: In „Fernanda Bianchini’s Association of Ballet and Art for Blind People“, der weltweit ersten und einzigen Ballettschule für Blinde.

Training mit Mut, Berührung und Wiederholung.
Foto: W-Film

Die bahnbrechende Methode des Tanzunterrichts – die auf Berührung und Wiederholung der Bewegung setzt – ist von hohem künstlerischem und integrativem Wert. Unglaubliche Ausdauer und intensive Proben führten dazu, dass die blinden Tänzer*innen aus São Paulo inzwischen Einladungen zu renommierten Festivals auf der ganzen Welt erhielten.

Die Schule, die vor allem junge Frauen und Männer aus einkommensschwachen Familien der Region um São Paulo ausbildet, startete 1995 mit nur zehn Schülern. Neben klassischem Ballettunterricht gibt es hier auch kostenlose Kurse in Pattaya, Gesellschaftstanz, Körperausdruck, Seniorentänzen und Theater. Pilates- und Physiotherapie-Übungen fördern die Gesundheit der Teilnehmer. Außerdem entwickelt das Institut Methoden, um Rollstuhlfahrern klassischen Ballettunterricht anzubieten. Bisher wurden hier etwa 500 Menschen mit Behinderung betreut. „Fernanda Bianchini’s Association of Ballet and Art for Blind People“ wurde mit zahlreichen Preisen und Ehrungen ausgezeichnet.

Die Ballettschule finanziert sich maßgeblich durch Spenden und unterrichtet aktuell über 300 Schüler unterschiedlichen Alters, die meisten sind sehbehindert. Derzeit beschäftigt das Institut 13 Tanzlehrer, darunter die blinde Geyza Pereira da Silva, die selbst dort ausgebildet wurde.

Geyza auf einer Brücke in São Paulo.
Foto: W-Film

Sie ist eine Hauptdarstellerin im 89-Minuten-Dokumentarfilm „Looking at the Stars“. Die andere ist Thalia, eine ihrer Schülerinnen.

Filmregisseur Alexandre Peralta stammt aus auch São Paulo, er studierte Film- und Fernsehproduktion in Los Angeles. „Looking at the Stars“, seinem Langfilmdebüt von 2016, war eine Kurzfilmvariante vorausgegangen. Beide Streifen erhielten inzwischen Auszeichnungen. Peralta rückblickend: „Das Projekt wurde immer größer und die unerwarteten Geschichten… verlangten plötzlich mehr Raum, mehr Zeit und mehr Bilder. Schließlich zeigten wir nicht mehr nur die Arbeit der Ballettschule, sondern das Leben der blinden Tänzer in seiner ganzen Komplexität. Dabei rückten wir die Geschichten von Geyza und Thalia in den Mittelpunkt, die gerade große Veränderungen in ihrem Leben durchmachten… Und wir lernten auch, dass die größten Herausforderungen dieser Menschen weit über das Offensichtliche, nämlich ihre Blindheit, hinausgehen.«
Der Film kommt barrierefrei in die Kinos mit Audiodeskription und Untertiteln für Gehörlose über eine App.


Aktueller Nachtrag: Zur deutschen Filmpremiere am 29. Januar um 19.30 Uhr im Berliner Kino filmkunst66 wird auch Regisseur Alexandre Peralta erwartet.

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