In der Flutnacht nachgewässert

Aus der Not eine Tugend. Scheunentor in St. Thomas. Foto: Toni Nemes

Eine temporäre „Fotoausstellung“ ist momentan im Eifelort St. Thomas zu sehen. Hier trat in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 die Kyll, ein Mosel-Nebenfluss, über die Ufer. Zwar sind die Schäden nicht mit denen im Ahrtal vergleichbar, doch kam es zu seit Menschengedenken einmaligen Überflutungen. Gewässert wurden dabei auch etliches Archivmaterial des kürzlich hierher gezogenen Fotografen Toni Nemes. Nach Trocknung hat er einige der Bilder am Scheunentor angebracht – „Featured by the Kyll“.

Grundsätzlich sind er und sein neues Domizil – ein mehr als 200 Jahre alte Bauerngehöft – bei der Flut glimpflich davongekommen. Erwischt hatte es allerdings eine Kiste mit großformatigen Fotos.

Foto: Toni Nemes

Unter den „nachgewässerten“ Abzügen befinden sich solche, die zuvor bereits in Ausstellungen gezeigt oder in Zeitschriften gedruckt wurden. Etwa „Visafrei bis Hawai“: Hier hat der Fotograf im April 1991 in Chemnitz den Aufkleber am Heck eines leicht demolierten Autos abgelichtet, als er mit schreibenden Kolleg*innen auf einer Reportage-Reise für die Gewerkschaftszeitschrift „Ausblick“ der damaligen Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen unterwegs war. „Es passt heute unter Corona wieder genau in die Zeit“, findet Nemes.

War bereits in Berlin ausgestellt. Foto: Toni Nemes

Die Kyll hatte aber auch auf der Tenne gelagerte private und Urlaubsfotos sowie solche aus der Gegend erfasst. Eine Aufnahme von 2016 etwa zeigt „Alte Kyllbrücke“ (vorn) und „Neue Kyllbrücke“ (hinten) im benachbarten Kyllburg.

Heimatbild der speziellen Art Foto: Toni Nemes

Toni Nemes, aus der dokumentarischen Pressefotografie kommend, verfolgt seit dem Ausstieg aus dem Journalismus stärkere künstlerische Ambitionen. „Ich habe mir schon vor ein paar Jahren eine analoge Mittelformatkamera gekauft, mit der ich zukünftig wieder vermehrt in Schwarzweiß fotografieren möchte, also weg von der inflationären Digitalfotografie“. Dazu werde er auch wieder das seit fast 25 Jahren eingemottete Fotolabor aktivieren und will sich Themen widmen, „die nicht weglaufen“. Zum Beispiel der Eifeler Landschaft.

Werbung unter Flutbedingungen Foto: Toni Nemes

Zunächst hat ein Eifeler Naturereignis zwar einiges Archivmaterial verdorben, ihm aber gleichzeitig die Idee mit der „Ausstellung“ beschert, die etliche Bilder eher unerwartet und quasi vom Fluss ausgewählt „nochmal ans Licht gebracht hat“.

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