Fotografische Spurensuche: Erinnern im Heute

In Spremberg Foto: Gabriele Senft

Die Statue einer trauenden Mutter und viele Namen im brandenburgischen Spremberg: 687 Soldaten der Roten Armee fanden hier auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof ihre letzte Ruhestätte. Eine von zahlreichen Stationen einer fotografischen Spurensuche der Berliner Journalistin Gabriele Senft. Sie folgte 2020 – im 75. Jahr der Befreiung der Völker Europas vom deutschen Faschismus – dem Weg der Roten Armee von der Oder bis Berlin. Das Buch – es wurde weit mehr als ein Bildband – erschien, wie so vieles in Pandemie-Zeiten, verspätet. Aktuell ist es dennoch.

„Wir leben in erschreckenden Zeiten, in denen Nationalismus und Rassismus nicht nur in Deutschland wieder gesellschaftsfähig werden, auch dadurch, dass Geschichtsdaten vergessen gemacht oder verfälscht werden,“ sagt die für sozial engagierte Bewegungen, Zeitungen und Verlage arbeitende Autorin im Vorwort des den „Sowjetsoldaten gewidmeten“ Buches. Der Buchtitel „Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten“ mit der ersten Zeile der deutschen Übersetzung des zu Kriegsbeginn weltweit bekannt und für die sowjetischen Soldaten symbolisch gewordenen Liedes „Katjuscha“ ist absichtsvoll gewählt: Der „lang ersehnte“ Frühling des Jahres 1945 schwelgte in Blütenpracht.

Foto: Gabriele Senft

Gabriele Senft unternahm eine „Zeitreise“, forschte in der „Oderlandschaft zur Jahreszeit der Kämpfe“, suchte Ehrenfriedhöfe und Denkmäler für die Gefallenen auf. Über das ursprünglich Vorgenommene hinaus habe sie sich an authentischen Orten den „Gedanken der Befreier genähert, dem Erleben und der Motivation der Soldaten“. Sie gab einigen Zeitzeugen „ein Gesicht und das Wort, ihre Botschaft weiter zu vermitteln“. Die „Wirkung der Fotos durch eindringliche Worte zu verstärken“, recherchierten Gabriele Senft und ihr Verleger Wiljo Heinen vom Berliner Verlag Arbeiterlogik gemeinsam. Prägnante Texte mit Erinnerungen, Dokumenten, Nachrichten, Auszügen aus Reden, Interviews und Gedichten sind den Bildern beigegeben.

„Blut und Tod unserer Landsleute riefen zur Vergeltung auf“, erinnerte sich beispielsweise Majorin Anna Wladimirowna Nikulina. „Aber keine Vergeltung am Volk, sondern an den Faschisten und ihren Rädelsführern.“

Geschildert werden auch unglaubliche Momente, wie sie der Leiter des Stabs der Frontkameraleute Leon Saakow erlebte: „Es gab vor dem großen Angriff, der letzten Schlacht um Berlin, einen Augenblick vollkommener Stille. Und plötzlich hörten wir einen wunderbaren Ton. Wir hörten den Gesang der Nachtigallen. Zwischen dem geradezu kosmischen Donner der Artillerie und dem Angriff der Luftwaffe sangen sie ohne Pause.“

Die Fotos widerspiegeln das Erinnern im Heute: Bekanntes wie die Feiern zum Tag der Befreiung am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow mit Blumenniederlegen und Musik. Erschütterndes wie Porträts von in der Genickschuss-Baracke des KZ Sachsenhausen ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen. Bewahrtes wie die Inschriften sowjetischer Soldaten im Reichstagsgebäude. Alltägliches wie der Blick in die Weite der Oderlandschaft oder auf ein rostiges Geländer an einer alten Potsdamer Brücke. Und, natürlich, auf üppig blühende Apfelbäume.

Porträt Eva Kemlein Foto: Gabriele Senft

Dazu berichtet Senft in eindrucksvollen Porträts von Begegnungen wie der mit Tamara Misch, deren Familie Opfer der Rassenideologie der Faschisten wurde, die heute in Naumburg lebt und Vorsitzende der Basisgruppe der VVN/BdA ist. Oder von Theaterfotografin Eva Kemlein, deren einzig geretteter Besitz nach drei Jahren wechselnder Verstecke vor den Nazis eine Leica war. Ein Glossar zu den Bildern erläutert Hintergründe.

Gabriele Senfts Reise in „vergangen geglaubte und vergangene Zeiten“ fordert zum Nachdenken heraus. Sie ist ein erneutes Entdecken dessen, was uns wichtig bleiben muss.

 

Gabriele Senft: „Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten. Der lang ersehnte Frühling“. Verlag Arbeiterlogik, Berlin, 2020. ISBN 978-3-95514-913-0, 195 Seiten, 28,50 €

 

 

 

 

 

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