Eine Art Freilichtkino: Das „Colosseum“ retten

Colosseum Ausstellung an der Gethsemanekirche. Foto: Christian von Polentz

Reichlich 100 Meter Luftlinie liegen zwischen dem „echten“ Kino „Colosseum“ im Berliner Prenzlauer Berg und dieser Ausstellung. Die Tafeln wurden an Zaun der Gethsemanekirche angebracht. Sie informieren über die Geschichte des traditionsreichen Lichtspielhauses und liefern Kommentare und Staements, die Zuschauer*innen und Unterstützer für ihr Kiezkino abgegeben haben. Denn es soll geschlossen bleiben und womöglich Büroflächen weichen.

Als die meisten Lichtspielhäuser Anfang Juli nach dem ersten Shutdown mit Hygienekonzepten wieder öffneten, verschenkten die Beschäftigten des „Colosseum“ vor dem Eingang Popcorn und symbolische Eintrittskarten. Ihr Haus blieb zu. Im Mai hatten sie vom Insolvenzverwalter erfahren, dass die Eigentümer das „Colosseum“ nicht mehr öffnen wollen. Es sei nicht mehr wirtschaftlich zu betrieben, so äußerte sich Geschäftsführer Sammy Brauner auf Nachfrage öffentlich. Die Beschäftigten sind davon nicht überzeugt. Sie wollen ihr Kino als Kulturstandort erhalten und ihre Arbeitsplätze retten.

Das 1924 an der Schönhauser Allee eröffnete Kino ist eine Institution. Filmlegende Artur Brauner kaufte es Anfang der 1990er Jahre, modernisierte und baute es aus. Das große Kino 1 mit 525 Sitzen und das Foyer stehen unter Denkmalschutz. Seit 1997 wurde das „Colosseum“ als Multiplex mit zehn Sälen und 2650 Plätzen unter der Geschäftsführung von Brauner-Sohn Sammy betrieben. 350 000 Besucher kamen 2019 ins Haus. Nicht nur zur Berlinale war es Festspielort, hier gab es auch Spatzen-Kino für Kita-Kinder, eine Türkische Filmwoche, regelmäßige Vorführungen originalsprachlicher Streifen und Veranstaltungen wie Jugendweihen oder Firmenevents.

Seit Mai bekamen die 43 Kino-Beschäftigten kein Geld mehr. Gekündigt sind sie bis heute nicht, da keine Einigung über Interessenausgleich und Sozialplan erreicht ist. Doch sie gründeten recht schnell die Initiative #RettetDasColosseum. Jeden Donnerstag organisieren sie Aktionen. Zwei große Demos mit vielen hundert Teilnehmern gab es im Juli und August, dazu kamen Lesungen, Kiezspaziergänge und Siebdruckaktionen. Nun gibt es zusätzlich die Ausstellung.

Viele Meter Kommentare zum Lieblingskino der Prenzelberger. Foto: Christian von Polentz

Auch die Bezirkspolitik haben die Protestierenden ganz schön aufgemischt. Erst recht, als sich herausstellte, dass im Herbst 2019 bereits ein Bauvorbescheid für unser Areal genehmigt worden war. Sie hätten damit nichts zu tun, sagen die Brauner-Erben, doch Vieles deutet darauf hin, dass das Kino neuen Büroflächen weichen soll. Die brauche hier niemand. «Wir wollen das „Colosseum“ als Kulturstandort erhalten. Neben dem Kinobetrieb stellen wir uns künftig auch Lesungen, Ausstellungen, Theateraufführungen, Diskussionen im Haus vor», sagt Betriebsratsvorsitzender Martin Rathke. Alle Kinos müssen im November 2020 wieder schließen. Doch auch die Geschichte des „Colosseum“ soll noch nicht zu Ende sein. Weil sie hier schon „bei Dirty Dancing geträumt und bei Titianic geweint“ habe, meint etwa Besucherin Tanja E.

 

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