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Ausstellung auf dem Erfurter Anger am 28. September 2019. Foto: Iris Wolf

Sie geht mit ihren Arbeiten gern nach draußen. Ende September – einige Wochen vor der Landtagswahl in Thüringen – präsentierte die Fotografin Iris Wolf ihre Ausstellung „Lost in Work“ auf dem Erfurter Anger. Prekär oder im Niedriglohnsektor Beschäftigte sind die Protagonisten. Eine Installation aus Bild, Ton und Text. Die Passanten waren zum Schauen, Hören und Debattieren eingeladen. „Ein gelungenes Experiment“, sagt die Künstlerin. Ein ähnliches Projekt hatte sie bereits 2018 in einer Dortmunder U-Bahn-Station vorgestellt.

Roxana, die auf der Wiese sitzt und gerade einen hellblauen Schwimmflügel aufbläst, ist alleinerziehende Krankenschwester. Der Fotografin hat sie davon erzählt, dass sie und ihre Kolleg*innen mit ver.di seit Monaten um einen Entlastungstarifvertrag für die Beschäftigten am Uni-Klinikum in Jena kämpfen. Um bessere Arbeitsbedingungen und weniger Überforderung für Beschäftigte geht es. Ein günstigerer Personalschlüssel brächte auch bessere Betreuung für die Patienten…

Roxana. Foto: Iris Wolf

Doch die Fotografin befragte ihre zwölf Protagonisten, auch Beschäftigte in einer Bäckerei, bei Zalando oder im Wachdienst, nicht nur nach der individuellen Arbeitssituation, nach Familie und Freizeitgestaltung. Gemeinsam mit einem Soziologen hatte sie zuvor einen Fragebogen aufgestellt. So wollte die Künstlerin auch wissen, wo sich die Einzelnen in der Ost-West-Frage, allgemein im gesellschaftlichen Zusammenhang einordnen, ob und welche Utopien sie beschreiben können. Als „Teil einer Gesellschaft, die die Menschen verbrennt“ sah sich ein Befragter, andere wünschten sich ein Leben „fairer als heute“, wo „nicht alles so schrecklich leistungsorientiert ist“, man Politikern wieder vertrauen könnte. Auf der Tonspur zur Installation hört man Roxanna fragen: „Tja, ist die Mitte der Gesellschaft jetzt noch in der Mitte…?“ Angesichts des Wahlergebnisses fast prophetische Worte.

Ungefähr jeder dritte Beschäftigte hierzulande übt laut DGB eine sogenannte prekäre Tätigkeit aus. Die gesellschaftlichen Folgen: unsichere Arbeitsverhältnisse und Arbeitsbedingungen, eine Einkommenspolarisierung und wenig Chancen auf Teilhabe. Wie wirken sich diese gesellschaftlichen Bedingungen auf die Arbeitenden und Arbeitsuchenden aus? – Diese Fragestellung beschäftigte Iris Wolf bei ihrem ersten Lost-in-Work-Projekt im Ruhrgebiet.

Sie wollte Ähnliches unbedingt auch mit Menschen aus den neuen Bundesländern ausloten, ihren spezifischen Erfahrungen nachspüren.

Foto: Iris Wolf

Die Förderung durch den DGB Thüringen, die Rosa-Luxemburg-Stiftung und die Freund*innen der Heinrich-Böll-Stiftung machten das schließlich zwischen Gera, Erfurt und Jena möglich. Ihre Arbeitsweise beschreibt die Fotografin so: Sie trifft sich zunächst mit ihrem Gegenüber zu einem ausführlichen Gespräch mit Fotositzung. Dabei entstehen Porträts in Schwarz-Weiß.

Bei einem späteren Treffen, in eher gelockerter Atmosphäre, macht Iris Wolf noch farbige Porträtfotos ihrer Protagonist*innen in einer ihnen vertrauten Umgebung. Es geht ihr im gesellschaftlichen Kontext um „authentische, aussagefähige Fotografie“. Dafür brauche es Empathie, Erfahrung und Geduld.

Neugier, Zuhören, Nachdenken.
Foto: Iris Wolf

In Erfurt wurden die Bilder in Gerüstbohlen „eingehaust“ präsentiert, die Kopfhörer griffbereit an der Wand. Erstaunlich viele Passanten hätten sich von diesem Angebot, das Kunst, Wissenschaft und Alltag verbindet, anlocken lassen und seien auch mit ihr ins Gespräch gekommen, berichtet Iris Wolf. Sie sieht ihre Arbeit als Möglichkeit, die Öffentlichkeit „komplett anders als gewohnt anzusprechen und die Menschen zu erreichen“. Kürzlich selbst ver.di-Mitglied geworden, empfiehlt die Fotografin das durchaus auch „in Kombination mit Gewerkschaftsarbeit“.

https://www.iriswolf-fotografie.de/gallery/lost-in-work-in-thueringen/

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