Die Papiere und nötigenfalls die Zähne zeigen

„Diese Anthologie soll dazu beitragen, die Lyrik aus ihrem Nischendasein zu befreien. Zeigen, wie wichtig politische (gesellschaftsrelevante) Lyrik auch heute ist.“ So schrieb es Reinhild Paarmann im Vorwort für die Anthologie „Ihre Papiere bitte!“, mit der sie und 13 ihrer Kolleginnen und Kollegen der AG Lyrik im Berliner VS sich schon im Frühjahr zu Wort meldeten. Das Buch war vor dem Shutdown gedruckt. Die geplanten Lesungen fielen wegen Corona aus. Eine wird nun nachgeholt. Und ein Gedicht sei stellvertretend vorgestellt:

Frederike Frei

Zähne zeigen

Immermörder gibt es wie
Sand am Meer. Heute saß
so ein Brocken im
Vorstand und war mal
wieder nur mein
Problem.

Er hält die Hirne besetzt,
ich flieh in die Ohren.
Sie stehen stramm
auf seiner Seite. Meine
Meinung marschiert
in den Untergrund.

Blicke werden wie Waffen
verschoben auf dem
Schwarzmarkt der
Gedanken im Hinterkopf.
Atemkrieg bricht aus.
Jede Geste ein Gefecht.

Erste Worte fallen.
Viele Worte. Ganze Sätze.
Tausende von Worten
sind gefallen. Mutter
Sprache trauert
am Boden zerstört.

Immer finden sich
Trümmermünder, die alles
wieder aufbauen oder
-bauschen, auch den
Zertrümmerer, aber
keine Lippe riskieren.

Dass sich bei uns im Verein
so einer hält. Seine
Mördergrübchen
lächeln so süßhölzern
und wer lächelt, der
siegt.

„Wir zeigen unsere Papiere. Mögen sie uns die Landeerlaubnis in dieser hektischen Welt bescheren“, schrieben die Lyriker*innen zum Erscheinen ihres Buches im Hirnkost-Verlag. Inzwischen sind wir alle eine Pandemie-Erfahrung weiter. Die 89 unterschiedlichen „Gedichte zur Zeit“ bleiben lesenswert.

Die Lyrik-Gruppe des VS Berlin bildete sich vor vier Jahren. Man war sich einig: Unser Schreiben soll etwas bewirken. In der Anthologie sind Werke von Günther Bach, Ute Eckenfelder, Wolfgang Endler, Wolfgang Fehse, Frederike Frei, Gabriele Fritsch Vivié, Dorle Gelbhaar, Renate Gutzmer, Jochaim von Hildebrandt, Christine Kahlau, Henning Kreitel, Salean A. Maiwald, Steffen Marciniak und Reinhild Paarmann gleichberechtigt präsentiert.

„Gibt es eine Möglichkeit, darauf hinzuweisen, dass dies wunderschön gestaltete Büchlein ein originelles Weihnachts-Geschenk wäre, noch origineller, wenn man sich am 13.Oktober in der MedienGalerie die Gedichte von den dort Lesenden signieren ließe?“, fragt Mit-Autorin Dorle Gelbhaar.

Sicher: In der ver.di-MedienGalerie (10965 Berlin, Dudenstraße 10, U6, Platz der Luftbrücke) findet am 13. Oktober um 18 Uhr eine Lesung mit Autoren der Anthologie satt.

Der Band ist auch als e-book verfügbar.

Lyrik-AG des VS Berlin: Ihre Papiere bitte! Gedichte zur Zeit, Hirnkost-Verlag Berlin 2020, Hardcover, mit Lesebändchen, zweifarbig, 14 Euro, ISBN: 978-3-948675-06-6

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