Der gekreuzigte Assange in Kreuzberg

Foto: captainborderline

Gegenüber der SPD-Bundeszentrale in Berlin wird neuerdings eine ganze Hauswand von einer riesigen Kreuzigungsszene eingenommen. Die Kölner Gruppe „Captain Borderline“, die auf solche Wandgemälde spezialisiert ist und damit auch Geld verdient, hat zur Ermahnung der Regierung ein dystopisches Bild geschaffen, das die Verfolgung und Inhaftierung des Wikileaks-Gründers Julian Assange anprangert.

„Wir setzen diverse Mittel ein, um Aufmerksamkeit für bestimmte Themen zu erzeugen“, erklärt A.Signl die Aktivitäten seines Trios „Captain Borderline“, das sich seit 1999 der politischen Straßenkunst widme. Spektakulär sind die riesigen politischen Wandgemälde, die die Gruppe seit Jahren in verschiedenen Städten malt und zum Teil auf ihrer Webseite zeigt.

In vier Tagen angebracht: Die Streetart-Künstler bei der Arbeit. Foto: captainborderline

Das aktuelle Werk „Collateral Crucifixion of Julian Assange“ befindet sich im Herzen Berlins, Wilhelm-/Ecke Stresemannstraße. A.Signl und B.Shanti haben es an vier Tagen gemalt, vor allem mit hochwertigen Wandfarben, aber auch Sprühdosen kamen zum Einsatz. Am Karfreitag waren sie fertig. Ende April waren wieder mit einer Hebebühne da, um Nacharbeiten vorzunehmen.

Mit rheinischem Zungenschlag erklären sie ihr Bild: „Wir sehen Julian Assange, der an einem Kreuz, bestehend aus Computern und Monitoren, aufgehangen ist“, so B.Shanti. „Dieser Turm stellt gleichzeitig den Wachturm des Hochsicherheitsgefängnisses Belmarsh dar, wo er eingesperrt ist. Unten gibt es ein surreales Ritual, Soldaten trommeln auf Ölfässern. Assanges Verfolgung beruht ja auf einem illegalen Ölkrieg im Irak. Oben sieht man links den zerstörten Irak und rechts das heile London, wo Assange einsitzt, mit schönem Riesenrad.“

Der gekreuzigte Assange trägt eine kugelsichere Weste mit der Aufschrift „Press“ und einen Fotoapparat mit Teleobjektiv. A.Signl erklärt: „Das ist eine Anspielung auf die getöteten Reuters-Journalisten, die damals im Video ‚Collateral Murder‘ zu sehen waren.“ Es sei die Veröffentlichung, die wohl am meisten Öffentlichkeit erzeugt hat, „weil da zu sehen ist, wie mordgeile amerikanische Soldaten eindeutig illegal Zivilisten auf offener Straße erschießen – und eben auch Presseleute“.

Die Street-Art-Künstler von „Captain Borderline“ sehen die Pressefreiheit an sich am Kreuz. „An Assange soll ein Exempel statuiert werden, um Journalisten weltweit die Grenzen des investigativen Journalismus aufzuzeigen“, meint B.Shanti. „Assange hat weder irgendwas gehackt, noch hat er irgendwen genötigt oder vergewaltigt. Er ist ein Opfer seiner neuen, innovativen Form des Journalismus geworden.“

Bis Juni, vielleicht länger

Schon vor rund zehn Jahren begeisterte sich die Gruppe für Wikileaks. Als sie Ende 2019 hörte, dass Assanges Ärzte von Lebensgefahr für den in Isolationshaft Gehaltenen sprachen, überlegte sie, wie sie helfen könnte. „Wir wollten das Bild eigentlich in London malen, denn da gehört es hin, da sitzt er ja im Hochsicherheitsgefängnis“, erzählt A.Signl. Sie seien mehrfach vor Ort gewesen, allerdings sei das Bemalen von Hauswänden dort horrend teuer. Die Werbebranche habe diese Kunstform für sich entdeckt habe und Wände würden deshalb vermietet. Zudem hätten einige Hauseigentümer das Motiv als zu brisant abgelehnt.

Hier geht es nur noch um Nacharbeiten. Foto: captainborderline

In Berlin gebe es dasselbe Problem, und zwar seit Jahren. „Captain Borderline“ haben nun tatsächlich dafür bezahlt, die Wand bemalen zu dürfen. Die Kosten des Projekts sollen unter anderem durch den Verkauf von 100 limitierten Siebdrucken der gemalten Grafik wieder reinkommen.

Eigentlich war die Wand nur für sechs Wochen gemietet, aber laut der Gruppe hat der Hauseigentümer nun einen Monat draufgelegt, so dass „Collateral Crucifixion of Assange“ noch bis Mitte Juni zu sehen sein wird, vielleicht sogar noch länger. Im Internet kann das Bild auch als halbminütige Animation verbreitet werden. Etwa zum internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai.

nach oben

weiterlesen

Realität und Emotion auch in Bronze

Käthe Kollwitz (1867–1945), eine der wichtigsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, ist vor allem als grandiose Zeichnerin und experimentierende Druckgrafikerin mit unverkennbaren Stil bekannt. Unbekannter ist dagegen ihr Oeuvre als Bildhauerin, das aber gleichbedeutend neben ihrem grafischen Werk steht. Eine Ausstellung „Realität & Emotion“ zu den Internationalen Tagen Ingelheim richtet demnächst den Blick auf das Gesamtwerk der bildenden Künstlerin. 
mehr »

Nicht vor Angst zittern…

„Nach der großen Zerstörung“ stand auf einem der Gedichtplakate. So hieß auch die besondere Aktion zum 10. Jahrestag der Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima. Johann Voss gestaltete sie am 11. März 2020 vor dem Endlager für radioaktive Abfälle Morsleben nahe Helmstedt. „Gewiss, es sind nicht Gedichte, die die Welt verändern. Aber um wieviel ärmer, trost- und zornloser lebten wir, gäbe es keine Gedichte und keine Lieder...“, schrieb der Autor in seiner Ankündigung.
mehr »

Graffiti in Berlin: Rückkehr der Affen  

Trister Coronaspaziergang in Moabit. Siemensstraße. Endlos-triste Fassade des Hamberger Lebensmittel-Großmarkts. Dahinter das winterlich-triste Gelände des Zentrums für Kunst und Urbanistik. Und plötzlich die Überraschung: Auf der dem Zentrum zugewandten Rückseite des Großmarkts erglühen in mächtiger Farbmagie außergewöhnliche Graffiti: Primateninvasion in Berlin, Return of the Apes.
mehr »

… Und tschüs!

Nun „tut Trump seinen letzten Schnapper als US-Präsident vor dem großen Abtauchen“, hofft Maskenschöpfer Michael Stöhr. Er leitet als Pensionist das internationale Maskenmuseum in Diedorf bei Augsburg. In der Corona-Zwangspause der letzten Monate hat er eine ganze Reihe von Politikermasken in Realgröße zum Aufsetzen hergestellt – „meist als Upcycling von diversen Fundstücken unserer modernen Kultur“.
mehr »