Das, was sichtbar und nicht sichtbar ist

Aus Ute Mahlers Serie "Zusammen leben", 1980, gerade wieder in Worpswede gezeigt.

Ute Mahlers Blick auf die Menschen zieht uns schon seit Jahrzehnten an. Das von ihr 1980 in Potsdam aufgenommene Schwarzweißbild zeigt ein junges Paar, noch Jugendliche, an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Der Junge schaut direkt in die Kamera, während der Blick des Mädchens vorbei geht und der Straße folgt. Auf einfache, effektvolle Weise sind hier Gegenwart und Zukunft in einem einzigen Moment verschmolzen.

Ihre Werkreihe „Zusammen Leben“ begann Mahler schon im Jahr 1972. Es ist eine bis 1986 fortgeführte Serie über die Art und Weise, wie Menschen zusammenleben – über das, was sichtbar und nicht sichtbar ist.

Mahler, 1949 in Berka in Thüringen geboren, genoss ihre Ausbildung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Seit 1975 arbeitete sie in der DDR als selbstständige Fotografin. Vor allem ihre Bilder für „Sibylle“ machten Mahler bekannt – für jene Modezeitschrift der DDR, die wie keine andere Mode als kulturelles Phänomen vorgestellt hat. Nach der Wende, 1990, gründete Mahler die in Berlin ansässige Fotografenagentur „OSTKREUZ“ mit, später auch die „OSTKREUZSCHULE für Fotografie und Gestaltung“. Seit 2000 ist sie Professorin für Fotografie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg.

Der Architekt und Publizist Wolfgang Kil erkannte bereits 1984, dass Mahlers fotografische Interesse Situationen gilt, die „unbestimmt und offen“ sind. Die Serie „Zusammen Leben“ ist ein hervorragendes Beispiel für den subjektiven Ansatz der Dokumentarfotografie: „Damals wie heute sehen wir uns als Dokumentarfotografen mit subjektivem Ansatz. Ich gebe zu, dass dies ein Widerspruch an sich ist, doch sind wir der Überzeugung, dass es keine Objektivität gibt“, so Mahler.

Die „Zusammen Leben“-Fotos zeigen Augenblicke des gewöhnlichen Lebens, die doch weit über den Moment herausragen. Sie wurden 2014 in einem Buch von Hatje Cantz neu veröffentlicht. Jetzt sind sie Teil der RAW Phototriennale Worpswede. Die Ausstellungen des Festivals sind wegen Corona derzeit geschlossen, doch die aktuell ausgestellten Arbeiten können über die Online-Präsentation „RAW-FREI-HAUS“ aufgerufen werden.

Neben dem Youtube-Channel sind Facebook und Instagram die Orte, wo man RAW nun erleben kann. Ein Youtube-Besuch zeigt die Vielfalt, mit der man in Worpswede auf die Krise reagiert hat. Zu finden sind Künstlergespräche, musikalische Improvisationen in den Ausstellungsräumen, Ausstellungsrundgänge, Making Ofs, Trailer, Dokumentationen und vieles mehr.

Immer neue Inhalte bieten die RAW-Macher an, die derzeit daran arbeiten, mit den Exponaten der Triennale den virtuellen Raum zu füllen. Die Ausstellungen „Fokus Nachwuchs“ in der Galerie Altes Rathaus, „Fokus Stadtraum“ in der Marcusheide, einer offenen Heidefläche mitten im Künstlerdorf, „Fokus Landschaft“ in der Großen Kunstschau und „Fokus Mensch“ im Haus im Schluh können bereits online besucht werden. Das lohnt wirklich, gezeigt wird keine reine Bilderschau, sondern unter anderem auch Filme, welche die Ausstellungsräume zeigen und Künstlerinnen und Künstler vorstellen.

„Unser Motto ‚Changing Realities‘ ist zum Programm geworden“, so Festivalleiter Jürgen Strasser. Aktuell werden etwa 40 künstlerische Positionen an verschiedenen Orten vorstellt. Es sind großartige Arbeiten zu sehen, etwa die Bilder von Lia Darjes, die karge russische Marktstände in der Art holländischer Stillleben-Malerei fotografiert – oder jene ländlichen Innenräume von Roma-Familien, die der ehemalige Becher-Schüler Martin Rosswog an verschiedenen Orten Rumäniens ins Bild brachte. Rafael Heygsters Werkreihe „I Died 22 Times“ ist in der Galerie Altes Rathaus zu sehen, Claudius Schulzes Serie „Biosphäre X“ in der Großen Kunstschau. Beeindruckend auch die Schwarzweißporträts von Rafael Goldchain, die im Haus im Schluh perfekt präsentiert werden.
In diesen Tagen sollen via Skype auch Künstlergespräche geführt werden – fast täglich gibt es neues Material auf den verschiedenen Online-Kanälen.

 

 

 

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