Das Risiko von Begegnung in vervirten Zeiten

Buchcover

Reicht ein Treffen am Kopiergerät? So die bange Frage, die sich zu Beginn der Pandemie in Tilla Lingenbergs „Atmungsaktiven Tagesnotizen“ stellte. Nun steht sie fast am Anfang der Hamburger „Anthologie zur Pandemie“. Inzwischen wissen wir freilich alle mehr: Wenn die Begegnung mit dem Infizierten kurz, der Raum gut gelüftet war, die Kollegin geimpft ist und Maske trug, dürfte die Ansteckungsgefahr gering sein. Eine Risikobegegnung bleibt es. Und das umso mehr, da uns inzwischen Delta und womöglich Omikron im Griff haben.

Damit konnten die Autor*innen nicht rechnen, als sie der Aufforderung folgten, zur Corona-Anthologie des VS Hamburg beizutragen. Im Sommer und noch im Herbst hoffte man auf ein baldiges Ende. „Wenn wir in einigen Jahren zurückschauen, werden es literarische Texte sein, die einen guten Einblick in die Gefühlswelt und Stimmung dieser Tage liefern“, vermuten die Herausgeber im Vorwort. Sie erhoffen so Hilfe, „das Erlebte zu verarbeiten“ und akut dem Pandemiealltag „für ein paar Lesestunden zu entfliehen“.

Der Anspruch ist hoch gesteckt. „Alle sind verunsichert, aber jeder geht damit völlig anders um“, heißt es in Anna Malous Kurzgeschichte „Pandemie“. Und es stimmt: Die Texte auf über 300 Seiten sind unterschiedlich wie das Leben zwischen „Menschen und Masken“, schon was die reine Quantität angeht. 36 Autor*innen kommen zu Wort.  Der kürzeste Beitrag – eine Variation des Wortes Lockdown von Maren Schönfeld – umfasst 22 Lettern, der längste – die Erzählung „Der Lockdown-Schneemann“ von Reimer Boy Eilers – reicht über 19 Buchseiten. „Lockdown in 17 Silben“ gibt es zudem in sechs Haiku-Ausführungen von Anna Würth in 2020er und 2021er Ausgabe. Doch längst nicht in allen Beiträgen kommt ein Lockdown vor. Es gibt schöne poetische Sätze wie „und in der Nacht duftet der Jasmin, als wäre nichts“, Reime vom Wiederfinden „den Faden aufzunehmen, den von einst – und anzuknüpfen an den losen Enden – dass ich mich freu und du vor Freude weinst“ oder auch in Verse gefasste Kurzmeldungen: “Drosten warnt – Merkel mahnt – Lauterbach alarmiert“,  Anweisungen: „mit Abstand – mit Anstand – mit Verstand und Verzweiflung“, aber auch die Forderung „Ich will mein Leben zurück“.

Seismografische Bestimmungen

Zustandsbeschreibungen liefern die meisten Texte, in vielerlei Form – als Gedichte, Szenen, Geschichten – manche, wie „Maskeraden“ von Bernhard Laux grotesk-verfremdet, märchenhafte wie Ulja Krautwalds „In der Götterhalle“ , schlaglichtartige wie Alexandra Raus „Vervirte Gedanken“, die eine Straßenbahnfahrt betreffen, oder Dialoge wie bei „Oma geht online“, die Esther Kaufmann und das Theaterbox-Team dem realen Leben abgelauscht haben könnten. Essays wie Ferdinand Blume-Werrys tiefgründige Überlegungen „Vom Sprechen hinter Masken“ stehen neben Fast-Dokumentarischem wie Vera Rosenbuschs „Den Fischen ist das egal“ oder formal-spielerischen Beiträgen, etwa Susanne Maria Tygas „Nichts im Weg“.

Unmöglich, alle 85 Beiträge zu nennen oder gar nur annähernd zu beschreiben. Nur einer sei noch zitiert, weil er vermeintlich weihnachtlich startet: „Es begab sich aber zu der Zeit, als Kaiserin Angela alle Welt einbestellte, sich ins Verzeichnis einzutragen, um sich impfen zu lassen…“ Kaiserin? Also auch schon tempi passati, was uns Jakob Krajewsky da unter dem schönen Titel „Der Papagei und der König im Ziehharmonikabus Nummer 25“ aufzutischen versucht…

Dass sich Schriftsteller*innen neuerlich als „Seismographen“ gesellschaftlicher Realität betätigt haben, meinen die Herausgeber und merkt jede/r beim genaueren Hineinvertiefen in das Buch: Neugierige Leser*innen werden aus diesem prall gefüllten Netz gewiss die ein oder andere Perle zu fischen wissen, finden Denkanstöße, vielleicht Etwas, das eigene Sichten bestätigt, den Kopf schütteln lässt oder anregt, einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Und, wer weiß, vielleicht bietet der Fang heute schon und künftig erst recht auch Stoff für Erinnerungen.

Leitet den letzten Abschnitt ein: „Mein heutiges Abenteuer im Lockdown“ von Reimer Boy Eilers

Zu diesem Angebot haben die Herausgeber*innen und der Verleger das Ihre beigetragen, indem sie die Texte ausgewählt, thematisch strukturiert, zugeordnet und in überschaubare Abschnitte gegliedert haben. „Negativ ist positiv“ hießt der erste, „Dumm gelaufen“, der vierte und letzte. Wenige Illustrationen schaffen Ankerpunkte.

Die nun schon vierte Anthologie des VS Hamburg seit 2018 geht neuerlich pfleglich mit den Kolleg*innen um und stellt die Beteiligten mit Kurzbiografien vor. Erhältlich ist der Band in Soft- und Hardcover sowie als e-book. Und er erschien gerade rechtzeitig vor dem Fest. Erneute Alternative zu Reisen und Risikobegegnungen?

Von Menschen und Masken. Eine Anthologie des VS Hamburg zur Pandemie. Herausgeber: Reimer Boy Eilers, Esther Kaufmann, Sven j. Olsson, Vera Rosenbusch und Margret Silvester, Kulturmaschinen Verlag Hamburg 2021, 363 Seiten, 17,50 Euro, ISBN: 978-3-96763-184-5

 

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