Bei jeder Witterung schön ausgeführt

Foto: Archiv Johann Banz, Eschfeld

Ein sommerlicher Blick zurück, vermutlich in das Jahr 1913. Ein Anlass für das Foto ist nicht ersichtlich, doch tragen die Personen im Sonntagsstaat mit bemühtem Stillstehen dem nicht einfachen Aufnahmeprocedere Rechnung. Fotografiert zu werden war faszinierend und ein nicht alltägliches Vergnügen. Der Fotograf ist bekannt: Joseph Quirin, ein Pionier des noch jungen Mediums, hatte Anfang der 1880er Jahre in seinem Heimatort Kyllburg in der Eifel ein „photografisches Atelier für Landschaften und Porträt“ eröffnet. Ausweislich eines Inserats wurden Photographien von ihm „bei jeder Witterung aufgenommen und schön ausgeführt“.

Die Ausbildung für das moderne Metier Fotografie – entstanden war es in den 1830er Jahren – holte sich der aus einer künstlerisch beschlagenen Familie stammende und auch als Uhrmacher tätige Quirin wahrscheinlich in Belgien. Auf Wanderschaft vervollkommnete er sein Können. Zurückgekehrt, konnte er sein gründerzeitliches „Start-up“ später zu einem einträglichen Geschäft mit Angestellten ausbauen. Zugute kam ihm, dass sich Kyllburg gerade zu einem führenden Fremdenverkehrsort in der Eifel entwickelte und dass Konkurrenz auf dem Fotosektor noch äußerst rar war. Nicht nur Kurgäste und Sommerfrischler, nein die Kyllburger selbst ließen sich – meist zu Höhepunkten wie Kommunion oder Hochzeit – im Atelier Joseph Quirin porträtieren. Der Meister schleppte seine moderne Technik aber auch nach draußen, hielt Motive aus Stadt und Umgebung, selbst der freien Natur, auf damals gebräuchlichen Glasnegativen fest. Neben seiner Studioausrüstung besaß er eine etwas leichtere Feldkamera, die sich zum Transport auf ein handlicheres Maß zusammenklappen ließ. Doch musste pro Foto eine zuvor in der Dunkelkammer präparierte Kassette mit Glasnegativ mitgenommen werden. Freilufteinsatz war also eine ziemlich aufwändige, gar kräftezehrende Angelegenheit.

Doch Quirin wurde gewissermaßen zum „fotografischen Gedächtnis der Eifel“. So sieht ihn Ausstellungskurator Toni Nemes. Der freie Wiesbadener Pressefotograf, ein geborener Kyllburger, nutzt den Glücksfall, dass viele der Glasnegative aus Quirins Atelier erhalten geblieben und von zwei regionalen Sammlern bewahrt worden sind. Die erstaunliche thematische Breite des Quirinschen Schaffens als „Kyllburger Fotochronist einer vergangenen Zeit“ wird in diesen Wochen auch öffentlich vorgestellt. Gezeigt werden Aufnahmen aus der Zeit von etwa 1885 bis vor Beginn des Ersten Weltkrieges. Die meisten der großformatigen Fotos sind dafür nach mehr als 100 Jahren neuerlich von den bis 18 mal 24 Zentimeter großen originalen Glasnegativen vergrößert worden – ein ebenso abenteuerliches wie technisch anspruchsvolles Unterfangen.

Am Eröffnungstag der Ausstellung wurden eine Studiokamera (li.) und daneben eine Feldkamera für Außenaufnahmen gezeigt. Beide stammen aus dem Nachlass von Joseph Quirin. Ebenso zwei originale Sessel aus seinem Studio, die bei vielen Porträtaufnahmen genutzt wurden.
Foto: Toni Nemes

Das gelang auch beim sommerlichen Motiv an der Kyll. Diese Negativplatte hatte ein Format von 13 mal 18 Zentimetern, erläutert der Kurator: „Man erkennt auf dem Scan gut zwei schmale schwarze Stellen am linken Bildrand. Sie stammen von den Metallklammern, mit denen die Glasplatte beim Fotografieren in der Belichtungskassette fixiert war.“ Nachdem das Foto vor der Ausstellungseröffnung im Juni im regionalen „Trierischen Volksfreund“ erstmals veröffentlicht worden war, konnten sogar die meisten abgebildeten Personen identifiziert werden, freut sich Nemes. Abgelichtet ist die Familie der ältesten Tochter Joseph Quirins. Agnes Kronibus (hinten Mitte), ihr Mann Fritz und die außen stehende, namentlich nicht bekannte Kinderfrau präsentieren sich mit Franz, Susanne, Margarete und Josefine (v.l.). Der im Hintergrund den Fluss durchquerende Mann gibt dem Bild zwar eine zusätzliche, fast spontane Dimension, doch seine Identität dürfte Geheimnis „einer vergangenen Zeit“ bleiben.


Die Ausstellung „Joseph Quirin. Kyllburger Fotochronist einer vergangenen Zeit“ ist im „Haus des Gastes“, Hochstraße 19, 54655 Kyllburg, noch bis zum 29. September an den Wochenenden von 14 bis 18 Uhr zu besichtigen, der Eintritt ist frei.

nach oben

weiterlesen

Graffiti in Berlin: Rückkehr der Affen  

Trister Coronaspaziergang in Moabit. Siemensstraße. Endlos-triste Fassade des Hamberger Lebensmittel-Großmarkts. Dahinter das winterlich-triste Gelände des Zentrums für Kunst und Urbanistik. Und plötzlich die Überraschung: Auf der dem Zentrum zugewandten Rückseite des Großmarkts erglühen in mächtiger Farbmagie außergewöhnliche Graffiti: Primateninvasion in Berlin, Return of the Apes.
mehr »

… Und tschüs!

Nun „tut Trump seinen letzten Schnapper als US-Präsident vor dem großen Abtauchen“, hofft Maskenschöpfer Michael Stöhr. Er leitet als Pensionist das internationale Maskenmuseum in Diedorf bei Augsburg. In der Corona-Zwangspause der letzten Monate hat er eine ganze Reihe von Politikermasken in Realgröße zum Aufsetzen hergestellt – „meist als Upcycling von diversen Fundstücken unserer modernen Kultur“.
mehr »

Wir sollten vorausschauend denken

Solche abstrakten, vergleichsweise leichten Bilder zur Natur in ihrer Fragilität hat die Malerin Barbara Salome Trost selbst zur Ausstellung "Lockdown" beigetragen, die momentan in der Berliner MedienGalerie gezeigt wird. Werke von Künstlerinnen und Künstlern der ver.di-Landesfachgruppe Bildende Kunst hingen dort regelmäßig und werden auch zum Jubiläum der 150. Schau ausgestellt. Zu Beginn durfte sogar noch Publikum kommen...
mehr »

Eine Art Freilichtkino: Das „Colosseum“ retten

Reichlich 100 Meter Luftlinie liegen zwischen dem „echten“ Kino „Colosseum“ im Berliner Prenzlauer Berg und dieser Ausstellung. Die Tafeln wurden an Zaun der Gethsemanekirche angebracht. Sie informieren über die Geschichte des traditionsreichen Lichtspielhauses und liefern Kommentare und Staements, die Zuschauer*innen und Unterstützer für ihr Kiezkino abgegeben haben. Denn es soll geschlossen bleiben und womöglich Büroflächen weichen.
mehr »