Alles, nur keine Definitionen

Buchcover

„All over heimat“. Alles über Heimat? Die Heimat ist überall? Alle (reden) über Heimat? Dass der Titel – obwohl prägnant – einigermaßen vieldeutig ist, gehört sicher zum Programm. Unterschiedliche Sichten auf das wieder gern benannte Phänomen Heimat waren gesucht und sehr verschiedene Interpretationen wurden gefunden. Eine „wohl weltweit einmalige Sammlung“ liegt jetzt auf 448 Seiten vor. Lyrik und Prosa von 150 Autor*innen aus mehr als 20 Ländern, herausgegeben bei Stories & Friends von Matthias Engels, Thomas Kade und Thorsten Trelenberg.

Weitere Fakten, kurz zusammengefasst: Weltweit ausgeschrieben, gab es etwa 1000 Einsendungen für die Anthologie. Eine Russin aus Shelesnowodsk ist nun ebenso vertreten wie eine Siebenbürgin, die in Spanien lebt, ein New Yorker wird veröffentlicht, ein Literaturpreisträger aus Albanien, ein Isländer, etliche mit den Machern befreundete Schreibende vom Autorenstammtisch Dortmund, wohl kein/e bekennende/r Ostdeutsche/r, aber Geflüchtete aus Nigeria, dem Irak oder Syrien. Immerhin versammelt die Blütenlese 20 unterschiedliche literarische Preisträger*innen, was – wie die Herausgeber sagen – weder planbar noch Absicht gewesen sei. Im Buch kommen auch mehrere Debütant*innen zu Wort. Der älteste Autor ist 80, die jüngste Gedichteschreiberin keine 20 Jahre alt. Alle Beiträge sind in der Originalsprache und in deutscher Übersetzung abgedruckt, zu jeder Autorin/ jedem Autor werden knappe biografische Angaben mitgeliefert.

Doch warum ausgerechnet Heimat? – Das Thema sei eher aus einer Negation gekommen, sagt Mitherausgeber Thorsten Trelenberg. Heimat sei wieder in aller Munde, oft als kleinster gemeinsamer Nenner gebraucht, vereinnahmt von ganz Links bis Rechtsaußen, sogar regierungsamtlich von Herrn Seehofer. Doch: „So geht Heimat nicht!“. Seit Jahren bereits hätten sich Engels und Trelenberg dem Alleinvertretungsanspruch von Heimat- und Schützenvereinen entgegengestellt mit einem „Heimatabend“, einem Programm, das sie „eine andere Art literarischer Landvermessung“ nennen. Damit hätten sie sich gezielt zu „Heimatdefinierern par excellence“ begeben – allerdings nicht, um mit ihnen den Begriff Heimat zu vereinnahmen, sondern eher um ihn aufzubrechen und zu verblüffen. Auch in der Ausschreibung zum Buch sei es nicht um Definition gegangen, sondern darum, „neue Perspektiven zu schaffen“.

Das Herausgeber-Trio: Engels, Kade, Trelenberg (v.l.) Foto: Brigitta Nicolas

Selbst die Initiatoren des „verrückten Unternehmens“ hätten über die Resonanz gestaunt und letztlich aus einer Vorauswahl von 250 Texten nochmals die 150 literarisch besten herausgesucht, um das Buch in einem handhab- und versendbaren Umfang zu halten. Dass alle Herausgeber dem VS angehören und transparent gearbeitet hätten, habe wohl beigetragen, dass ihnen von Kolleg*innen sehr solidarisch bei Übersetzungen geholfen wurde. Durch die Verlegerin und ein Dortmunder Unternehmen wurde das Projekt etwas gefördert. Doch Honorare an die einzelnen Autoren wurden nicht gezahlt. Stattdessen soll der Gesamterlös des Buchverkaufs an die Hilfsorganisation Schams e.V. gehen, die von Rafik Schami mitgegründet wurde und sich um bürgerkriegsgeschädigte Kinder kümmert.

Inzwischen gibt es Lesungen. Eine, über die unter den Machern vorab sehr kontrovers debattiert wurde, habe kürzlich ins Heimatministerium Nordrhein-Westfalen geführt. Dort sei dann aber, so Trelenberg, „superintensiv und offen“ debattiert worden; erklärtermaßen habe das nicht nur bei den Lesenden Vorurteile abgebaut.

Die Herausgeber fühlen sich durch das Unternehmen Anthologie „bereichert“. Man lerne zum Begriff Heimat nie aus und solle ihn für ich selbst keinesfalls derart zementieren, dass andere Sichten womöglich nicht mehr zugelassen werden. Insofern, so Trelenberg, bot die Arbeit an der Anthologie allen auch „intellektuelle Fortbildung“. Als eines seiner Lieblingsgedichte  – „spektakulär“ – nennt er „Matratze“ der jungen Lyrikerin Aylin Rosa Hanka aus Frankfurt am Main. Die Schlusspassage dort lautet:

Nachts ist die Matratze unser Zufluchtsort
Wo wir zusammengekauert Wärme teilen
Uns neue Kombinationen für Sternbilder ausdenken
Im Morgengrauen den Liedern der Vögel Namen geben

Wir haben kein Geld, wir haben nur Hunger und uns


All over  heimat, herausgegeben von Matthias Engels, Thomas Kade und Thorsten Trelenberg, Verlag Stories & Friends 2019, 448 S., 16 Euro, ISBN: 978-3942181891

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Gehen mit offenen Sinnen

Seit Jahrzehnten bereist Michael Zeller osteuropäische Länder und macht sie zum Gegenstand seiner Literatur. Als ihn 2019 der ukrainische PEN als ersten Ausländer in die “Literaturresidenz” Charkiw einlud, nutzte er den Aufenthalt, Erlebnisse und Erfahrungen über die Stadt und die Menschen aufzuschreiben. So entstand das Buch „Die Kastanien von Charkiw. Mosaik einer Stadt“, das im Herbst 2021 im Assoverlag Oberhausen erschien, bereits nachgedruckt wurde und nun auch eine Jury überzeugte.
mehr »

„Die Kunst der Stille“

Als tragikomischer Clown „Bip“ inspiriert der berühmte Pantomime Marcel Marceau bis heute Menschen auf der ganzen Welt. Ikonisch: Das weiße Ringelhemd, das weiß geschminkte Gesicht sowie der zerbeulte Seidenhut mit der roten Blume. Wie lebendig sein Erbe ist, zeigt ein deutsch-schweizerischer Dokumentarfilm, der jetzt in die Kinos kommt.
mehr »

Zum Frauentag: Eine Ermahnung in Pink

Das Berliner Aktionsbündnis fair share! lud am Internationalen Frauentag 2022 zu einer symbolischen Aktion an der Neuen Nationalgalerie ein. „Sichtbarkeit für Künstlerinnen“ wurde bei der Performance gefordert und das Gebäude von Protagonistinnen in pinkfarbenen T-Shirts umstellt. Jede Teilnehmerin trug darauf den Namen einer bisher nicht in Museen vertretenen Künstlerin.
mehr »

„Kannste knicken!“ – Jahresrückblick der Cartoonlobby

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Ein bisschen gilt das auch für gezeichneten Humor. Doch die Kari aus der Feder aktuell arbeitender Zeichner und Karikaturisten, hier Klaus Stuttmann, bleibt immer noch Kunst. Selbst, wenn sie unter dem Titel „Kannste knicken“ gezeigt wird. Die aktuelle Ausstellung der „Cartoonlobby“ in der Berliner MedienGalerie lässt das vergangene Jahr Revue passieren und bietet zugleich etwas „Vorsicht“ auf 2022.
mehr »