Für fairen Handel mit digitalen Rechten

Die Mondverschwörung: Was haben die Deutschen mit dem Trabanten vor? Dennis R.D. Mascarenas soll aufklären.
Screenshot: www.onlinefilm.org

Noch vor dem Boom von Video on Demand um 2006 setzten Filmemacher*innen auf die Selbstvermarktung ihrer Werke im Internet und gründeten 2000 die OnlinefilmAG. Mitinitiator Cay Wesnigk blickt auf die wechselvolle Geschichte der Plattform zurück – geprägt von viel Idealismus, einigen Erfolgen, zu wenig Umsatz und einem „gordischen Rechteknoten“. Onlinefilm basiert auf der CultureBase-Technologie der Stiftung Kulturserver, unter deren Dach die Initiative jetzt auf eine neue Zukunft hofft.

Als Autor, Produzent und Regisseur Wesnigk seine Idee von dem „fairen Handel mit digitalen Rechten“ bei der AG Dok, der bundesdeutschen Interessenvertretung des Dokumentarfilms vorstellte, stieß er auf offene Ohren. Im November 2000 gründete er zusammen mit 122 Urheber*innen und Produzent*innen eine „kleine Aktiengesellschaft“, die mit 122 000 Mark startete, um einen digitalen „Marktplatz“ für Filmschaffende, unabhängig von großen Vertriebsfirmen, aufzubauen. Eine Datenbank mit Filmen aller Genres entstand und die Rechteinhaber*innen erhielten Unterstützung beim Vertrieb. Beim Verkauf einer 20 Mark teuren DVD im Laden erhielten sie damals etwa 10 Prozent, bei Onlinefilm waren sie mit 51 Prozent am selbst festgelegten Verkaufspreis beteiligt. „Die Mondverschwörung“, der erfolgreichste der Filme, die Onlinefilm zum Downloaden oder Streamen anbietet, kostet 9 Euro.

„Gordischer Rechteknoten“ und Piratenportale

Die Zeit der beginnenden Digitalisierung schien günstig, denn nach deutschem Urheberrecht können keine Rechte für etwas übertragen werden, was es noch nicht gibt. Folglich besaßen die Filmemacher*innen zumindest für alle Werke vor 1995 noch das Recht, sie als Video on Demand auszuwerten. „Die Auftragsproduktion, die wir für das Fernsehen gemacht haben, an der wir oft sämtliche Rechte abgeben mussten, gehörte uns jetzt wieder“, so Wesnigk. Doch es stellte sich heraus, dass die Filmmusik allzu oft aus dem Schallplattenschrank stammte und diese Verwertungsrechte fehlten. Das traf auf 80 Prozent aller vor 1995 produzierten Filme zu. Der „gordische Rechteknoten“ konnte nicht zerschlagen werden.

Im Internet entstanden auch illegale Plattformen, über die Interessierte Filme kostenfrei herunterladen konnten, sodass die Rechteinhaber*innen leer ausgingen. Wesnigk: „Meine Filme waren auf PirateBay und ich hatte gar nichts davon.“ Legale Plattformen wie Onlinefilm erhielten damals fast keine Förderung – nicht zuletzt, weil sie für das bestehende Geschäftsmodell eine unliebsame Konkurrenz waren. So erhielt Onlinefilm erst 2007 eine erste Unterstützung. Das Team konnte drei Jahre lang mit Geldern aus dem EU-Förderprogramm „Media“ in einem Pilotprojekt ein europäisches Netzwerk unabhängiger Filmschaffender aufbauen und die Vertriebstechnik verbessern. IT-Partner wurde damals die Stiftung Kulturserver mit ihrer culturebase-Technologie. Das Onlinefilm-Archiv wuchs in dieser Zeit von etwa 30 Filmen auf 1.500 Produktionen aus Deutschland, Österreich, Griechenland, Litauen, Lettland, Italien und Irland. „Wir hatten Angebote aus aller Herren Länder“, so Wesnigk, die unter dem Motto „films are made to be seen“ gemeinsam vermarktet wurden.

Erfolgsgeschichte „Mondverschwörung“

Als die Förderung 2009 auslief, brachen auch viele Partner weg. Mit durchschnittlich fünf Verkäufen im Jahr machte keiner der Filmschaffenden „signifikante Gewinne“. Knackpunkt war das Marketing. „Unser Bestseller“, so Wesnigk, war Thomas Frickels Doku „Die Mondverschwörung“ von 2011, die Einblicke in die „antimoderne Massenflucht in Esoterik, Okkultismus und Innerlichkeit“ gibt. Frickel bewarb sie zielgruppengerecht in den sozialen Medien und auf einer eigenen Website. Der Film war bald so gefragt, dass er auch kostenlos in einem Piratenportal heruntergeladen werden konnte. „Da waren wir sehr glücklich“, so Wesnigk, „als wir durch einen Kommentar Frickels im Portal-Blog erreichten, dass sie ‚Die Mondverschwörung‘ wieder herausnahmen und auf unser legales Angebot verlinkten.“ Er resümiert, dass auch für digitale Angebote gilt: „Film ist ein bisschen Zelluloid und ganz viel Marketing.“ Doch seine Kolleg*innen investierten Zeit und Geld lieber in das nächste Filmprojekt als in die Bewerbung abgedrehter Produktionen: „Für ein intensives Zielgruppenmarketing, das ja gerade bei Dokumentationen für jeden Film spezifische Gruppen erschließen muss, hatten wir einfach nicht die Mittel.“

Da illegale Downloads zunehmend mit hohen Abmahngebühren geahndet wurden, stieg die Bereitschaft für legale Filme zu zahlen. Doch die hochwertigen, unabhängigen Produktionen von Onlinefilm blieben eine geschätzte Nische, die sich schwer vermarkten ließ. „Wir hätten auch ein Abomodell wie etwa Netflix anbieten sollen“, meint Wesnigk im Nachhinein. Das US-Unternehmen stieg 2007 ins Video-on-Demand-Geschäft ein, und machte Umsatz, indem es eine Flatrate anbot – für eine Masse an Filmen, unter denen es auch Leuchttürme wie „Breaking Bad“ gab. Filmfans bezahlten lieber 10 Euro im Monat für eine große Auswahl an Netflix-Filmen als einmal 9 Euro für eine Doku wie „Die Mondverschwörung“, konstatiert Wesnigk.

Neue Netzheimat

In der zunehmend kommerziellen Internetwelt wird die faire Selbstvermarktung für Kreative immer schwieriger. „Eigentlich müssten die Öffentlich-Rechtlichen ein Portal für Informationen und Filme anbieten, die jenseits der Verwertungslogik arbeiten“, so Wesnigk und schlägt vor, im Top-Down-Verfahren so eine europäische Film-Plattform aufzubauen.

Die OnlinefilmAG findet nun nach 20 wechselvollen Jahren eine neue Netzheimat unter dem Dach der Stiftung Kulturserver, die Kreativen unterschiedlicher Kulturbranchen die Selbstvermarktung ermöglichen will. Die Corona-Krise bietet auch neue Chancen, denn Theaterstücke und Festivalfilme werden jetzt gestreamt, finanziert durch Hilfsgelder. Da Filme sofort online zu sehen sind und nicht erst nach ihrer Auswertung in Kino und Fernsehen, erreichen sie auch ein größeres Publikum. Neue Chancen für die Kulturszene? Die neue Website der OnlinefilmAG auf dem Kulturserver wird zur Zeit mit der Hoffnung auf größere Verbreitung aufgebaut.

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