Deutungsmacht: Wem gehört Geschichte?

Der Eingang zur "Passage". Denkmal von Dani Karavan. Foto: Heinrich Bleicher

Im südfranzösischen Perpignan tobt ein Kulturkampf. Der neugewählte Bürgermeister, Louis Aliot vom rechtsgerichteten Rassemblement National (RN), will die „Entdiabolisierung“ des Ortes vorantreiben. Das dortige „Kulturzentrum Walter Benjamin“ solle ein Ort der Erinnerung für das jüdische Gedächtnis, an das Schicksal der Zigeuner und den spanischen Bürgerkrieg werden. – Schwer vorstellbar bei der tagtäglichen Stigmatisierung von Ausländern und Migranten durch den RN.

Im 80. Todesjahr Walter Benjamins, nicht weit von dem Ort Portbou, wo er gestorben ist, wird um die Erinnerung an ihn und seine Vereinnahmung durch den rechtsextremen Bürgermeister Aliot gestritten. Dieser hat in seinem Wahlprogramm verkündet, das Zentrum mit einer neuen Konzeption wiederzubeleben. Er wolle es zu einem Haus machen, das „der Schöpfung und der Pflicht zur Erinnerung gewidmet ist, mit Einrichtung von Ausstellungen, Konferenzen, Künstlerresidenzen, Schöpfungen vor Ort“. Es möge dem jüdischen Gedächtnis, dem Schicksal der Zigeuner und der tragischen Geschichte der spanischen „Retirada“, der Flüchtlinge des spanischen Bürgerkriegs, dienen. Das klingt irreal und unglaublich, da seine Partei permanent Ausländer und jegliche Migranten stigmatisiert.

Das Walter-Benjamin-Zentrum in Perpignan
Foto: Josiana Ferranti

Eine große Zahl französischer Intellektueller wie Michaël Löwy, Etienne Balibar und Nathalie Raoux, haben deshalb auch in einem Offenen Brief gegen die Vereinnahmung Walter Benjamins durch den RN-Bürgermeister protestiert. Unter dem Motto: „Auch die Toten werden, vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein“ veröffentlichte „Le Monde“ den Aufruf am 30. Juni. Der Konflikt setzt sich fort. Er scheint eine aktuelle Illustration dessen, was Walter Benjamin in seiner VII. Geschichts-These klarsichtig formuliert hat: „Die jeweils Herrschenden sind aber die Erben aller, die jemals gesiegt haben. … Wer immer bis zu diesem Tage den Sieg davontrug, der marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, die heute am Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so üblich war, im Triumphzug mitgeführt. Man bezeichnet sie als die Kulturgüter.“[1]

Vermutlich hatte Walter Benjamin das Manuskript der „Thesen über den Begriff der Geschichte“ in seiner schwarzen Aktentasche bei sich, als er im September 1940 versuchte, über Spanien nach Portugal und von dort in die USA zu entkommen.

In Port-Vendre hatte er Lisa Fittko aufgesucht, die ihm über einen versteckten Pfad von Frankreich nach Spanien helfen sollte. Mit ihrer und der Hilfe von zwei weiteren Flüchtlingen, José und Henny Gurland, schafft der 48jährige Herzkranke es bis auf das 500 Meter hohe Felsplateau. Vom Pass aus sieht man beides: Das zurückgelassene Frankreich mit dem Ausgangspunkt Banyuls-sur-Mer und das nordostspanische Portbou mit der Grenzstation. Als Benjamin und die beiden Gurlands dort passieren wollen, werden sie zurückgewiesen. Unter den notwendigen Papieren fehlt ihnen das inzwischen erforderliche französische Ausreisevisum.

Benjamin nimmt Quartier im Hotel »Fonda de Franca«. Die Lage erscheint absolut aussichtlos. Sie erinnert an einen Ausspruch in Benjamins Kafka-Essay: „Oh, Hoffnung genug, unendlich viel Hoffnung – nur nicht für uns.“ Der Gestapo, die einen Sitz im Ort hat, will er nicht in die Hände fallen. Konsequent hat er auch für diese Situation vorgesorgt. In der Nacht vom 25. auf den 26. September 1940 nimmt er eine Überdosis Morphium. Ein Arzt stellt Gehirnblutungen als Todesursache fest. Nur keine zusätzlichen Schwierigkeiten. Ein katholischer Priester gibt ihm die letzte Ölung. Auf dem Friedhof von Portbou wird er als Benjamin Walter bestattet.[2]

In 70 Stufen führt der Weg zum Meer und endet quasi im Nichts – über einem Strudel. Foto: wikimedia.org

Heute erinnert ein mit dem Begriff „Passagen“ bezeichnetes Denkmal des israelischen Künstlers Dani Karavan an Walter Benjamin und alle Emigranten, die Nazideutschland verlassen mussten. An diesem vielschichtig gestalteten Erinnerungsprojekt endet auch der 16 Kilometer lange „Walter-Benjamin-Weg“, der in Banyuls-sur-Mer beginnt.

Der ehemals nur den Fluchthelfern bekannte Exilant ist in der ganzen Region heute kein Unbekannter mehr. In der größten französischen Stadt im Grenzgebiet, in Perpignan, gibt es eben jenes Kulturzentrum, das seinen Namen trägt. Das „Centre d’Art Walter Benjamin“ wurde am 23. Februar 2014 mit einer großen Ausstellung zum Namensgeber eingeweiht. Jordi Vidal, der „Directeur de la Culture“ in Perpignan, hielt eine Rede, in der er die historische und aktuelle Bedeutung des großen Philosophen und Kulturkritikers Walter Benjamin auch für Frankreich herausstellte. Nicht lange danach zeigte sich allerdings, dass das „Centre d’Art“ sich nicht zum gewünschten Museum für zeitgenössische Kultur entwickelte. Zeitweise geschlossen, dümpelte es vor sich hin, bis der rechte Bürgermeister es für sich entdeckte.

Neben der Initiative der französischen Intellektuellen hat sich auch die Organisation des „Prix Européen Walter Benjamin“ gegen dessen Vereinnahmungsstrategie gewendet. Auch die Benjamin-Enkelinnen Mona und Kim haben sich zu Wort gemeldet. Sie stellen fest: „Unser Vater wäre voll Zorn und Verzweiflung über diese jüngsten Entwicklungen gewesen und hätte dafür gekämpft, den Namen seines Vaters davor zu schützen, auf diese Weise benutzt zu werden.”[3] Unter Berufung auf das Persönlichkeitsrecht werden sie den Bürgermeister von Perpignan auffordern, den Namen Walter Benjamin nicht mehr für das Kulturzentrum und seine Pläne zu missbrauchen. Wie sich die Akademie der Künste dazu verhält, die den Nachlass Walter Benjamins betreut, ist noch offen. Ihr Ehrenpräsident Klaus Staeck unterstützt den Aufruf der französischen Intellektuellen.[4]


[1] Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, Gesammelte Schriften Band I.3, S. 696

[2] Die inzwischen genauer bekannten Umstände des Todes und der Beerdigung sind detailliert dargestellt in dem Buch „Für Walter Benjamin, herausgegeben von Ingrid und Konrad Scheuermann, Frankfurt am Main 1992. Dort wird auch der 27. September als Todestag in Erwägung gezogen.

[3] Siehe https://prixwb.hypotheses.org/

[4] Siehe auch dazu die Unterschriftenliste auf https://prixwb.hypotheses.org/.


Nachtrag: Am 3. August hat sich die Akademie der Künste in einer Pressemitteilung gegen die Vereinnahmung des Gedenkens an Walter Benjamin durch die französischen Rechte verwahrt.

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