Musikschullehrer – Beruf mit Zukunft!?

Ob im Einzel- und Gruppenunterricht oder bei der Vorbereitung auf "Jugend musiziert" - Musikschullehrer*innen sind immer gefragt.
Foto: Christian von Polentz

Beim alljährlichen Seminar für Musikschullehrkräfte des Bildungswerkes von ver.di Bayern Mitte November 2019 standen Zukunftsperspektiven des Arbeitsplatzes Musikschule und gewerkschaftspolitische Schwerpunkte der Fachgruppe Musik im Fokus. Wichtige Anregungen gaben die Referenten: Gabor Scheinpflug, der neue Bundesvorsitzende der ver.di-Fachgruppe Musik, und Manfred Schneider, Fachanwalt für Arbeitsrecht aus München.

Eine Kernfeststellung des sehr ermutigenden Einführungsvortrags von Gabor Scheinpflug: Veränderungen sind allgegenwärtig und kommen im Laufe unseres Lebens immer wieder auf uns alle zu! Es ist nur die Frage, wie wir mit diesen Veränderungen umgehen, die neben Risiken auch immer Chancen bieten. Die Musikschulen und ihr Arbeitsfeld befinden sich seit Jahren im Wandel, die Arbeitsbedingungen der Musikschullehrer verändern sich.

Alles im Fluss

Waren früher 45 Minuten Einzelunterricht Standard, herrscht heute Gruppenunterricht und Arbeit in Kooperationsprojekten vor. Ausgelöst wurde dieser Wandel durch gesellschaftliche Veränderungen im Allgemeinen, Digitalisierung, neue Arbeitsfelder durch Kooperationen in und mit Schulen, durch Inklusion und Integration, die verstärkt ins Blickfeld der Öffentlichkeit gelangen. Dadurch verändern sich das Arbeitsfeld für Musikschullehrer*innen und die Ansprüche an ihre Kompetenzen. Es tauchen organisatorische und arbeitsrechtliche Probleme auf, wie etwa der Umgang mit Datenschutz und digitaler Kommunikation, mehrfach geteilte Dienste, die das Zeitmanagement komplizierter machen, Tarifvertrag versus Honorar. Die gesellschaftliche Wertschätzung des Berufes hat in den letzten Jahrzehnten abgenommen, Sparmaßnahmen der Kommunen spielen immer wieder eine Rolle, wenn es um die Daseinsberechtigung der Musikschule geht. Aber das Grundbedürfnis nach Musik ist da und musikalische Bildung ist im Grundgesetz sowie in der Gesellschaft verankert! Das Institut Musikschule hat darum nach Ansicht von Scheinpflug gute Chancen, bestehen zu bleiben.

Referent Gabor Scheinpflug (li.) und Tillmann Ens, der Vorsitzende der Landesfachgruppe Musik
Foto: ver.di

Wichtig ist, dass wir Musikschullehrer*innen diesen Wandel aktiv mitgestalten und die gesellschaftliche Bedeutung unseres Berufes unterstreichen. Wir erfüllen einen öffentlichen Bildungsauftrag! Natürlich müssen in vielen Bereichen Ausbildungsstandards an die Berufspraxis angepasst werden, damit Musikschullehrer-Nachwuchs auf die neuen Aufgaben vorbereitet ist und nötige Kompetenzen erwerben kann. Auch im Tarifvertrag sollten die veränderten Arbeitsbedingungen abgebildet werden. Mit ver.di als starkem Partner können arbeitsrechtliche Probleme angegangen und die Arbeitsbedingungen so gestaltet werden, dass unser Beruf auch in Zukunft Freude macht und eine gute Perspektive bietet.

In drei Arbeitsgruppen wurde weiter über den Wandel in der musikalischen Ausbildung diskutiert, mit dem Ziel Lösungsansätze und Verbesserungsvorschläge zu erarbeiten.

Kommunikation bleibt Grundvoraussetzung

Die erste Arbeitsgruppe setzte sich mit dem Thema auseinander, wie man in der Musikschule Betriebsarbeit entwickeln kann. Das ist wegen Teilzeitarbeit und unterschiedlichen Arbeitsorten der Kolleg*innen schwierig. Auf ein funktionierendes Kommunikationsnetzwerk kommt es daher besonders an: Egal ob Schwarzes Brett, Mailing-Liste oder WhatsApp-Gruppe. Gemeinsam kann man mehr erreichen! Ein Infoblatt mit Grundinformationen zu Rechten und Pflichten zusammenzustellen und an alle zu verteilen, wäre ein Anfang. Auch eine Befragung, welche Themen von Interesse sind oder welche Sorgen es gibt, erscheint sinnvoll. Denn oft ist ein konkreter Anlass der beste Weg zu zeigen, was man zusammen erreichen kann.

Die zweite Arbeitsgruppe hat sich damit beschäftigt, wie freie und angestellte Mitarbeiter*innen an einer Musikschule gewerkschaftlich zusammenarbeiten können. Honorarkräfte an kommunalen Musikschulen sind in Bayern noch nicht die Regel. Doch an privaten oder e.V.-Musikinstituten wird bereits deutlich mehr auf freie Mitarbeiter gesetzt. Freie Mitarbeiter*innen müssen Honorarvereinbarungen mit dem Auftraggeber selbst verhandeln oder es gibt pauschalisierte Vereinbarungen. Oft sind weder Kündigungsschutz, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaubstage oder Mutterschutz gesichert, um nur einige Kernpunkte zu nennen. Das unternehmerische Risiko trägt die/der Freie. Um eine soziale Grundabsicherung zu schaffen, sind Haustarifverträge oder arbeitnehmerähnliche Anstellungsverhältnisse nach §12a Tarifvertragsgesetz eine gute Option, die im Bereich der Journalisten, Theater und Verlage bereits genutzt wird. Unter den freien Musikpädagogen herrscht darüber leider oft Unkenntnis. Hier kann und sollte gewerkschaftliche Arbeit ansetzen.

Wirtschaftlichkeit vs. pädagogische Qualität

Die dritte Arbeitsgruppe hat sich mit der Vielzahl an Kooperationsprojekten beschäftigt und grundlegende Vor- und Nachteile gesammelt. Kooperationen mit Schulen und anderen Einrichtungen sind einerseits ein Gewinn für die Musikschule, da sie eine breitere Öffentlichkeit erreichen und positiv gesehen werden, andererseits sind die Arbeitsbedingungen schwierig und viele organisatorische wie pädagogische Sachverhalte sind ungeklärt. Das Zeitmanagement wird komplizierter, geteilte Dienste nehmen zu, der Organisationsaufwand ist deutlich erhöht und die Rahmenbedingungen in den Schulen (Räume, Arbeitsmaterial) sind oft unzureichend. Es ist wichtig, die Effizienz der Kooperationen nicht nur hinsichtlich wirtschaftlicher Aspekte zu prüfen, sondern auch hier die pädagogische Qualität in den Mittelpunkt zu stellen. Es muss ein neuer Bildungsauftrag für die Kooperation formuliert werden, der sicher deutlich vom klassischen Einzelunterricht abweicht. Eltern sollten darüber informiert werden, dass das Erlernen musikalischer Inhalte in der Großgruppe deutlich kleinere Lernfortschritte bedeutet als in der Kleingruppe oder im Einzelunterricht. Dann können sie bewusst entscheiden, was sie für ihr Kind wollen. Da der Umgang mit einer Großgruppe ein anderes pädagogisches Vorgehen erfordert, ist die Aus- und Weiterbildung der beteiligten Kolleg*innen besonders wichtig. Die Entlohnung für Großgruppenstunden sollte unter Berücksichtigung des enormen Arbeitsaufwandes angepasst werden.

Rechte kennen und nutzen

Am zweiten Tag standen rechtliche Fragen im Vordergrund. Neben Kündigungsschutz, Wochenendzuschlägen und Überstunden, Ferienüberhang, Dienstfahrten und Fahrtkostenregelungen schloss das Betriebs- bzw. Personalratsarbeit, Datenschutz und Vertragsregelungen ein. Auch über aktuelle Gerichtsurteile des Europäischen Gerichtshofes berichtete Manfred Schneider, der auch für ver.di im Landesrechtsschutz Bayern tätig ist. Es wurde offensichtlich, dass große Unwissenheit in tarifrechtlichen Fragen herrscht und viele Musikschullehrer*innen ihre im Arbeitsvertrag festgeschriebenen Rechte nicht kennen! Arbeitgeber können das auszunutzen. Daher gilt es, für mehr Wissen unter den Musikschullehrern zu sorgen, sich besser auszutauschen und zu vernetzen (z.B. über Musik Intern oder kuk.verdi.de.) sowie Kolleg*innen zu ermutigen, für ihre Rechte einzutreten und sich gemeinsam zu wehren.

Seminarflyer

Durch das Seminar führte Agnes Kottmann, die als Gewerkschaftssekretärin für ver.di Bayern die Landesfachgruppe Musik seit Oktober 2018 betreut. Der Sprecherrat der Landesfachgruppe Musik war ebenfalls vollzählig anwesend und hat sich rege an der Diskussion beteiligt.

Die Landesfachgruppe Musik in Bayern nimmt zahlreiche Arbeitsaufträge aus diesem Seminar mit und will versuchen, ein verlässliches Netzwerk aufzubauen, Wissen zu vermitteln und Ansprechpartner zu sein. Für die gewerkschaftliche Arbeit haben sich ebenfalls Arbeitsfelder abgezeichnet, die in Forderungen für die nächsten Tarifverhandlungen münden könnten. Auch wenn in Bayern noch ein Großteil der Kollegen als Angestellte im Öffentlichen Dienst tarifgebunden arbeitet, sollte man die freien Kollegen als Verbündete mit ins Boot holen und gemeinsam für Mindesthonorare und eine soziale Grundabsicherung eintreten. Dann haben Hungerlöhne und Ausbeutung keine Chance! Doch die Musikschule umso mehr!

 

 

nach oben

weiterlesen

Faszinierend: Instrument des Jahres 2021 ist die Orgel

Die Orgel löst die Violine als Instrument des Jahres ab. Die 2008 in Schleswig-Holstein gestartete Initiative der Landesmusikräte stellt in jedem Jahr ein anderes Instrument in den Mittelpunkt. Allgemeine Aufmerksamkeit und die Lust sollen geweckt werden, sich mit ihm zu beschäftigen. Mit der Orgel wurde nun zum ersten Mal ein Tasteninstrument gekürt. Gleich eines der Superlative.
mehr »

Koblenz: Lautstark für Festanstellungen

Ob es wirklich die bisher größte ver.di-Musikerdemo war oder nicht, steht dahin. Auf jeden Fall konnte sie sich sehen lassen: Mehr als hundert Kolleginnen und Kollegen setzen sich mit gehörigem Corona-Abstand, vielen Transparenten und unüberhörbaren musikalischen Einlagen am 3. Oktober in Koblenz für faire Beschäftigung an den öffentlichen Musikschulen ein. Organisiert hatten das die ver.di-Landesfachgruppen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz/Saar.
mehr »

Berlin: Ab August Honorarerhöhungen

Ein Erfolg für alle Honorarkräfte an Berliner Musikschulen: 15 Prozent mehr Honorar rückwirkend ab August 2020. Ab August 2021 erwarten die Koalitionsfraktionen weitere 25 Prozent mehr. Der hauptstädtische Senat hat im Rahmen der Hauptausschuss-Sitzung am 23. September 2020 die seit Langem diskutierten Honorarerhöhungen für Musikschullehrerinnen und Musikschullehrer verbindlich mitgeteilt.
mehr »

Musikalischer Protest landesweit in NRW   

Mit aufsehenerregenden Aktionen machten Musikschullehrer*innen in NRW am vorletzten August-Samstag auf die miserablen Arbeitsverhältnisse der Honorarkräfte aufmerksam: Kein Lohn bei Krankheit und in den Schulferien, kein Zugang zur Arbeitslosenversicherung, keine Mutterschutzregelung und deutlich zu geringe Honorare. Das sei nicht erst seit der Corona-Krise so und müsse sich grundlegend ändern. Sarah van Dawen-Agreiter, Gewerkschaftssekretärin für Kunst und Kultur, sieht die Kommunen „in der Verantwortung, prekäre Arbeit zurückzudrängen – nicht, sie selbst zu nutzen, um auf dem Rücken der Lehrkräfte zu sparen“.
mehr »