Zehn Köpfe, sechs Länder, viel Literatur

Nürnberg hat erneut Hermann-Kesten-Stipendien ausgeschrieben. 2021 sind fünf AutorInnen plus fünf Übersetzer*innen zwei Wochen in Nuernberg aktiv. Drunter auch Leonhard F. Seidl, Autor und Vorsitzender des VS in ver.di Mittelfranken, hier beim ersten Treffen im Garten des Hermann-Kesten-Cafés der Stadtbibliothek, von links an das Denkmal Hermann Kestens gelehnt. Foto: Heinz Wraneschitz

Fünf Zweierteams aus insgesamt sechs Ländern: das sind die von der Stadt Nürnberg eingeladenen Hermann-Kesten-Stipendiat*innen des Jahrgangs 2021. Dabei kommen fünf Tandempartner aus Nürnberger Partnerstädten, die anderen fünf stammen aus Mittelfranken. Einer der Stipendiaten ist Leonhard F. Seidl: der in Fürth wohnende Oberbayer ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Verbands der Schriftsteller*innen VS in ver.di Mittelfranken.

Die Teams bestehen jeweils aus Autor*in und Übersetzer*in. Seidl arbeitet mit der Urszula Poprawska aus Krakau zusammen. Ihr Arbeitsfeld: Deutsche Fachliteratur, Romane und Reportagen ins Polnische übertragen. Zu den etwa 50 von ihr übersetzten Büchern gehören Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“, Günter Wallraffs „Aus der schönen, neuen Welt, Expeditionen ins Landesinnere“ oder – ganz aktuell – Daniel Kehlmanns „Tyll“. Leonhard F. Seidl wiederum, eigentlich politischer Kriminalautor, hat zuletzt mit dem Schelmenroman „Der falsche Schah“ von sich reden gemacht.

Doris Groß vom Nürnberger Amt für Internationale Beziehungen findet die Zusammensetzung der Stipendiat*innen „spannend, weil so unterschiedlich. Einer macht ausschließlich Gedichte, ein anderer ist Blogger“ – aber im Hauptberuf Forscher für Nachhaltigkeit an der Pädagogischen Hochschule Glasgow. Viele sind bereits zwischen verschiedenen Ländern hin- und hergezogen, „aber es sind auch junge Leute dabei, die erst reinfinden in die Arbeit“, so Groß.

In den nächsten Tagen sind Lesungen geplant, aber auch ein Gespräch zwischen Seidl und Poprawska über die Faszination des geschriebenen Worts in der eigenen und in anderen Sprachen. Alle Veranstaltungen sind – unter Corona-Regeln gehalten – kostenfrei.

Zum Abschluss steht am Freitag, 24. September „Literatur aus den Partnerstädten – Von Andalusien über die Cotê d’Azur bis ins traditionsreiche Krakau und an den River Clyde“ an: Die Hermann-Kesten-Stipendiaten präsentieren die Text-Ergebnisse ihrer zweiwöchigen Zusammenarbeit. Und außerdem wird der vom VS Mittelfranken ausgelobte Hermann-Kesten-Preis verliehen. Der Veranstaltung im Literaturhaus Nürnberg ist auch via Zoom beizuwohnen.

Weitere Informationen und Anmeldemöglichkeiten hier.

Hermann Kesten und das Stipendium

Der Schriftsteller Hermann Kesten wuchs als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Nürnberg auf. 1919 legte er das Abitur am Humanistischen Königlich Alten Gymnasium in Nürnberg ab. Danach studierte Kesten Jura und Nationalökonomie, ferner Geschichte, Germanistik und Philosophie in Erlangen und Frankfurt am Main. 1933 floh er nach Frankreich; 1949 nahm Kesten die amerikanische Staatsangehörigkeit an. Trotz allem blieb er der Stadt seiner Jugend gewogen: Seit 1980 Ehrenbürger der Stadt stiftete Kesten 1995 das Preisgeld für die erste Verleihung des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises. Und seit dem Jahr 2000, dem 950-jährigen Stadtjubiläum, gibt es das Hermann-Kesten-Stipendium: Nürnberg lädt dazu alle zwei Jahre Autor*innen und Journalist*innen aus den Partnerstädten ein.

Nach einer Pause seit 2014 gab es jetzt einen Neustart mit neuen Regeln: Fünf Gäste aus den Partnerstädten Nizza, Cordoba, Krakau, Glasgow und Edinburgh arbeiten zwei Wochen lang an ihren Texten, jeweils im Tandem mit einem Partner, einer Partnerin aus Mittelfranken. Dabei „lernen sie Nürnberg kennen. Außerdem präsentieren sie sich und ihre Arbeit der Nürnberger Bevölkerung bei einer Reihe von Veranstaltungen“. Die Stadt stellt für 14 Tage Gästezimmer im Internationalen Haus, einen Raum in der Stadtbibliothek zum gemeinsamen Arbeiten sowie Fahrtkosten und eine Aufwandspauschale zur Verfügung. Das städtische Amt für Internationale Beziehungen arbeitet dabei mit der Bildungscampus Nürnberg zusammen.

 

 

 

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