Weiberfastnacht

Zurückgezählt, begann vor 122 Tagen die fünfte Jahreszeit. In ihr verdünnen Karnevalisten ihr Narrenblut vermehrt mit Alkohol und die im Rheinischen ansässigen „Höhner“ zeigen mit dem Schunkellied „Mer stonn zo dir, FC Kölle“, wo der Hammer hängt. Doch nicht nur im katholischen Rheinland wird Karneval gefeiert, auch das sächsische Leipzig hat einiges zu bieten.

Der Elferrat ist, hier wie dort, die eherne Säule. Er ist das Karnevals-, Fastnachts-, Faschings- oder Fastelovends-Parlament, das aus elf Würdenträgern besteht, die vermutlich besonders ideenreich und trinkfest sein müssen. Während der Vorläufer des Karnevals – so jedenfalls ist es beurkundet – bereits vor 5000 Jahren in Mesopotamien gefeiert wurde, blicken wir Leipziger im kommenden Jahr auf eine siebzigjährige Tradition des studentischen Elferrates zurück. Warum elf, frage ich mich. Hat da der Fußball Pate gestanden? Die Zahl ELF leitet sich wohl aus der Losung der Französischen Revolution her, lass ich mich belehren, und zielt auf deren Anfangsbuchstaben: „Egalité, Liberté, Fraternité“ – „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit“.

Ob das Leipziger „Forsthaus Raschwitz“, die DHFK oder das „Haus Leipzig“; diese Faschings-Tempel galten in DDR-Zeiten als Hochburgen frei definierter Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit. Schon deshalb waren Karten für Faschingsveranstaltungen rar und heiß begehrt. Die SED-Führung und Stasi hatten stets ein wachsames Auge auf die Närrinnen und Narren. Einfallsreichtum war gefragt, wenn es darum ging, in der Bütt die Politik zu kritisieren, für mich ein Extragrund, keinen Fasching zu versäumen. Selbst politische Witze hatten eine gewisse Chance, von der Stasi überhört zu werden. Trotz jugendlicher Ausdauer lief nach der dritten Faschingsnacht meine Kondition gegen Null. Das morgendliche Stehen am Labortisch wurde zur Qual und Schreibtischarbeit verführte zum Schlafen. Doch bis Aschermittwoch wurde weiter gefeiert. Das war in den Sechzigern.

Als Straßenkarneval noch ging: 2011 bot eine Düsseldorfer „Möhne“ alte Krawatten zu einem Euro für gute Zwecke feil. Foto: mons.wikimedia.org

Eine altbabylonische Inschrift aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. verweist darauf, dass unter dem Priesterkönig Gudea ein siebentägiges Fest gefeiert wurde, während dessen „Mächtige und Niedere“ sich gleichberechtigt austobten. Nahezu alles war erlaubt, der Alkohol floss in Strömen und jeder verband sich mit jedem.

Wurden zu Beginn des Christentums weltliche Vergnügungen als Teufelswerk gesehen, brachte spätestens Martin Luther neuen Wind in die Kirchen. Obwohl er den Fasching verbot, lese ich in seinen Aussprüchen: „Man muss bisweilen mehr trinken, spielen, Kurzweil treiben und dabei sogar irgendeine Sünde riskieren, um dem Teufel Abscheu und Verachtung zu zeigen (…)“

Als der Reformation zugetane Sächsin halte ich mich in Teilen an Luther’sche Weisheiten und fröne noch immer mancher Faschingsfreuden; leider ganz ohne meine Familie, der unverständlich ist, woher mein Faschingsgen stammt. An einem Faschingsdienstag, es war in meiner Zeit als Kirchvorsteherin der Leutzscher Laurentiusgemeinde, erschien ich verkleidet in der Sitzung des Kirchenvorstandes. Der zu enge Hochzeitsanzug meines Mannes hatte herhalten müssen, dazu ein Chapeau Claque aus meinem Fundus, ein gemalter Schnurri und eine Lupe als Monokel vervollständigten meine Seriosität: Mäßige Begeisterung unter den anderen Kirchvorstehern.

Nicht selten fiel Fastnacht in die Zeit der Reihe „Buchmesse schmeckt“, die wir vom Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, der Leipziger Buchmesse und dem Studentenkeller Moritzbastei veranstalteten. Eingeladen wurden vorlesefreudige Prominente der Stadt, die Bücher ihrer Wahl vorstellten. Die Neugier auf Buch, Vorleser und leckere Suppen führte oft zur Überfüllung des „Schwalbennestes“.

Es war Donnerstag, der 3. März 2011, wenige Tage vor Rosenmontag. Mittags, schon eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn, war jeder Stuhl besetzt. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung – immer ein packender Vorleser – war wieder einmal Gast dieser Reihe. Mit meiner kurzen Anmoderation begann die Veranstaltung. Danach seine spannende Lesung und anhaltender Applaus. Es war Weiberfastnacht, die angeblich mit weiblicher Machtübernahme und symbolträchtigem Abschneiden der Männerkrawatten verbunden war. Noch nie hatte ich diesen Brauch in natura erlebt. Burkhard Jung saß, leicht erhöht, auf einem Podest und hörte die Rufe: Zugabe, Zugabe! Jetzt war Zeit, ihm zu danken für eine spannende Lesestunde. Zugabe, skandierten noch immer einige, während ich schon neben ihm stand, bereit zur Verabschiedung. In meiner rechten Hand blinkte es silbrig. Dann hob ich sie, griff mit der linken nach der Krawatte des Oberbürgermeisters, seidig lag diese in meiner Hand. Die rechte brachte ich in Stellung. Stille im Raum. „Bitte nicht“, drang die Jungsche Stimme an mein Ohr, „Sie ist ein Geschenk, außerdem habe ich später Ratssitzung.“ Natürlich zögerte ich einen Moment. Doch dann kam meine Schneiderschere zum Einsatz. Das kleingemusterte Krawattenstück schwenkte ich über unseren Köpfen. Vielstimmiger Applaus. Kein böses Wort hörte ich. Später haben wir zusammen oft über diese Posse gelacht. Weiberfastnacht ist eben Weiberfastnacht.

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