VS-Kongress: Politik und alles Digitale

Der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller wird 50 und will in den aktuellen gesellschaftlichen Debatten energisch mitmischen. Auf dem 22. VS-Bundes- und Jubiläumskongress in Aschaffenburg steht vom 14. bis 17. Februar 2019: „Literatur unter Strom“. Es elektrisieren die Themen Politik und Digitalisierung. Neben der Delegiertenkonferenz umfasst das Programm über 30 Lesungen, hochkarätig besetzte Diskussionsrunden und einen Abend mit Poetry-Slam-Battle.

Chancen und Risiken der Digitalisierung werden am 15. Februar speziell in einem Vortrag und anschließender Debatte mit Rüdiger Wischenbart, Karla Paul, Patricia Klobusiczky, Peter Kraus vom Cleff, Nike Leonhard und Dr. Robert Staats beleuchtet. Projektleiterin Nina George führte vorab Gespräche mit den Podiumsteilnehmer_innen. Das erfuhr sie im Gespräch mit Patricia Klobusiczky, Übersetzerin, 1. Vorsitzende des Verbands deutscher Übersetzerinnen und Übersetzer.

 

Künstliche Intelligenz hat keine Sinneserfahrung

Hilft oder stört die digitale Welt eine Übersetzerin bei ihrer Arbeit?

Patricia Klobusiczky: Sowohl als auch …

Patricia Klobusiczky
Foto: Ebba Drolshagen

Als ich 1996 den ersten Übersetzungsauftrag bekam, habe ich noch einen Monat in der Bibliothek verbracht und die Autorin in Paris besucht und zu Recherchezwecken auch noch einen Rabbiner aufgesucht. An sich war das alles sehr schön und eine ideelle Bereicherung, aber das musste ich damals mit einem Nebenjob finanzieren.

Dank Internet ist die Recherche deutlich weniger zusatzkostenintensiv, auch wenn sie nach wie vor Zeit verlangt (die zusätzlich vergütet gehört).

Aber natürlich muss ich mich gegen alle Verlockungen wappnen, die das Internet bereithält (in einem Übersetzungsprojekt wurde Fellini zitiert – wie gern hätte ich mir da gleich ganze Filme von ihm wieder angesehen).

Was halten Sie von automatischen Übersetzern wie jenen, den Amazon einsetzt, um Klassiker zu übersetzen, oder die Entwicklung von KI (Künstliche Intelligenz), um Literatur künftig elektronisch zu übersetzen?

Letztes Jahr habe ich noch verächtlich gelacht, als ein kluger junger Übersetzer meinte, unser Verband müsse sich auch dieser Frage stellen. Inzwischen habe ich mir einen ganzen Tag Zeit genommen, um DeepL zu testen (mit Originaltexten von Henry James und Samuel Beckett, von Marcel Proust und Marc Lévy, also komplexe und reduzierte Syntax und Lexik aus dem Englischen und Französischen), weil in letzter Zeit so viel über dieses vermeintliche elektronische Übersetzungswunder berichtet wurde. Was soll ich sagen: Ja, deutlich besser als Google Translate, aber immer noch nicht überzeugend – man sollte nicht auf die sehr gut gemachte PR der Softwareentwickler hereinfallen, die sich doch sehr stark in der Berichterstattung spiegelt (oft eher Marketingsprachrohr als kritischer Journalismus), sondern einen Selbstversuch starten.

Das Problem: Auch wenn DeepL tatsächlich über einen üppigen Wortschatz verfügt und mit Hypotaxen besser zurechtkommt als andere Programme, geht die Software dennoch rein mathematisch an das Übersetzen von Literatur heran. Ihr fehlt, was »Humantranslatorinnen/-translators« in reichem Maß besitzen: Lebenserfahrung, Körpererfahrung, Sinneserfahrung, Erinnerungs- und Assoziationsvermögen, all das, was Literatur ausmacht.

Die KI kann keine Haltung zum jeweiligen Text entwickeln, und auch keinen Ton, den sie – je nach Anforderung des Originals – von Anfang bis Ende durchhält, sie kann keine bewussten Brüche setzen. Das fällt noch viel schwerer ins Gewicht als Probleme der Mehrdeutigkeit, des Sprachspiels etc.

Was ich aber nicht ausschließen würde: Dass Originaltexte, die mit Hilfe einer bestimmten Software entstanden sind (soll es ja geben), sich leichter softwaregestützt übersetzen lassen als andere. Selbst dann wird eine Menschliche Intelligenz (MI …) nachhelfen müssen. Beim ersten Buch, das angeblich komplett durch KI übersetzt wurde, musste ein Team von acht Leuten nacharbeiten (es war ein Sachbuch, kein literarisches Werk) – ob da eine einzige kompetente Übersetzerin nicht effektiver wäre? Und kostengünstiger?

Wozu braucht die Welt übersetzte Literatur?

Seit es Literatur gibt, steht sie im Austausch mit der Welt – die deutsche Sprache ist praktisch durch Übersetzung entstanden (Luthers immens schöpferische Bibelübertragung!), die französischen Sonette der Renaissance wären ohne Petrarca nicht denkbar, die Shakespeare-Übersetzungen der Romantik sind in die deutsche Literaturgeschichte eingegangen, der russische Roman des 19. Jahrhunderts verdankt sich westlicher Inspiration und ist darüber hinausgewachsen, mit einer internationalen Wirkung, die bis heute unvermindert anhält. Übersetzungen von Literatur bringen uns also nicht nur fremde Welten nah, sie regen die literarische Produktion und Erneuerung im Zielland an – die dann wiederum in die Welt hinausstrahlt, sobald sie übersetzt wird. Manches wird im eigenen Land erst durch die Übersetzung in einem anderen Land wieder entdeckt (wie bei Hans Falladas großartigem Vermächtnis »Jeder stirbt für sich allein«, das gewissermaßen über die angelsächsische Welt nach Deutschland zurückgekehrt ist). Vermutlich einer der produktivsten Kreisläufe der Weltgeschichte …

Wenn Sie auf die Situation der Übersetzerinnen und Übersetzer schauen: welche dringendsten Wünsche oder Forderungen hätten Sie?

Ich wünsche mir dringend, dass unser Status als Urheberinnen endlich flächendeckend anerkannt wird und sich alle Akteure in der Literaturbranche entsprechend verhalten, die Verlage also ausnahmslos ihren Pflichten zur Nennung ihrer Übersetzerinnen/Übersetzer nachkommen – immer dort, wo die/der Originalautorin/-autor genannt wird –, und das gilt auch für den Buchhandel, für literarische Institutionen, Veranstalter und für die Medien.

Und da ist natürlich unsere Forderung nach angemessener Vergütung, die trotz Novellierung des Urheberrechts und trotz BGH-Rechtsprechung immer noch nicht erfüllt ist. Eine Handvoll Verlage hat mit uns Gemeinsame Vergütungsregeln vereinbart, Ergebnis eines vorbildlich fairen Kompromisses, aber einige der größten Auftraggeber unterlaufen immer noch systematisch die Beteiligungssätze, die der BGH uns zugesprochen hat.

Diese Forderung hängt mit meinem dritten dringenden Wunsch zusammen: Dass wir etwas bewirken können gegen die besonders unter Kreativen grassierende Altersarmut.

Die Fragen stellte Nina George, Projektleitung „Literatur unter Strom: Die Debatte“

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