VS-Kongress: Gespräch vorab mit Karla Paul

Auf dem 22. VS-Bundes- und Jubiläumskongress in Aschaffenburg steht vom 14. bis 17. Februar 2019 „Literatur unter Strom“. Es elektrisieren die Themen Politik und Digitalisierung. Chancen und Risiken der Digitalisierung werden am 15. Februar speziell in einem Vortrag und anschließender Debatte ausgelotet. Auf dem Podium dabei: Karla Paul. Sie wird dort mit Rüdiger Wischenbart, Patricia Klobusiczky, Peter Kraus vom Cleff, Nike Leonhard und Dr. Robert Staats diskutieren.

Nina George, Projektleitung „Literatur unter Strom: Die Debatte“, führte vorab Gespräche mit den Podiumsteilnehmer*innen. Das Folgende erfuhr sie dabei von Karla Paul, Literaturlobbyistin, freie Kulturjournalistin und Autorin:

Das Internet ist so lebendig wie unsere Kultur

Karla Paul, Sie haben oft als eine der ersten die Chancen ausgelotet, Literatur und digitale Kommunikation miteinander zu verbinden. Welche digitalen Kanäle nutzen Sie, um welche Literatur an wen zu vermitteln?

K. Paul: Literatur ist für mich bereits eine Kommunikationsform – die Autorin vermittelt mir damit bestimmte Emotionen, Werte, Inhalte, Informationen. All dies lässt sich hervorragend mit den digitalen Medien verbinden und übersetzen. Tatsächlich gibt es auch keine Eingrenzung in der Zielgruppe – für Bücher ist man nie zu jung oder zu alt, glücklicherweise können die meisten Menschen lesen und der Zugang zu Literatur ist sehr schnell, einfach und kostengünstig geschaffen. Theoretisch kann ich also auf jedem digitalen Netzwerk eine moderne Version des Lesekreises bilden, Bücher besprechen, Inhalte vorstellen und sie zusätzlich sogar verkaufen. Ich probiere erst mal jedes Netzwerk aus und verwende es dann je nach dessen Hauptnutzen und der dort vorrangigen Nutzergruppe.

Karla Paul arbeitet für diverse Medien (u.a. ARD, WDR, T-Online, Moka Magazin) als freiberufliche Journalistin und Autorin im Kulturbereich. Sie ist eine der reichweitenstärksten Literaturbloggerinnen Deutschlands.
Foto: Simone Hawlisch

So bietet Instagram die Möglichkeit hochwertige Cover und Illustrationen zu zeigen, Buchempfehlungen in den Stories zu geben oder Lesungen live zu übertragen und mit den Hashtags kann ich mich international wie regional austauschen.

Auf Twitter geht es um kurze Texte, hier poste ich eher Zitate und beziehe meine Hauptinformationen aus der Presse und verdichte mein Netzwerk im Sachbereich.

Auf Facebook hingegen findet ein aktiver Austausch in den Gruppen statt, z.B. betreue ich dort die ARD Buffet Literaturgruppe mit fast 4.000 Nutzern, es gibt eine sehr aktive Buchhändlerinnengruppe und ich informiere mich über die Neuigkeiten von Autorinnen, Verlagen und der Branche. Ich überlege mir stets bei jedem Inhalt, wo und wie sie am besten platziert werden sollte und mache damit seit einigen Jahren gute Erfahrungen.

YouTube und Snapchat habe ich ebenfalls ausprobiert, die Austauschmöglichkeiten erschienen mir aber im Vergleich zum Aufwand sehr gering und da es mir im Internet tatsächlich um das Soziale, d.h. die Interaktion geht, stieg ich nach einer Weile wieder aus.

Es gibt auf jeder Plattform tolle, spannende Beispiele, wie Literatur dort von Autorinnen, Verlagen und weiteren Büchermenschen kreativ genutzt wird. Das Internet ist so lebendig wie unsere Kultur, es wächst und wandert und im Idealfall gehen wir diese Wege mit, um zu gestalten und unsere Begeisterung reichweitenstark und ansteckend zu vermitteln!

Was kann die digitale Kommunikation und Literaturvermittlung,
wasvorher nicht möglich war – und wo sind die Grenzen?

Ich sehe keine Grenzen, nur Möglichkeiten. Wir verbinden uns über die Inhalte jetzt wesentlich schneller als früher, innerhalb von Sekunden kann ich via Google oder über Hashtags Leserinnen einer bestimmten Autorin finden und mich unkompliziert mit ihnen austauschen. Ich kann mitverfolgen, wie meine Berliner Lieblingsbuchhändlerin ihre Lesung moderiert und kann gleichzeitig über den Second Screen mit anderen Zuschauern kommunizieren. Literatur geht auch als Inhalt völlig neue Wege, das erfolgreichste Beispiel ist hier die Schreibplattform Wattpad, die mit mehreren Millionen Nutzern die Leserinnen direkt in das Schreiben und Gestalten mit einbezieht. Die Möglichkeiten sind so vielfältig wie die Literatur selbst – ich entdecke wöchentlich neue Ideen!

Die begleitenden Herausforderungen: die Urheberinnen einerseits in dieser Gestaltung zu unterstützen und die Freiheit des Internets zu stärken und dennoch sinnvolle, unkomplizierte Verwertungsmöglichkeiten zu finden. Hier werden wir nicht nur die Gesetze deutlich modernisieren müssen, sondern auch den gesellschaftlichen Umgang mit kreativen Werken.

Für Printprodukte ging ich früher zum Kiosk oder für das Buch zur Lieblingsbuchhändlerin, es galt mehr wie eine Art Belohnung, sich mit Wissen zu versorgen oder eine gute Lektüre zu erwerben, es wurden extra Stunden dafür freigehalten – man sparte Geld, Zeit, Ruhe für Text, ob informativ und/oder unterhaltsam. Inzwischen haben wir kaum noch Geduld für das Aushalten, Abwarten, spätere Belohnen und mit den Möglichkeiten wächst auch die Überforderung der Auswahl. Zudem kommunizieren wir mit negativen Worten wie »Bezahlschranken« oder bitten Leserinnen um Spenden – das halte ich nicht für wertschätzend und dementsprechend auch nicht für wertschöpfend.

Werden im Jahr 2050 Bücher von KI geschrieben oder übersetzt werden?

Aus meiner Sicht wird das weit eher der Fall sein – KI wird bereits in vielen Textbereichen eingesetzt und lernt stetig dazu. Bis 2025 werden wir sicherlich schon erste Titel auf dem Markt haben, die zumindest in Teilbereichen von KI gestaltet und/oder bearbeitet wurden. Ich halte das auch für einen Fortschritt. Automatisierung kann dem Menschen helfen, ihm Arbeit abnehmen, sorgfältiger und weit schneller sein. Ein Rechtschreibprogramm ist ja nichts Anderes: aufgrund einer Grundlage von automatisierten Regeln werden Inhalte überprüft und abgewandelt wiedergegeben. Hier gibt es bereits erste Experimente in der Sachliteratur. Wenn es allerdings um z.B. Belletristik geht – hier bin zumindest ich als Leserin weiterhin an menschlichen Erfahrungen, Emotionen und Erlebnissen interessiert und auch an deren individueller Wiedergabe. Ob das die Masse ebenfalls weiterhin so sieht, bleibt abzuwarten. Es gibt z.B. schon eine rein digitale Influencerin auf Instagram, die mit ihren von einer Agentur und KI gestalteten Postings bereits über 1,5 Millionen Followerinnen weltweit begeistert. Ein Unterschied zum Austausch mit menschlichen Profilen ist nicht feststellbar. Wer weiß, vielleicht schreibt @lilmiquela den nächsten Bestseller?

Hier geht es zu Karla Pauls Buchkolumne

 

 

 

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