„Verbrannte Bücher“ ins Gedächtnis

Autor Johann Voß am 10. Mai auf dem Helmstedter Marktplatz. Foto: Jeremy Köck

„Nun, was ist das Gegenteil von ‚Bücher verbrennen‘? Ganz einfach: Ein Buch herstellen! Aus diesem Grund nehme ich am Jahrestag der Bücherverbrennung, also am 10. Mai 2020, von 11 bis 15 Uhr auf dem Marktplatz in Helmstedt Texte im DIN-A4-Format entgegen“, erklärte der Autor Johann Voß vorab. Und initiierte eine ganz eigene Aktion zum Gedenktag.

Voß´ Plan: Aus den gesammelten Geschichten, Tagebucheintragungen, Gedichten, historischen Fotos, Zeitungsmeldungen und anderen Reflexionen soll ein Buch mit Spiralbindung entstehen. Daraus soll nach der Corona-Zeit an geeigneter Stelle auch gelesen werden. Jede und jeder konnte mitmachen, die Themen waren frei.

Der Initiator nach der Aktion: „Es haben sich überraschend viele Menschen mit eigenen Beiträgen beteiligt, darunter Schülerinnen, Schüler und Zeitzeugen des Krieges. Ein Teilnehmer hat auf dem Marktplatz eigene Verse rezitiert. Die Wolfsburger Künstlerin und VVN-Aktivistin Mechthild Hartung stellte ihre Bronzeplastik ‚Die Lesende‘ aus.“ Geliefert wurden: Gedichte, Geschichten, Collagen, Fotos, Reflexionen, spontane Niederschriften am Stand. Weitere Beiträge sind per Mail angekündigt. Der Jungfilmer Jeremy Köck hat während der vier Stunden Bildmaterial für eine Dokumentation gesammelt. Für die spätere Vorstellung von Buch und Film bot ein Helmstedter Unternehmer spontan seinen großen Sitzungsraum an.

Am 10. Mai 1933 verbrannten vor allem junge Nazis in mehreren Städten öffentlich Bücher von Autoren, denen ein „undeutscher Geist“ zugeschrieben wurde. Die Liste der Autoren, deren Bücher in Flammen aufgingen, ist lang. Stellvertretend seien erwähnt: Bertolt Brecht, Albert Einstein, Marieluise Fleißer, Sigmund Freud, Erich Kästner, Franz Kafka, Anna Seghers, Kurt Tucholsky, Andre Gide und Ernest Hemingway.

An diese und andere Auswüchse kultureller Barbarei zu erinnern, tut weiterhin Not. Zeichen zu setzen gegen Intoleranz, Antisemitismus und Fremdenhass ist in Corona-Zeiten nicht weniger wichtig. In München legten die Künstler Wolfram P. Kastner und Martin Mohr erneut eine Brandspur in den Rasen des Königsplatzes. Seit 1995 erinnern sie mit ihrer Aktion – einem großen Brandfleck und einer anschließenden Lesung – an die Bücherverbrennung, „weil die Geschichte nicht vergangen und es aus vielen Gründen notwendig ist, diese Literatur ins kulturelle Gedächtnis dieser Stadt und dieses Landes zurückzuholen“, so Kastner.

Da die Lesung aus „verbrannten Büchern“ diesmal in der gewohnten Form am „Tatort“ von vor 87 Jahren nicht möglich war, wurde sie kurzerhand ins Internet verlegt und kann dort nachverfolgt werden.

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