Schwieriges Erbe: Der „Cato von Miesbach“

Etwas blass, aber sichtbar: Mit Bannern machten mehrere bayerische Gemeinden, hier Rottach-Egern, auf den 100. Todestag Ludwig Thomas aufmerksam. Foto: Franz-Josef Rigo

Im Juni entschied eine Münchner Kommission, die 158 Meter lange Ludwig-Thoma-Straße im Stadtteil Pasing umzubenennen. Schon seit 1990 verleiht die Stadt München keine „Ludwig-Thoma-Medaille“ mehr. Einige Träger gaben die bis dahin hoch geschätzte Auszeichnung zurück, um sich von ihrem Namensgeber zu distanzieren. Wie geht man mit einem gern gelesenen Dichter um, der sich als geistiger Brandstifter selbst ins politische und moralische Abseits manövrierte?

Ludwig Thoma (1867 – 1921), dessen Todestag sich vor kurzem zum 100. Mal jährte, wurde lange als „Nationalpoet“ verehrt. Zu Beginn seiner Karriere hatte sich der Jurist mit politischer Lyrik für die „Jugend“ und Satiren für den „Simplicissimus“ einen Namen gemacht. Die „Lausbubengeschichten“, in den 1960er Jahren von Helmut Käutner mit Hansi Kraus verfilmt, „Der Münchner im Himmel“, „Heilige Nacht“ und „Jozef Filsers Briefwexxel“ werden bis heute geliebt. Kurzgeschichten, Erzählungen, Theaterstücke und vor allem die Bauernromane begründeten seinen literarischen Rang.

Detail am Geburtshaus in Oberammergau Foto: Wikimedia.org

Die Tatsache, dass Thoma am Ende seines Lebens, von Juli 1920 bis August 1921 für den „Miesbacher Anzeiger“ menschenverachtende Hetzschriften verfasste, wurde verdrängt. Erst 1989 erschienen 167 seiner wohl 172 Anzeiger-Beiträge in einem von dem Historiker Wilhelm Volkert kritisch editierten und kommentierten Sammelband. Die antisemitischen, antidemokratischen und frauenfeindlichen Hasstiraden rufen aus heutiger Sicht zurecht Entsetzen und Abscheu hervor, zumal Thoma die Pamphlete anonym schrieb und zeitlebens ihre Urheberschaft bestritt.

Heimatschriftsteller oder Hetzer. Oder beides?

Seit sich antisemitische und rassistische Attacken in Deutschland häufen, gibt es vielfach Diskussionen um Neubewertungen von Personen, mit Neubenennungen von Straßen, Plätzen, gar Universitäten in der Folge. In München entbrannte das Ringen um Thomas schwieriges Erbe erneut. Die Umbenennung der Ludwig-Thoma-Straße lehnte Oberbürgermeister Dieter Reiter im Juli allerdings ab. Die Zukunft des Ludwig-Thoma-Hauses auf der Tuften ist weiterhin ungewiss. Die ehemalige Dichterresidenz in Tegernsee, wie der literarische Nachlass im Besitz der Stadt München, wurde aufwändig saniert, ist aber derzeit geschlossen. Schon vor Corona wurde sie kaum genutzt. Thomas 100. Todestag überging die Stadt München.

Die Umbenennung einer Ludwig-Thoma-Straße gab es schon einmal. Am 13. August 1936, als NSDAP-Oberbürgermeister Karl Fiehler regierte, wurde das 94 Meter lange Sträßchen überraschend zur „Reuchlinstraße“. Johannes Reuchlin (1455-1522) gilt als Vorbild der Toleranz und des interreligiösen Dialogs. Er setzte sich u.a. für den Erhalt des jüdischen Schrifttums ein. Fiehler wurde 1949 als „Aktivist“ der Nazis verurteilt. Der „Hetzer“ Ludwig Thoma war schon zwei Jahre zuvor erneut zu Ehren gekommen: CSU-Mitgründer Karl Scharnagl, seit 1945 wieder Münchner Oberbürgermeister, stimmte damals zu, die Hans-Thoma-Straße im frisch eingemeindeten Pasing in Ludwig-Thoma-Straße umzubenennen. Scharnagel und der Schriftsteller hatten sich als frühere Parteifreunde auch persönlich gekannt.

Thoma-Büste in der Ruhmeshalle in München. Foto: Wikimedia.org

Franz-Josef Rigo, Journalist aus Bad Wiessee, recherchierte zu Thoma und zählte mehr als 50 Straßen mit dessen Namen in Bayern. In Dachau und in Prien am Chiemsee sind Schulen nach dem umstrittenen Schriftsteller benannt. Nur, was nützt es, die Straßennamen auszutauschen? „Wir müssen uns differenziert mit Ludwig Thoma auseinandersetzen“, fordert Rigo. 2017 organisierte er eine Gedenkveranstaltung mit führenden Thoma-Forschern zum 150. Geburtstag. Danach beschäftigte er sich selbst intensiv mit Leben und Wirken des Dichters im Tegernseer Tal, u.a. mit dessen Mitgliedschaft in der „Deutschen Vaterlandspartei“. Um den öffentlichen Diskurs fortzuführen, planten Rigo und der Augsburger Literaturwissenschaftler Klaus Wolf ein Symposium zum 100. Todestag. Die Stadt Miesbach, die den „Miesbacher Anzeiger“ exklusiv im Original besitzt, unterstützte das ambitionierte Vorhaben.

Bezug zum zeitgeschichtlichen Kontext

Der Besuch der Gedenkveranstaltung lohnte sich. Die durchweg interessanten, sachlich fundierten Referate gaben nicht nur erhellende Einblicke in Thomas Biografie und sein Wirken, sondern stellten auch den Bezug zum zeitgeschichtlichen Kontext her. Ohne Thomas menschenverachtende Hetzschriften entschuldigen zu wollen, stellt sich die Frage, wie es soweit kommen konnte. Reinhard Wittmann, Honorarprofessor für Buchwissenschaft an der LMU München, sieht in Thoma „eine zutiefst gespaltene und verstörte Persönlichkeit“. Seiner Aussage nach gehörte das antisemitische und antidemokratische Denken seit jeher zu ihm. „Erbitterung und Verstörung sowohl über die politische Misere, die krisengeschüttelten Anfänge der ersten deutschen Demokratie, wie zugleich über seine ausweglose private Lebenssituation, wurden zu einer existentiellen Herausforderung“, so Wittmann.

Beim Ludwig-Thoma-Symposium am 26. August 2021 auf dem Podium: Franz-Josef Rigo, Dr. Michael Koehle, Prof. Gertrud Maria Rösch, Prof. Bernhard Gajek (v.l.n.r.) Foto: Sabine Neumann

Bernhard Gajek, Emeritus der Universität Regensburg, beleuchtete u.a. Thomas widersprüchliches Verhältnis zum Judentum. „Ich bin wirklich kein Antisemit, so sehr ich die ostjüdische Kulturfeindlichkeit hasse“, schrieb der noch am 28. April 1920 an seine verheiratete jüdische Geliebte Maidi von Liebermann. Doch Thomas Enttäuschung und Wut über die politischen Verhältnisse wuchsen. In einem Brief vom 27. April 1921 bekannte er ihr: „Ich war immer heißblütig dabei für unser Deutschland … Und jetzt ist alles, was ich meiner Lebtag haßte, obenauf. Die Hundsfranzosen, die Sozi, das Gesindel, die Schwätzer. Und alles, was ich liebte, ist im Untergang.“

Als Journalist sah sich Thoma nicht. Ihm fehle zum Politiker und Journalisten die Ruhe, die Gabe, abzuwägen, Rücksichten auf Nutzen zu nehmen, stellte er 1918 fest. Unter dem Einfluss des Miesbacher Apothekers Fritz Salzberger und dessen Freundes Klaus Eck, Redakteur und Pächter des „Miesbacher Anzeigers“, ließ Thoma seinem Zorn ab 1920 dennoch freien Lauf. Thoma, der „Cato von Miesbach“, hat dem Provinzblatt laut Wittmann zu weiter Verbreitung und zu einer Auflagensteigerung von 4.000 auf 30.000 Exemplare verholfen.

Thomas „Liebstes“, Maidi von Liebermann, wurde seine Erbin. Anders als ihr Bruder und Millionen andere Menschen konnte sie dadurch später der Verfolgung durch die Nazis entgehen.


Buchcover

Zum Symposium haben Franz-Josef Rigo und Klaus Wolf unter dem Titel „Ludwig Thoma – Zwischen Stammtisch und Erotik, Satire und Poesie“ ein Buch herausgegeben, das in Kürze im Volk Verlag München erscheinen wird (ISBN: 978-3-86222-403-6).

 

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