Sachliche Debatte mit Schwerpunkt Wendezeit

Schon mit Ausblick aufs kommende Jahr: die Leipziger Buchmesse. Foto: Jens-Ulrich Koch

Vom 20. bis 24. März 2019 fand auf dem neuen Messegelände die Leipziger Buchmesse statt – und das Ganze im Gegensatz zu 2018 ohne Schneechaos. Nach dem letzten Jahr, in dem es viel Aufsehen um rechtsextreme Verlage auf der Buchmesse gab, kehrte der Betrieb 2019 wieder zur Tagesordnung zurück. Schwerpunkte lagen für mich auf der Wendezeit und der Auseinandersetzung mit den Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in der Gesellschaft und der Buchbranche.

Für den VS begann die Messe bereits vor der Eröffnung: Das Aktionsbündnis „Verlage gegen rechts“ hatte mich als neue Bundesvorsitzende des VS gebeten, auf der Kundgebung „Keinen Regalmeter für Faschismus“ vor dem Gewandhaus zu sprechen. Auch wenn ich dieses Thema im Lichte der Meinungsfreiheit etwas differenzierter sehe, habe ich dieses sehr wirksame und gute Bündnis mit dem VS sehr gerne unterstützt.

Die feierliche Eröffnung im Gewandhaus zu Leipzig ist jedes Jahr der Auftakt für die Buchmesse Leipzig. Dort wird traditionell der Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen. Geehrt wurde die amerikanische Schriftstellerin Masha Gessen. Mit russisch-jüdischen Wurzeln verließ sie Russland zweimal – einmal mit ihren Eltern 1981, ein weiteres Mal 2013, weil sie und ihre Frau wegen des neuen Anti-Homosexuellen-Gesetzes in Russland drohten, ihre Kinder zu verlieren. Gessen ist ein kritischer Geist, der sich mit Trump und der amerikanischen Regierung genauso auseinandersetzt wie schon länger mit Putin und dem russischen Staat.

In ihrer Rede sprach Gessen emotional über den verlorenen Traum eines neuen Russlands nach der Wende der neunziger Jahre. Sie gewann den Preis für ihr Buch „Die Zukunft ist Geschichte“ – eine Mischung aus politischer Reportage, Wissenschaftsrecherche und Familiendrama. Warum Russland sich nach der so vielversprechenden Perestroika wieder abkehrte von der Öffnung zum Westen, von humanwissenschaftlichen universitären Disziplinen und zu einer glorifizierten Vergangenheit zurückkehr, wird als Grundfrage erörtert.

In den Eröffnungsreden von Heinrich Riethmüller (Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels), Prof. Monika Grütters MdB (Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien) sowie Michael Kretschmers (Ministerpräsident des Freistaates Sachsen) drehte sich viel um die bevorstehende (und mittlerweile vom europäischen Parlament angenommene) europäische Urheberrechtsrichtlinie und ihre Bedeutung für die Branche. Dabei wurde der Eindruck erweckt, als müsse die vielbeschworene „gerechte Vergütung von Autorinnen und Autoren“ allein im Internet hergestellt werden. Das muss sie zwar, doch die Aufgabe, Schreibende gerecht zu vergüten, liegt zunächst ganz ursächlich in der Hand der Verlage.

Eröffnung der Leipziger Buchmesse 2019 im Gewandhaus. Foto: Lena Falkenhagen

Gerahmt wurde das Ereignis von den Klängen des Gewandhausorchesters, das sich selbst übertraf. Passend zum Gastland Tschechien unter der musikalischen Leitung des ebenfalls tschechischen Dirigenten Jakub Hrůša wurden Dvoraks Slawischer Tanz in C Moll, op. 46/1 und Smetanas Moldau gespielt – die ich noch nie so mitreißend erleben durfte.

Die Messe

„286.000 Mal Begeisterung für das Buch“, so die offizielle Verlautbarung der Buchmesse Leipzig. Gemeldet wurden 15.000 Besucherinnen und Besucher mehr als 2018 – ein beeindruckendes Zeugnis der Kraft der Kreativität und der Worte. Man merkte den Erfolg der Messe bereits in den Gängen. Voll war es; bereits ab Freitag wurden die Röhren zur Lichtkuppel in Einbahnstraßen verwandelt. Europas größtes Lesefest „Leipzig liest“ stellte in 3.400 Veranstaltungen die Novitäten des Frühjahrs vor – auf der Messe, aber auch in der ganzen Stadt! Allein 104.000 Besucher wurden auf der 6. Manga-Comic-Convention registriert – auch hier ein großer Zuwachs. 130 Veranstaltungen thematisierten das Gastland Tschechien: 55 Autorinnen und Autoren mit 70 neuen Übersetzungen aus dem Tschechischen stellten ihre Werke vor.

Ein weiterer Themenschwerpunkt: „The Years of Change 1989-1991“. In acht Diskussionsrunden wurde diese auch für Deutschland so wichtig Wendezeit thematisiert – Zeichen, dass die Aufarbeitung der deutsch-deutschen Geschichte begonnen hat. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (Mitinitiatorin des Programmschwerpunkts) befand: „Literatur als Kommunikationsmittel, sensible Zeitzeugin der Gegenwart und Seismographin der Zukunft bereichert die politische Bildung mit ungewöhnlichen Perspektiven, Brüchen und Bildwelten, die aufhorchen lassen, Leerstellen füllen und neue Fragen aufwerfen. Und wir sind ein gutes Stück weitergekommen bei der Suche nach Antworten auf die Frage: Wie lassen sich die vielen Erfahrungen des Widerstands, des Undergrounds und politischen Engagements für die Wiederherstellung des Vertrauens in Demokratien nutzen?“

Wie immer ein Höhepunkt der Messe war die Preisverleihung des Preises der Leipziger Buchmesse, der dieses Jahr an Anke Stelling: „Schäfchen im Trockenen“ (Verbrecher Verlag, Belletristik), Harald Jähner: „Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945-1955“ (Rowohlt Verlag, Sachbuch/Essayistik) sowie Eva Ruth Wemme ging, die aus dem Rumänischen: „Verlorener Morgen“ von Gabriela Adameşteanu (Die Andere Bibliothek, Übersetzung) übertrug.

Hier werden die Preise der Leipziger Buchmesse 2019 verliehen.
Foto: Tom Schulze

Die VS-Veranstaltungen

„Was ist ein fairer Verlag?“ Ein volles Plenum lauschte aufmerksam den Ausführungen von Imre Török und Gerhard Ruiss zu dieser vom Netzwerk Autorenrechte aufgeworfenen Fragestellung. Der Urheberrechtsjurist und Vorsitzende des Bundesverbands junger Autoren Tobis Kiwitt moderierte feinfühlig. Das große Publikum legt Zeugnis dafür ab, dass bei dem Thema noch viel Aufklärung geleistet werden muss. Der BvjA engagiert sich mit der Unterstützung anderer Verbände seit Jahren vehement dem Kampf gegen unlautere Verlagsgeschäftsmodelle.

Was ist ein fairer Verlag? Es debattieren (v.l.n.r..): Gerhard Ruiss, Tobias Kiwitt, Imre Török.
Foto: Sven j. Olsson

In einer großen Diskussionsrunde „Vom Wert der Werte: Künstliche Intelligenz – wirklich ein Wegweiser?“ sprachen die ehemalige Bundesvorsitzende des VS, Eva Leipprand, Nina George (PEN-Zentrum Deutschland), Olaf Zimmermann (Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats) und Sven Gábor Jánszky (2b AHEAD ThinkTank), moderiert von Regine Möbius (ehemalige stellv. Bundesvorsitzende VS) über den Stellenwert der KI in unserer sich stets digitalisierenden Gesellschaft und der Buchbranche im Speziellen. Die kritischen Stimmen zum Einsatz der KI in vielen Gesellschaftsbereichen überwogen.

Wunderschön war die Lesung der Hamburger VS-Kollegen aus der Anthologie „Fluchtpunkt Hamburg“. Die beiden Mitherausgeber lasen Texte geflüchteter Autoren aus Syrien, Bangladesh, Kurdistan, Bosnien. Die Ausschnitte zeigten ein Spektrum von unterschiedlichsten Fluchtgründen, Heimatverlust und Integration. Die Moderation des langjährigen ehemaligen Bundesvorsitzenden und Vorstandsmitglieds Imre Török und Fragen aus dem Publikum rundeten die Veranstaltung ab.

In weiteren Veranstaltungen sprach ich im Roundtable mit den Herausgebern der Politik & Kultur, Olaf Zimmermann und Theo Geißler, über den überraschenden Erfolg des Magazins, eine Lesung mit Simone Barrientos, Constanze Geertz und Leander Sukov thematisierte „Der Mensch als Teil des Computers“, und über das Thema „Die Mauer: danach – davor – dahinter“ sprachen und lasen scharfsinnige Denker, verschreckte Autoren, mutige Träumerinnen über ihr 1989 ganz im Sinne des oben erwähnten Themenschwerpunkts: Eva Lübbe, Eileen Mätzold, Dorothea Frey, Eberhardt Ziehn und Michael Graul (moderiert von Regine Möbius und an der Gitarre begleitet von Markus König).

Fazit

Auf der roten Treppe
Foto: Tom Schulze

Leipzig war wie jedes Jahr ein großes Familientreffen: Zusammenkunft von Schreibenden und Verlegern, Denkenden und darüber Berichtenden. Beruhigend war, dass das Thema „rechte Verlage auf der Buchmesse“ diesmal im Gegensatz zum Vorjahr kaum eine Rolle spielte: Großes Lob an die Initiative „Verlage gegen rechts“! Das Konzept ist aufgegangen, die komplexen Themen zu besetzen und zu diskutieren, die die rechten Verlage vereinfachen und in Parolen schmieden. Die Leipziger Buchmesse 2019 war so auch ein Stück Rückkehr zur Normalität.

Für mich und den neuen Bundesvorstand des VS war dies unsere erste Messe gemeinsam im Amt und allein deshalb etwas ganz Besonderes. Wir schätzten neben den offiziellen Veranstaltungen die vielen interessanten Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen zu Konflikt- und Freudenthemen und besuchten spannende Veranstaltungen zu allen Aspekten des literarischen Lebens, des Schreibens und des Veröffentlichens.


Lena Falkenhagen wurde auf dem VS-Kongress im Februar 2019 zur neuen Bundesvorsitzenden des Verbandes deutscher Schriftsteller*innen gewählt.

nach oben

weiterlesen

Autoren auf Rhodos: Nobody is an Island

Kann man sich einen internationalen Workshop an einem schöneren Ort als auf der griechischen Sonneninsel Rhodos vorstellen? In einem Zentrum für Schriftsteller*innen und Übersetzer*innen auf einem Hügel mit Blick hinunter auf Rhodos Stadt und das Meer. "Nobody is an Island" lautete das Leitthema der fünftägigen, literarischen Werkstatt im Jahr 2019.
mehr »

An der Streikidee scheiden sich noch immer die Geister

„Können Schriftsteller*innen streiken?“ war die Frage. Vor 50 Jahren erstmals erwogen, fällt die Antwort scheinbar noch immer so negativ wie unbefriedigend aus. Auch um die aktuelle Arbeits- und Lebenssituation sollte es in einer Veranstaltung gehen, die der VS Berlin am Vorabend des 50. Verbands-Jubiläums in Kooperation mit dem Literaturforum im Brecht-Haus organisierte. Gute Idee, fanden etliche Interessierte, denen ihre Teilnahme am Pfingstfreitagabend sogar ein Eintrittsgeld wert war.
mehr »

Literatur, Politik und Bildung kompakt

Die diesjährige ver.di-Literaturtagung 2019 „Widerstand ist nichts als Hoffnung“ hat sich vom 31. Mai bis 2. Juni mit fundierten Vorträgen, in zahlreichen Workshops, bei einer Lesung und mit einem Liederabend des Themas Widerständigkeit angenommen - in seinen unterschiedlichsten Facetten. René Char, französischer Schriftsteller und Résistancekämpfer, gab der seit 14 Jahren stattfindenden Tagung, die Literatur und Politik zusammendenkt, diesmal den Titel.
mehr »

Geheimnisvoll und unbedingt lesenswert

Er war erfolgreich wie geheimnisumwittert, der Autor B. Traven. Ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod sollte er wieder gelesen werden: Mit fünfzig Veranstaltungen in seinem 50. Todesjahr will die Internationale B. Traven Gesellschaft die Erinnerung an den Schriftsteller mit den vielen Pseudonymen wiederbeleben und erneut Lust aufs Lesen seiner bis heute aktuellen Werke machen. Zu einer Soiree mit letzten noch lebenden Zeitzeugen hatte die ver.di-MedienGalerie in Berlin geladen.
mehr »