Die Nürnberger kamen spät, aber gewaltig

Alle Aktiven der Feierstunde zu 35 Jahre VS Mittelfranken im Schlussbild vereint.
Foto: Heinz Wraneschitz

Während anderswo im Land die Regionalgruppen des VS schon ihr halbes Jahrhundert Bestehen feiern, sind die Mittelfranken gerade mal bei „35 Jahre Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller“ angelangt. Aktuell dreht die Regionalgruppe wieder mächtig auf, auch dank des etwa seit einem Jahr aktiven neuen Vorstands.

Der Vorsitzende Leonhard  F. Seidl hatte unter anderem seine Vorgänger*innen im Amt zu einer Podiumsdiskussion geladen. Auch eine Lesung neuer VS-Mitglieder gab es und viel Musik.

„Engagierte Literaten im besten Wortsinn“ nennt die betreunde ver.di-Gewerkschaftssekretärin Agnes Kottmann den „auch mitgliederstarken“ Bezirksverband bei der Geburtstags-Feierstunde im Gewerkschaftshaus Nürnberg. Vor allem aber findet sie es „toll, dass sich die hiesigen VS-Mitglieder auch politisch engagieren“. Einen richtigen Pressepiraten“ erkennt sie im jetzigen Vorsitzenden Seidl.

Doch Kottmann stellt auch klar: „Wir müssen aufhören mit der Kleinstaaterei“, sprich: Mit Vertretern von Trivial- oder Kommerzliteratur müsse man sich noch mehr austauschen, oder „mit Drehbuchautoren und –autorinnen, zum Beispiel von ‚Sturm der Liebe‘. Die haben eine wahnsinnige Breitenwirkung. Die Kunst muss mit einer Stimme sprechen“, und dazu sei der ver.di-Medienfachbereich geradezu prädestiniert.

„Eine Stimme für Literaten hat damals hier gefehlt“, deshalb habe sie die VS-Regionalgruppe ins Leben gerufen, erinnert die erste Vorständin Angela Baumann an die Anfänge 1984. Allerlei Künstler-Genres habe der damalige Nürnberger Kulturreferent Hermann Glaser in seinem Ordner präsent gehabt – Literaten waren nicht darunter. Bald seien zwei Literaturfeste gefeiert worden. „Aber es gab auch armselige Lesungen im Gunzenhäuser Bräustübl“, lautet ihre zwiespältige Bilanz.

Ihr Nachfolger Manfred Schwab hat Anfang der 1990er Jahre „versucht, den Kreis wieder zusammenzukriegen. Es war ein Hauen und Stechen“. Denn auch in Nürnberg habe es unter den gewerkschaftlich organisierten Literaturschaffenden Querelen gegeben, als Vorzeigemitglied Günter Grass aus dem VS ausgetreten war. Man habe damals versucht, Kooperationen einzugehen, wollte ein von Künstlern dominiertes Literaturhaus auf die Beine stellen. Inzwischen gibt es ein Literaturhaus auf Privatinitiative. Aber die Leitung habe mit der örtlichen Kulturszene bis heute wenig am Hut. „Eine Totgeburt“ ist es deshalb für Manfred Schwab.

Das sieht wohl auch Reinhard Knodt so. Er war zwischen 1994 und 98 Mittelfrankens VS-Vorstand und hat etwas initiiert, das bis in die Gegenwart erhalten blieb: Die Mittagslesungen in städtischen Kultureinrichtungen, aktuell in der Hauptstelle der Stadtbibliothek. Dennoch ist Knodts Frust bisheute spürbar: „Für uns ehrenamtliche Akteure blieb nichts übrig. Es gab Anerkennung, ja. Aber Geld nur ein bisschen. Irgendwann kann man nicht mehr.“

Nicht mehr auf Sparflamme

Nach Knodts Amtszeit köchelte der VS Mittelfranken recht lange auf kleinerer, weniger öffentlicher Flamme. Das hat sich spätestens mit der Wahl des aktuellen Vorstands-Teams mit Leo Seidl, Sabine Burkhardt, Helmut Herrmann und Yvonne Richter total verändert.

Bestes Beispiel: Die 35-Jahre-Feier. Zwei neue, engagierte VS-Mitglieder präsentierten dabei ihr Schaffen: Şehbal Şenyurt Arınlı las aus „Zwei Autorinnen im Transit“, ihrem literarischen Briefwechsel mit Terézia Mora. Beziehungsweise: Yvonne Richter verlieh der PEN-Writers-in-Exile-Stipendiatin und emigrierten Türkisch-Kurdin Arınlı ihre Stimme, um aus diesem ins Deutsche übersetzten, brandaktuellen Werk zu lesen.

Beeindruckend Arınlıs Beschreibung, was die gewonnene Freiheit bedeutet: „Es riecht nach Zuflucht, es riecht nach Schimmel. Aber endlich ein Ort, an dem ich mich einrichten kann. Endlich eine Oase, endlich.“ Aber auch: „Rebellion ist die einzige Medizin!“

Ergün Tepecik, in Deutschland lebender Türke, brachte satirisch das zwiespältige Verhältnis von Christentum und Islam zu Gehör: Ist ein Adler ein Geschenk, das im Gotteshaus Zuflucht finden sollte, oder ein beängstigendes Raubtier, von dem man die Gläubigen befreien müsse? Tatsächlich findet ein Pfarrer Zuflucht in der Moschee, und Flüchtlinge finden in der Kirche einen Ort zum Bleiben.

Ideen hat der VS Mittelfranken offenbar genug. Dass auch Literaten angemessene Honorare brauchen, um zu leben und diese Ideen umzusetzen, da waren sich alle Teilnehmer des Abends einig. Doch auch das Feiern vergaßen sie nicht: Michael Lösel und Susanne Rudloff von der „Gruppe Poetisches Theater“ unterstützten sie dabei.

 

 

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