Nahrhaftes statt Cocktailkirschen

Mario Giordano hatte Tante Poldi mitgebracht. Screenshot: www.twitch.tv/vsschriftstellerverband

Erste Onlesung des VS – Auftakt für weitere Donnerstagsveranstaltungen

Die Premiere kann als rundum gelungen gelten. „Gratulation!“ hieß es von Zuhörern im Chat. Und Lyrikerin Safiye Can erklärte, dass sie sich in der digitalen Runde „sehr, sehr wohl“ fühle. Die erste „Onlesung“ des VS über Twitch am 7. Januar brachte drei unterschiedliche literarische Anregungen und eine Debatte darüber, wie Zoom Lesungen grundsätzlich verändert. Und sie machte Lust auf Mehr an den kommenden Donnerstagen.

„Stellen Sie sich vor, es ist Corona und keiner geht hin.“ Hundert- und tausendfach mussten Autor*innen in den vergangenen Monaten den Ausfall von Lesungen und Werbeveranstaltungen für ihre Bücher erfahren. Darauf wies VS-Bundesvorsitzende Lena Falkenhagen als Moderatorin des ersten VS-Onlese-Abends hin. Schon im Sommer hatte sich der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di deshalb um Mittel aus dem Programm Neustart Kultur beworben, um eine gewisse Kompensation zu schaffen und dem ansonsten „unsichtbaren Programm ohne Markt“ zumindest eine digitale Bühne zu bauen.

Lena Falkenhagen moderierte. Schreenshot: www.twitch.tv/vsschriftstellerverband

Inzwischen gehören Online-Lesungen schon fast zum Alltag. Das VS-Konzept: Im ersten Halbjahr 2021 finden über den Twitch-Kanal des Verbandes regelmäßig donnerstags um 20.15 Uhr Lesungen mit anschließenden Gesprächen statt. Autor*innen – VS-Mitgliedschaft ist keine Bedingung – können sich für die Teilnahme bewerben. Lesende und technische Mitarbeiter*innen werden honoriert; dafür sorgen die über den Deutschen Literaturfonds bereitgestellten Mittel. Und das Publikum, so die Anregung der Moderatorin, dürfe es sich bei Tee, Kaffee oder auch einem Whisky zu Hause vor den Bildschirmen bequem machen, sei aber auch zum Mitmachen in Form von Fragen, Bemerkungen oder Applaus aufgerufen. Tatsächlich wurden die dann im Verlaufe des Abends von der Administration bereitgestellten „Klatschemojis“ auch munter eingesetzt.

Für den ersten Abend war ein renommiertes Dreierteam an Lesenden eingeladen, das das vorgestellte literarische Spektrum weit spannte.

Von Schokoriegeln, Käfern und Lösungsblockaden

Den Anfang machte die preisgekrönte Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie, die bereits über hundert Bücher veröffentlicht hat und sich üblicherweise auch gern auf Lesereisen begibt. 2020 ging das kaum. Doch erschien ihr Buch „Zurück in Sommerby“ Verlag Friedrich Oetinger, als Fortsetzung eines bereits erschienen ersten Bandes über den 5-jährigen Matz, der die Ferien bei seine Grußmutter auf dem Dorf verbringt.

Kirsten Boie mit Kinderliteratur. Sceenshoot: www.twitch.tv/vsschriftstellerverband

In dem Ausschnitt, den die Autorin las, lernte Matz einen Milchautomaten und dessen Besitzer kennen. Allerdings gelang es ihm nicht, den Bauern zu bewegen, einen zerdrückten Schokoriegel im Tausch gegen automatentüchtige Münzen anzunehmen. Im Anschluss an die „zauberhafte Märchenstunde“ entlockte Falkenhagen der Autorin, dass „Sommerby“ real nicht existiere, vorbildhaft aber an der Schlei in Schleswig-Holstein liege…

Die Lyrikerin Safiye Can war die zweite Lesende. Neben dem Schreiben von Gedichten betreibt sie auch Schreibwerkstätten – im vergangenen Jahr notgedrungen auch digitale – und wirkt als akademische Gastdozentin.

Überzeugte mit Lyrik: Safiye Can. Screenshot: www.twitch.tv/vsschriftstellerverband

Die „schwergängige, doch wunderbare Literaturform“ trug Can in Gestalt von Gedichten aus ihrem Lyrikband „Rose und Nachtigall“, (Wallstein Verlag) vor, der 2020 eine Neuauflage erlebt hat. Ein Kurzgedicht beschreibt darin eine Begegnung mit den Worten „als hätte ein Käfer zu seinem Fühler gefunden“. Der Band, so Safiye Can erläuternd, bestehe „komplett aus Liebesgedichten“. Die könnten ja durchaus „sanft aggressiv sein“, empfand Falkenhagen rückblickend.

Der dritte im Bunde der Lesenden war Mario Giordano – Autor von Romanen, Drehbüchern, etwa für einige „Tatorte“, aber auch von Kinderliteratur und Krimis. Einer seiner Thriller hat es sogar zu Übersetzungen ins Spanische und auf Mandarin gebracht. Das sei „aber schon eine Weile her“, relativierte Giordano.

 

Gewann den Wettbewerb um den schönsten Hintergrund: Mario Giordano. Screenshot: www.twitch.tv/vsschriftstellerverband

An diesem Abend hatte er das Buch „Tante Poldi und der Gesang der Sirenen“, Bastei Lübbe, aus seiner heiteren Krimireihe um die nach Sizilien ausgewanderte Pensionärin Isolde Oberreiter mitgebracht. Deren Ziel, sich im Süden „zu Tode zu saufen“, komme allerdings immer etwas dazwischen, in der Regel Kriminelles. Die zum Appetitmachen gelesenen Ausschnitte halfen dem Plot nur bedingt auf die Sprünge, machten aber klar, dass die Lösung von Kriminalfällen für die Protagonistin immer auch ein sinnliches Vergnügen darstellt, dem sich diesmal jedoch einige Hürden in den Weg zu stellen schienen. „Jo, leckt‘s mi am Arsch“, entfuhr es Isolde deshalb in – zumindest für Nichtbayern – tadellosem Dialekt.

Verluste und doch ein „Riesenglück“

In der anschließenden Debatte „Digitale Lesung im Kreuzverhör – wie verändert Zoom Lesungen?“ waren sich alle Beteiligten schnell einig, dass Online-Lesungen als Ersatz für nicht stattfindende reale Veranstaltung allemal „besser als nichts“ seien. Doch fehle der direkte Kontakt zum Publikum: „Wir stellen uns vor, dass auf der anderen Seite Leute zuhören“, Reaktionen und Applaus fehlten, aber auch Möglichkeiten, die Zuhörer durch direkte Ansprache „einzufangen“, bedauert Safiye Can.

Ihr seien 2020 mehr als 40 Lesungen ausgefallen, berichtete Kirsten Boie, doch hätten ihr drei digitale Veranstaltungen, die mit Publikum in Lyon stattfanden, auch „Lesen über die Grenzen hinaus und mit ungeahnter Reichweite“ beschert. Insofern empfinde sie digitale Lesungen „bei allen Einschränkungen als Riesenglück“. Doch sei ein garantiertes, angemessenes Honorar nötig. Erklärungen von Veranstaltern „Ja, aber sie müssen ja nicht anreisen“, missachteten den wahren technischen und Proben-Zeitaufwand. Dass zahlreiche Schullesungen wegfielen, sei erklärlich, da „Lehrerinnen und Lehrer momentan vielfach überfordert und Lesungen das Letzte sind, woran sie denken“.

Doch seien Lesungen für Schriftsteller*innen nicht lediglich die „Cocktailkirsche auf der Torte“, sondern existenziell, bestätigte Mario Giordano. Speziell im Kinderbuchbereich sei die vertragliche Situation für Autoren desolat und Lesungen Teil der Mischlakulation. Nun, da sie fast komplett wegfielen, breche das fragile Geschäftsmodell in sich zusammen. Giordano forderte „einen Paradigmenwechsel im Verhältnis zu den Verlagen“. Das gelte unbedingt auch für Lyrik, so Can.

Etwas mehr Glamour, bitte

Was gehe selbst bei gut gestalteten Online-Lesungen dennoch verloren? interessierte die Moderatorin. Es gäbe online leider „wenig Glamour“, Lesung sei immer auch Performance, so Giordano. Die Situation „zu sehr ins Private hineinzuziehen“ – wie bei digitalen Formalten anfänglich oft geschehen – sei wenig hilfreich, vielmehr sollte eine „Bühnensituation“ hergestellt werden.

Ein „Wohlfühl-Quartett“ mit klaren Positionen: Boie, Falkenhagen, Giordano, Can (v.l. und v.o.) Screenshot: www.twitch.tv/vsschriftstellerverband

Selbstvermarktung und Werbung auf Social-Media-Kanälen sahen die Autor*innen ebenfalls nicht als Allheilmittel an. „Al gusto“ betreibe es Giordano; man solle sich über die Resonanz „nicht in die Tasche lügen“, meinte Boie. „Social Media kostet viel Zeit“, doch biete zusätzliche Möglichkeiten, etwa auch Spenden einzusammeln, ergänzte Can. Intensivere Beschäftigung mit dem Dgitalen habe ihn in Corona-Zeiten tatsächlich auch auf „ganz andere Modelle“ wie etwa Crowdfunding oder “interaktives Erzählen“ gebracht. Da sei auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen noch etliches zu überdenken und zu erproben, so Mario Giordano. „Wir lernen noch“, so das Fazit des Diskutanten. Und von Kirsten Boie kam der Dank: „Wie schön, dass das Treffen digital möglich war. Wer weiß, ob es sonst je geklappt hätte…“

Mit der Einladung, am nächsten Donnerstag wieder dabei zu sein, entließ VS-Bundesvorsitzende Lena Falkenhagen die Lese-Gemeinde in die Nacht. Am 14. Januar soll es um den „Zauber des Neuen“ gehen. Weitere Termine finden sich hier.

Die Lesung vom 7. Januar kann hier nachträglich oder erneut angesehen werden.

Aktualisierung am 18. Januar: Das Video von der zweiten VS-ON-Lesung mit Zoë Beck, Isa Theobald und Leonhard F. Seidl steht für begrenzte Zeit auf https://www.twitch.tv/vsschriftstellerverband und ist dauerhaft zu finden auf: https://vs.verdi.de/projekte/vs-lesungen-auf-twitch

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Honorarumfrage unter Soloselbstständigen

Eine branchenübergreifende Honorarumfrage unter Soloselbstständigen soll für mehr Markttransparenz sorgen. „SO_LOS! Die Initiative für faire Honorare“ wurde zum Start am 13. Juli zunächst von 25 Berufsverbänden, Interessenvertretungen und Zusammenschlüssen von und für Soloselbstständige(n) getragen. Weitere sollen dazu kommen. Konzipiert und organisiert hat die Initiative das „Haus der Selbstständigen“ (HDS) mit Sitz in Leipzig. Zentraler Bestandteil ist eine Online-Umfrage, mit deren Hilfe Daten zu aktuell auf dem Markt zu erreichenden Honorarhöhen erhoben werden.
mehr »

Neue Landes-Arbeitsgruppe Kunst und Kultur in Bayern

Innerhalb der laufenden Organisationswahlen in ver.di wurde im Rahmen der Landesdelegierten-Konferenz der Kunstfachgruppen in Bayern am 9. Juli 2022 die Gründung des ordentlichen Gremiums der Landes-Arbeitsgruppe Kunst und Kultur beschossen.  Zugleich wurden die Vorstände der Landes-Fachgruppen KuK-Bayern gewählt. Der Landes-AG gehören Vertreter *innen der Fachgruppen Musik, Bildende und Darstellende Kunst sowie des VS an.
mehr »

KSK: Novelle soll Webfehler im Gesetz künftig heilen

Endlich gute Nachrichten für alle Soloselbstständigen, die neben einer künstlerischen oder publizistischen Arbeit noch weitere selbstständige Tätigkeiten ausüben: Im Rahmen einer umfassenderen Novelle des Vierten Sozialgesetzbuches sind Änderungen des Künstlersozialversicherungsgesetzes vorgesehen. Danach können Selbstständige künftig in der Künstlersozialkasse (KSK) krankenversichert bleiben, solange ihre kreative Tätigkeit überwiegt. ver.di begrüßt das ausdrücklich.
mehr »

Basishonorare: Wann, wenn nicht jetzt?

ver.di legt Diskussionsvorschlag mit Berechnungsmodell für selbstständige Künstler*innen vor: Kairos bezeichnet den günstigen Zeitpunkt für eine Entscheidung. Ihn nicht zu nutzen, kann fatal sein. Was in der griechischen Mythologie sogar als Gottheit personifiziert ist, betrifft nach ver.di-Auffassung gerade eher Profanes, aber ungemein Wichtiges: Die Festlegung von Basishonoraren für selbstständige Kreative. Ein gewerkschaftlicher Diskussionsvorschlag dazu wurde bereits vorgestellt. Nun gibt es die energische Einladung zur Partizipation.
mehr »