Mit am Narrativ der Gesellschaft schreiben

Die Delegierten der 5. Bundesfachgruppenkonferenz Literatur trafen sich im Aschaffenburger Martinushaus. Foto: Bert Bostelmann

Eine komplette personelle Neuaufstellung im Vorstand, angeregte Debatten über ein Dutzend Anträge und geänderte Aufnahmekriterien in den Schriftsteller*innenverband sind Ergebnisse der 5. Bundesfachgruppenkonferenz Literatur, die am 16. Februar 2019 im Rahmen des viertägigen VS-Kongresses tagte. Mit einer „Aschaffenburger Antwort“ wandten sich die Teilnehmer*innen gegen Hass, Rassismus und andere Formen der Ausgrenzung: „Für uns ist Demokratie nicht verhandelbar.“

Die Delegierten vom Verband Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS in ver.di) und der Bundessparte Übersetzerinnen und Übersetzer (auch das ein Beschluss der Konferenz) zogen zunächst Rechenschaft über die vergangenen vier Jahre Arbeit. VS-Bundesvorsitzende Eva Leipprand, die tags zuvor bereits in einer Festrede Bilanz gezogen hatte, nannte Arbeitsfelder wie: Sorge um eine angemessene Vergütung, die bessere Wahrung von Urheberrechtsansprüchen im digitalen Zeitalter, die Sicherung fairer Verlagsverträge für Autor*innen und literarische Übersetzer*innen, aber auch den Erhalt von Verwertungsgesellschaften, das Eintreten für Meinungs- und Kunstfreiheit sowie gegen einen Rechtsruck in der Gesellschaft, öffentlichkeitswirksames Auftreten und Beteiligung an den Buchmessen in Frankfurt am Main und Leipzig, Herausforderungen an Literatur als Teil einer „Kreativwirtschaft der Zukunft“. Wege zum eigenen Buch seien heutzutage schwieriger, aber auch vielfältiger geworden, führte Eva Leipprand aus. Doch behielten Bücher und veröffentlichte Literatur ihren Doppelcharakter, wie ihn auch die UNESCO bestimme: Sie sind Ware und Träger von Sinn und Werten gleichermaßen. Eine Einengung der damit verbundenen Freiheiten dürfe nicht erfolgen, sondern müsse im Gegenteil auch weiterhin durch Vergütungsregeln, Normverträge, Künstlersozialkasse und die Buchpreisbindung sozial und rechtlich abgesichert werden. Gleichzeitig sei auf Deutungsmacht und die Beteiligung der Schreibenden am Narrativ der Gesellschaft zu achten. „Die Fähigkeit, Stroh zu Gold zu spinnen, dürfen wir weder an Maschinen noch an den Markt abtreten“, mahnte die scheidende VS-Bundesvorsitzende.

Speed Dating – die VS-Landesverbände kommen zu Wort, am Mikro Renate Sattler (Sachsen-Anhalt)
Foto: Bert Bostelmann

Bei einem „Speed Dating“, einer Gesprächsrunde mit Statements und Fragen, ergänzten die VS-Landesvorsitzenden den Rückblick. Über Ergebnisse und Probleme der Arbeit in den Landesbezirken gab auch eine kleine Ausstellung im Tagungshaus Auskunft, die in den Pausen reges Interesse der Delegierten fand. In der Aussprache zum Geschäftsbericht wurde dem bisherigen Vorstand ausdrücklich für das große Engagement im Amt, die aufgewandte Zeit und die Ideen im Interesse des VS gedankt.

Mit Dank verabschiedet (v.l.n.r.): Imre Török, Gabriele Loges, Eva Leipprand, Regine Möbius und Nina George. Webseiten-Betreuer Dirk von Kügelgen (rechts) bleibt „im Amt“.
Foto: Bert Bostelmann

Schriftsteller*innen als Teil gesellschaftlichen Wandels

Bevor sich ein neues Leitungsgremium zur Wahl stellte, bekam Christoph Schmitz das Wort. Der designierte Leiter des geplanten neuen Bereiches A von ver.di stellte sich den Delegierten vor und entwickelte perspektivische Vorstellungen zur Position der Schriftsteller*innen in den gegenwärtigen dramatischen Branchenveränderungen. Die breitere organisatorische Aufstellung, wo Medien, Kunst und Industrie künftig gemeinsam mit Finanzdienstleistungen, Telekommunikation sowie Ver- und Entsorgung vertreten sind, lasse die Rolle der Kunstfachgruppen sogar wachsen: Sie stünden nicht nur für wichtige ästhetische und Bildungskompetenzen, sondern hätten gesellschaftspolitische Bedeutung. Im engeren Sinne gehe es um die Interessenvertretung solcher Kreativen, weiter gehe es aber auch um „Mehrheiten für verlässliche Kunst- und Kulturfinanzierung generell“. Die Festlegung, dass die ver.di-Fachgruppen als Ort der Identifikation und des fachlichen Austauschs erhalten und entwickelt werden sollen, stärke ihre Position, erhöhe aber gleichzeitig die Anforderungen. Die Gewerkschaft könne und wolle auf die schreibenden Kolleginnen und Kollegen keinesfalls verzichten, sondern setze auf sie.

Etliches musste einfach festgehalten werden.
Foto: Bert Bostelmann

Neuer Vorstand gewählt

In einer ausführlichen Vorstellungsrunde machten sich die Kandidat*innen für den neuen VS-Bundesvorstand bekannt. Um den Vorsitz bewarb sich Lena Falkenhagen, die bisher neun Romane und viele Kurzgeschichten veröffentlicht hat. Sie schreibt auch Narrative und Dialoge für Computerspiele sowie journalistische Texte für Fachportale und übersetzt „gelegentlich“ und ist Mitbegründerin des Phantastik-Autoren-Netzwerkes PAN. Insofern habe die 45-Jährige „die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen in unserer Branche am eigenen Leib erfahren“, sie wolle mitgestalten und die Verhältnisse positiv beeinflussen, erklärte sie. Die Bewerber*innen um weitere Vorstandssitze stellten sich in alphabetischer Reihenfolge vor: Die gebürtige Spanierin Pilar Baumeister schreibt Lyrik, Kurzgeschichten Romane und literarische Essays, die sich thematisch oft auf ihre Blindheit beziehen, seit langem auf Deutsch. Sie leitet als bundesweites Projekt Lesungen von Autor*innen mit Migrationshintergrund, darunter das von ihr organisierte „Festival der multikulturellen Literatur“ in Nordrhein-Westfalen. Der inzwischen in Sachsen ansässige Claudius Nießen, zwar in Aschaffenburg eingetroffen, konnte seine Kandidatur wegen Krankheit nicht selbst begründen und wurde von Regine Möbius vertreten, die sich zugleich für den Kollegen verbürgte. Nießen schreibt nicht nur, sondern war auch Geschäftsführer des Deutschen Literaturinstituts und arbeitet als Kulturmanager. Der Hamburger Sven j. Olsson kam über das Theater zum Schreiben und veröffentlicht seit 2008 Reiseberichte, Satire, Romane und Theaterstücke. Er ist Mitherausgeber der Anthologie „Fluchtpunkt Hamburg – Texte im Exil“ des VS-Landesverbandes, macht auch Theater mit Wohnungslosen, Flüchtlingen und Kindern. Leander Sukov schließlich, schreibt seit seiner Jugendzeit und hat seit 2009 mehrere Werke veröffentlich, darunter eine Novelle, Kurzgeschichten und Gedichte sowie Nachdichtungen von Shakespeare-Sonetten. Auf seine Initiative geht die Gründung des linken Nachrichtenportals „Red Globe“ zurück, er betreibt heute mit anderen die Webseite kultur-und-politik.de und engagiert sich im Landesvorstand des bayerischen VS.

In geheimer Abstimmung erhielten alle Kandidaten die erforderlichen Mehrheiten und das Vertrauen der Delegierten.

Glückwünsche für die neue VS-Bundesvorsitzende Lena Falkenhagen.
Foto: Bert Bostelmann

Mit übergroßer Mehrheit wurde auch Valentin Döring als Bundesgeschäftsführer des VS gewählt. Der Jurist arbeite seit 2012 als Gewerkschaftssekretär bei ver.di und ist seit 2018 Bereichsleiter Kunst und Kultur und damit auch verantwortlich für den VS.

Vertrauensbeweis für Bundesgeschäftsführer Valentin Döring.
Foto: Bert Bostelmann

Döring hatte die Gremien von VS und Bundessparte bereits seit 2015 rechtlich beraten und erhielt nun von den Delegierten auch die offizielle Bestätigung im Amt. Die Konferenz wählte zudem Delegierte zur Bundesfachbereichskonferenz, nominierte Lena Falkenhagen für den Bundesfachbereichsvorstand. Die Nominierte muss durch die entsprechenden Gremien bestätigt werden.

Selfpublisher*innen können dem VS beitreten

Der Konferenz lagen 10 Anträge und mehrere Resolutionen zur Behandlung vor. Der erste, mit dem die „Bundessparte Übersetzer“ in „Bundessparte Übersetzerinnen und Übersetzer“ umbenannt werden sollte, war schnell bestätigt. Ebenfalls Zustimmung erhielt ein umfangreicher Antrag, der die Aufnahmekriterien für neuen Mitglieder in der VS-Geschäftsordnung ergänzt. Er trägt den Veränderungen der Arbeitswelt durch digitale Publikationsverfahren Rechnung. Danach gilt künftig auch eine Tätigkeit „als Selfpublisher und Selfpublisherin oder Selbstvermarkter und Selbstvermarkterin“ zum Ausweis nötigen fachlichen Könnens.

Abstimmung.
Foto: Bert Bostelmann

Position gegen Hass und Rechtsextremismus

Mit großer Mehrheit angenommen wurde eine „Charta zur Verteidigung der demokratischen Rechte als eine Selbstverpflichtung für neu einzutretende VS-Mitglieder“ . Der Konferenz lagen mehrere Anträge u.a. aus Berlin-Brandenburg, Hamburg oder vom Bundesfachgruppenvorstand Literatur vor, die sich mit der Haltung des VS gegen Rechtsextremismus, die AfD, aber auch allgemein gegen Hass, Nationalismus, Homophobie, Sexismus und Fremdenfeindlichkeit befassten. In einer längeren, kontroversen Debatte wurde schließlich dem Vorschlag zugestimmt, die Anträge zurückzuziehen. Eine starke Meinungsäußerung bilden aber die neuen Aufnahmekriterien und die verabschiedete Erklärung als „Aschaffenburger Antwort“ gegen den Rechtsruck national und international. Darin heißt es: „Wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller wenden uns entschieden gegen Hass, Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus, Homophobie, Sexismus und bekennen uns zu den Grundsätzen des demokratischen sozialen Rechtsstaates, zur Wahrung und Verwirklichung der Menschenrechte, der Menschenwürde und zu einem friedlichen Zusammenleben.“ VS-Mitglieder fühlten die Verpflichtung, sich „laut und deutlich in die Auseinandersetzung um die Freiheit und Demokratie einzubringen“.

Über einige Anträge wurde auch kontrovers debattiert.
Foto: Bert Bostelmann

Außerdem fassten die Delegierten auf Grundlage von Initiativanträgen zwei weitere Beschlüsse: Anlässlich der Aufkündigung des INF-Vertrages zwischen USA und Russland zum Verbot nuklearer Mittelstreckenraketen verabschiedeten sie einen Appell gegen ein neues Wettrüsten. Außerdem wird Bundesinnenminister Seehofer aufgefordert, ein von ihm vor wenigen Tagen verfügtes Verbot des Mezopotamien Verlags und von Mir Multimedia zurückzunehmen. Der Buchbranche gingen sonst „zwei Verlage verloren, die wesentlich zum Verständnis von kurdischer Kultur beigetragen haben“. Das Verbot wird als ein Angriff auf die Meinungsfreiheit gewertet.

Vier von Fünfen: Sven j. Olsson, Lena Falkenhagen, Pilar Baumeister und Leander Sukov (v.l.n.r.) bilden mit Claudius Nießen den neuen Bundesvorstand des VS.
Foto: Bert Bostelmann

 

 

 

 

 

 

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