Miniaturen zur Klimagerechtigkeit I

Dieser Platz steht für Beiträge von Writers for Future zur Verfügung. Die Initiative setzt sich für mehr Klimaschutz in der Buchbranche ein. Sie wurde 2019 vom Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) in ver.di gegründet und ist für alle Menschen offen, die schreiben, redigieren, übersetzen, in Verlag oder Buchhandel arbeiten. Aktive sprechen mit dem Börsenverein, sind an der Klimabuchmesse beteiligt und haben nun auch angefangen, Texte zu schreiben. Miniaturen zur Klimagerechtigkeit.

Writers for Future stellt sich hinter Fridays for Future und unterstützt ihre Anliegen und ihr Netzwerk. Zusammen mit Parents for Future und Leipzig fürs Klima organisierten die Writers for Future im Mai 2021 die erste deutsche Klimabuchmesse.

Die sozial-ökologische Transformation erfordert nicht nur neue Technologien, sondern auch ein anderes Bewusstsein und zwar eines, das auf Suffizienz und Gerechtigkeit ausgerichtet ist. Durch Publikationen sowie durch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit wird außerdem das Bewusstsein für den Schutz der Ökosysteme und für Klimagerechtigkeit gefördert.

Und last but not least möchte Writers for Future auch in der eigenen Branche einen Wandel erreichen – hin zu einer umweltgerechten und zukunftsfähigen Buchwelt von der Idee bis zur Publikation.

Hier erscheint der erste Beitrag in dieser Reihe:

Wir geben nicht auf!

von Björn Kern

Einerseits finden wir das alles schlecht: Das Müllproblem und den Verkehrsinfarkt und unser zunehmend verarmtes Leben vor den Bildschirmen. Andererseits haben wir vor radikaler Veränderung aber Angst. Das passt nicht recht zusammen. So unzufrieden, wie wir sind, müsste es kribbeln und aufputschen, wenn wir an das Neue denken, an eine Zukunft, in der alles anders ist. Ganz ehrlich: So schön ist‘s doch auch wieder nicht, mit der Vierzigstundenwoche und dem Morgenstau, mit Zalando und Amazon. Waschmaschine neu alle zehn Jahre? Spülmaschine neu alle fünf? Rechner neu alle zwei? Da fehlt doch was. Da geht noch was!

Anders leben, anders denken, anders lieben – warum reagieren wir darauf so erbost: Keine Fremdbestimmung! Keine Repressalien! Keine Deprivation! Kein Verzicht! Obwohl dem ganz anderen Leben doch die Chance innewohnt, wieder Zeit für das haben, was uns ausmacht, als Mensch. Echte Bewegung, da draußen (kein Fingerzoom am Tablet), sauberes Wasser, frische Luft und Inspiration, Liebe und Resonanz im Umgang mit der Natur, die uns nährt und trägt und beglückt.

Wer an dieser Stelle fordert, von der Natur zu lernen, wird ausgelacht. Das zeigt, wie gefährlich der Pfad ist, auf den wir abgebogen sind. Ist doch die Rückbesinnung auf den Kreislauf, dem wir entstammen, das einzige, was den Laden vielleicht noch zusammenhält. Die größte derzeit bestehende Verschwörungstheorie ist dagegen der Glaube ans Wirtschaftswachstum. Wenn die Wirtschaft erst einmal wächst, so die Aluhut-Annahme, schrumpfen zeitgleich unsere Probleme. Völlig überraschend: Mit solch einem Wirtschaftswachstum sind auch Dinge wie Ressourcenverbrauch, Feinstaubausstoß und Artensterben zu kurieren! Es ist eine wahre Wunderwaffe, dieses Wirtschaftswachstum. Es enthebt uns über den jahrtausendealten Zyklus des »Stirb und Werde« und macht uns zur Sondergattung, die begrenzte Vorkommen in unbegrenzten Wohlstand übersetzt. Früher nannte man das einmal Alchemie. Heute Ökonomie. So ändern sich die Zeiten…

Was, wenn wir endlich nicht mehr wachsen müssten, wenn wir die Ellbogen endlich wieder einfahren dürften, wenn wir stolz verkünden könnten: „Das BIP haben wir im letzten Quartal ordentlich gesund geschrumpft!“ Wir würden weniger arbeiten müssen, weniger kaufen, weniger zerstören. Wir würden weniger verdienen, aber mehr Zeit haben, Dinge nicht für Geld zu tun. Unsere Kranken, unsere Alten würden uns dafür danken. Corona hat von uns vieles verlangt, was uns auch langfristig befreien würde: Weniger Mobilität. Weniger Konsum. Weniger Geschwindigkeit. Doch was nun ein resonantes Leben ausmachen könnte, wird nach Corona aber vor allem an Verzicht und Restriktion erinnern. Denn genau das, was aus dem Mangel einen Mehrwert machen könnte, ist derzeit erschwert: der nachbarschaftliche Austausch und der menschliche Kontakt, das Miteinander und Tauschen.

Wäre es kein Virus, das unser Leben derzeit lahmlegt, sondern eine Ölkrise, könnten wir uns nun einüben in resiliente Lebensstile. Könnten wir die Städte und die Straßen den Menschen zurückgeben und gemeinsames Urban Gardening betreiben. Könnten wir Tauschringe und Nachbarschaftshilfen organisieren oder auch einfach nur genießen, wie schön es ist, mit Freunden an einem langen Bankett mitten auf dem Stadtring Wein trinken zu gehen. Könnten wir neue Arbeitszeitmodelle ausprobieren, neue Modelle der Kinderbetreuung, der Bedürfnisbefriedigung. Wenn man so will, lernen wir gerade den Abschied vom Alten, während uns der Ausblick aufs Neue verwehrt bleibt. Auch wenn die Luft über Wuhan in der Krise vorübergehend besser wurde, das Wasser in Venedigs Lagune kristallklar: langfristig hat Corona dem Klima keinen Dienst erwiesen, die Schlote qualmen schon wieder.

Aber wir geben nicht auf! Wir alle, die wir ein anderes Leben wollen, eines, das nicht so schnell, nicht so zynisch, vor allem: nicht so zerstörerisch ist. Noch stärker als vor Corona werden wir Bilder einer Zukunft malen und beschreiben, besingen und beschwören, die anders, aber deswegen nicht weniger, sondern in höherem Maße lebenswert ist. Von essbaren Städten und Postwachstum, von Suffizienz und gelingendem Nichtstun, von Aufwertung der Carearbeit und Abwertung der Bullshitjobs, von einer Welt, in der Leben und zerstören nicht mehr ein und dasselbe sind.

Fortsetzung folgt!

 

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