„Hey Ladies, es ist Zeit etwas zu ändern“

Tsitsi Dangarembga im August 2020 bei einem Interview in Harare. Foto: Reuters/ MacDonald Dzirutwe

Tsitsi Dangarembga aus Zimbabwe erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Da sie in ihrem künstlerischen Werk „ein einzigartiges Erzählen mit einem universellen Blick“ verbinde, sei Tsitsi Dangarembga aus Zimbabwe „nicht nur eine der wichtigsten Künstlerinnen ihres Landes, sondern eine weithin hörbare Stimme Afrikas in der Gegenwartsliteratur“. So urteilte die Jury, die der Schriftstellerin und Filmemacherin den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2021 zuerkannte. Wer ist Tsitsi Dangarembga und was macht ihr Werk aus?

Von Zimbabwe, dem ehemaligen britischen Rhodesien, wissen wir kaum mehr, als dass es sich nach der 1980 errungenen Unabhängigkeit zu einer Diktatur mit beispiellosem wirtschaftlichem Niedergang und politischer Unzufriedenheit entwickelte. Dass in Zimbabwe dennoch eine Moderne eingezogen ist, scheint unvorstellbar. Das Werk von Tsitsi Dangarembga, die am 24. Oktober in Frankfurt am Main den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennehmen wird, legt offen, dass es sich um eine besonders hässliche Variante der neoliberalen Moderne handelt.

Gegen einseitiges Bild anschreiben

Dennoch schreibt Tsitsi Dangarembga gegen das einseitige Bild an, dass sich der Westen von Zimbabwe macht. Kennern der subsaharischen Literaturszene ist diese Autorin nicht unbekannt. Hierzulande lag bisher nur ihr 1988 in England und 1991 deutsch erschienene Roman Der Preis der Freiheit vor. Rechtzeitig zur Preisverleihung wurde er unter dem Titel Aufbrechen neu aufgelegt. Zugleich erschien die 2018 in New York publizierte Fortsetzung Überleben.

Tsitsi Dangarembga wurde 1959 in Mutoko im britischen Rhodesien geboren, lebte und absolvierte etliche Ausbildungen in Europa. In Harare studierte sie Psychologie, was für ihre künstlerische Perspektive entscheidend wurde. Ich lernte sie 2015 kennen, als sie auf Einladung des PEN-Zentrums in Deutschland war. Es stellte sich heraus, dass sie gut deutsch spricht, da sie von 1989 bis 1996 eine Regie-Ausbildung an der Berliner Film- und Fernsehakademie gemacht hatte. Neben ihrem literarischen Schaffen ist sie auch eine renommierte Filmemacherin.

Ihre Filme und Bücher behandeln vor allem die schwierigen Entwicklungsbedingungen von Frauen in Zimbabwe. Mit der Fokussierung auf psychischen Spannungen, mit denen Menschen zu rechnen haben, wenn sie aus der traditionellen Dorfgemeinschaft in die Moderne treten, steht Dangarembga in der Tradition des aus Martinique stammenden Psychiaters Frantz Fanon, der das Verhältnis von Kolonisierten und Kolonisatoren in Algerien analysiert hatte.

Wiederbegegnung mit Protagonistinnen

In Der Preis der Freiheit – der Originaltitel lautet Nervous Conditions – wird von zwei Shona-Mädchen erzählt, die während der kolonialen Endphase Schuleinrichtungen von Weißen besuchen können. Nyasha, die als kleines Kind in Europa gelebt hat und in der Missionsschule als revoltierende Schülerin auftrat, entwickelte eine lebensgefährliche Anoraxie. Ihre Cousine Tambudzai, genannt Tambu, die „direkt aus dem Busch“ kommt und den Schulplatz nur bekam, weil ihr Bruder gestorben war, verarbeitet die Spannung zwischen afrikanischen und europäischen Werten ebenfalls eher schlecht als recht. Auch sie entwickelt Essstörungen.

In Überleben – Originaltitel This mournable body – begegnen wir den beiden als nicht mehr ganz junge Frauen wieder. Auf Grund ihrer von Europäern erhaltenen Ausbildungen war Tambu überzeugt gewesen, dass ihr im unabhängigen Zimbabwe auch als Frau eine glänzende Karriere offen stehe. Zunächst schien sich das auch zu bewahrheiten. Sie arbeitete in einer Werbeagentur, die von einer ehemaligen weißen Mitschülerin geleitet wurde. Mit der Zeit machte sie jedoch die Erfahrung, dass nicht nur ihr Geschlecht, sondern auch ihre Hautfarbe weiterhin zu Diskriminierungen und Benachteiligungen führten. Ihre Ideen für originelle Slogans brachten ihr keine Beförderungen ein, sondern wurden von weißen Vorgesetzten vereinnahmt, aus Tambus Sicht: geklaut. Sie lässt sich das auf Dauer nicht gefallen und kündigt, ehe sie einen anderen Job hat. Dass sie keinen neuen findet, ist ihr unbegreiflich. Sie verarmt, findet sich in einem elenden Wohnheim für mittellose junge Frauen wieder, wird aus Altersgründen herausgeworfen. Schließlich kommt sie bei der Witwe eines Emporkömmlings unter, in einem Raum voller Schmutz und Insekten. Tambu muss ihre letzten Ersparnisse immer stärker strecken, beginnt zu hungern. Wenn sie es noch schafft, in die von ihrer Cousine aus England geschickten Lady-Dy-Heigh-Heels zu steigen, um auf Jobsuche zu gehen, erfahren die Leser von einer Welt mit unsäglichen Verkehrsproblemen, Promiskuität und am helllichten Tag in der Öffentlichkeit vollzogenen Vergewaltigungen.

Schon im Heim für junge Frauen dreht Tambu manchmal durch, entwickelt eine sich steigernde Angstpsychose. Sie kann einfach nicht begreifen, wieso sie nicht als die hochqualifizierte Frau leben darf, für die sie sich selber hält – ein typisches Syndrom der Enttäuschung in vielen postkolonialen Ländern: Der Arbeitsmarkt kann die legitimen Ansprüche der Menschen nicht erfüllen, noch weniger ihre hochgespannten Erwartungen.

Enttäuschte Hoffnungen und wachsender Konflikt

Notgedrungen nimmt Tambu schließlich eine Arbeit als Lehrerin in einem Mädchengymnasium an, die in ihren Augen weit unter ihrem Niveau liegt. Aber den Anforderungen ist sie nicht gewachsen. Die ihr einst im britischen College vermittelten Verhaltensregeln für junge Damen sind veraltet. Mit den Schülerinnen, die ihre Weiblichkeit frech hervorkehren, wird sie nicht fertig. Zunehmend genervt, wird sie selbst gewalttätig und landet in der Psychiatrie. Es ist pures Glück, dass sie nach der Behandlung bei ihrer Cousine Nyasha unterkommen kann, die aus Europa mit zwei Kindern und deutschem Ehemann zurückgekehrt ist. Man lebt hauptsächlich vom Devisenstipendium des Schwagers in einem heruntergekommenen Haus, in dem Nyasha wenig ertragreiche Weiterbildungsworkshops für junge Frauen leitet. Für die sich nur langsam erholende Tambu ist es erneut unverständlich, wieso selbst die Cousine, die über europäische Diplome verfügt, die weit wertvoller als ihre eigenen sind, keine angemessene Stellung findet, offenbar noch nicht einmal danach sucht. Völlig fremd ist ihr das asketische Verhalten des Schwagers; Derartiges ist ihr bei Weißen noch nicht begegnet.

Tambu bekommt doch eine zweite Chance bei ihrer weißen Chefin aus der Werbeagentur, die diese ebenfalls verlassen und ein eigenes Touristikunternehmen gegründet hat. Schlagartig lebt sie wieder in großem Luxus, aber keineswegs angstfrei. Eine jüngere Kollegin stellt sich vermeintlich geschickter an als sie selber und die Zukunft des Unternehmens hängt stark von der Gunst der Regierung ab. Um die Existenz des Betriebs zu sichern, wird Tambu schließlich mit ihrem arm und unterentwickelt gebliebenen Herkunftsdorf konfrontiert. Dort muss sie Vorschläge machen, die vorteilhaft wirken, aber doch die Würde der Menschen angreifen. Schreckt sie davor zurück oder macht sie mit?

2015, als Tsitsi Dangarembga schon an diesem Roman arbeitete, antwortete sie auf meine Frage, inwieweit sich die Lage der Frauen in Zimbabwe nach der Unabhängigkeit verändert habe, dass sie „schwieriger, komplexer und noch schwerer zu lösen“ sei als in der Kolonialzeit. „Früher hatte jeder seinen festgelegten Platz in der Gesellschaft. Heute sind Frauen gebildeter und meinen, dass sie dadurch einen besseren Platz verdient hätten. Wir haben eines der höchsten allgemeinen Bildungsniveaus auf dem afrikanischen Kontinent, auch was das Lesen von Literatur betrifft. Aber ist das wirklich ein Pass für ein bessere Leben? Wenn man in den achtziger und neunziger Jahren einen Job bekam und sich viele Dinge kaufen konnte, schien es so. Nun sind wir immer mehr Menschen geworden. Und weil sie gebildet sind, sehen sie nun immer deutlicher die Krise. Es gibt also einen wachsenden Konflikt zwischen den materiellen Möglichkeiten und dem, was die Leute in ihrem Inneren wünschen. Wenn wir alle materiellen Wünsche nicht erfüllen können, müssten wir den Raum der inneren Werte ausbauen. Aber das geschieht nicht.“

Zwiespalt zwischen Materiellem und inneren Werten

Tsitsi Dangarembga hat ein Video von einem Gespräch mit ihrer Katze gedreht, die im Unterschied zum Menschen immer genau weiß, wie viel sie zum Leben wirklich braucht. Menschen dagegen würden „verzweifeln, wenn es ihnen nicht gelingt, ihr Dasein materiell zu verbessern, wenn etwas zu fehlen scheint. Sie haben vergessen, dass sich unser Bewusstsein auch auf unsere inneren Werte richtet. Wir haben eine der höchsten Kriminalitätsraten, Fremdenfeindlichkeit, sogar gegen andere Afrikaner. Warum? Für mich besteht ein Zwiespalt zwischen dieser Gier nach Materiellem und dem Ausblenden der Probleme des inneren Wertesystems der Menschen. Wegen dieser gesellschaftlichen Problematik haben es Frauen besonders schwer, Anerkennung zu finden.“

Bei der dürftigen Informationsbasis, die wir von Zimbabwe haben, mag erstaunen, dass  Dangarembga das Problem des überschießenden, auch ökologisch schädlichen Konsums bereits für Teile ihrer Gesellschaft sieht. Überleben schreibt sich damit in einen universellen kulturellen Kontext ein.

Die Frage, ob es in Zimbabwe Organisationen gibt, die sich für Gender-Probleme und Frauenrechte einsetzen, bejahte Dangarembga. Allerdings glaube sie nicht, „dass sie auf dem richtigen Weg sind. Das Engagement solcher Organisationen kommt meist von der Regierung, es wird in bestimmte Richtungen gelenkt. Und auf der anderen Seite haben wir NGOs aus dem Ausland. Das sind Ansätze zweier verschiedener Machtstrukturen. Meiner Meinung nach handeln beide aus einem überholten Entwicklungsparadigma heraus. Sie wollen absichern, dass es genug zu essen gibt, dass Kinder keine Windpocken kriegen und drei Mahlzeiten am Tag. Auch die Regierungsorganisationen haben kein Interesse, die Leute weiterzubringen, weil sie dann anfangen würden zu denken, sich über ihre Lage eine Meinung zu bilden und diese hörbar zu machen. Und genau das wollen weder die einen noch die anderen. Es geht da wirklich nur um das primitivste Niveau und nicht darum, die menschlichen Fähigkeiten zu entwickeln. Man will nur zeigen: wir sind engagiert und wollen die größten menschlichen Desaster verhindern. Das gelingt aber nicht. Die Leute sehen doch, wie andere Klassen leben. Und letztlich heizt man nur die Klassenkonflikte an.“

In der Figur der Nyasha findet sich Autobiographisches wieder. Dangarembga ist nicht nur kreative Künstlerin, sondern leitet vielfältige Initiativen einer eigenen Kulturagentur. Nicht zuletzt ist sie auch politische Aktivistin. Wegen eines von ihr gestarteten Aufrufs zu einer Anti-Korruptionskampagne war sie 2020 für kurze Zeit inhaftiert.

Sie plädiert nicht für die Entwicklung des Südens durch bloße Nachahmung westlicher Muster, die sich mit dem sozialen und ökologischen Scheitern des Neoliberalismus immer mehr auch im Westen selbst diskreditieren. Sie will ein erneuertes kulturell-zivilisatorisches Selbstbewusstsein der Afrikaner*innen fördern, von dem sie selbst bereits ein Teil ist. Es müsse in Rechnung gestellt werden, dass sich die Unabhängigkeit schwieriger gestaltet als erhofft. Vollenden kann sie sich nur in Kombination von eigener Kreativität und kritisch zu hinterfragender Inspiration von außen.


Interview von Sabine Kebir mit Tsitsi Dangarembga (2015): https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/harare-reloaded

 

Cover

Tsitsi Dangarembga: Aufbrechen. Übersetzt v. Ilja Trojanov, Orlanda Verlag GmbH, Berlin 2021, 22 Euro, ISBN: 978-3-944666-60-0

Cover

Tsitsi Dangarembga: Überleben. Übersetzt v. Annette Grube, Orlanda Verlag GmbH, Berlin 2021, 24 Euro, ISBN: ‎978-3-944666-87-7

 

 

Tsitisi Dangaremba geht mit ihrem Verlag vom 26. Oktober bis 8. November 2021 zu Lesungen und Gesprächen auf Reisen. Es gibt Termine u.a. in Köln, Dortmund, München, Stuttgart und Berlin. Alle Details hier.

 

 

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