Geheimnisvoll und unbedingt lesenswert

Die Aufforderung zum Wiederlesen und eine neue Herkunftsthese gab es am 17. Mai vor interessiertem Publikum in der Berliner MedienGalerie
Foto: Christian von Polentz

Er war erfolgreich wie geheimnisumwittert, der Autor B. Traven. Ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod sollte er wieder gelesen werden: Mit fünfzig Veranstaltungen in seinem 50. Todesjahr will die Internationale B. Traven Gesellschaft die Erinnerung an den Schriftsteller mit den vielen Pseudonymen wiederbeleben und erneut Lust aufs Lesen seiner bis heute aktuellen Werke machen. Zu einer Soiree mit letzten noch lebenden Zeitzeugen hatte die ver.di-MedienGalerie in Berlin geladen.

Im historischen Haus der Buchdrucker in der Berliner Dudenstraße, dem Sitz der MedienGalerie, war die Veranstaltung mit Travens Stieftochter Malú Montes de Oca Luján de Heymann und ihrem Ehemann Timothy Heymann am richtigen Ort. Genau aus diesen Räumen startete die Büchergilde, die in diesem Jahr ihr 95. Jubiläum feiert und bis 1933 mit 85.000 Mitgliedern die größte Buchgemeinschaft der Weimarer Republik war, ihre avantgardistische Buchproduktion. Die Idee, guten literarischen Inhalt günstig an Arbeiter zu bringen, sei damals kühn gewesen, konnte sich doch kaum ein Arbeiterhaushalt Bücher leisten, so die Berliner Büchergilde-Buchhändlerin Johanna Singer. Der vom damaligen Cheflektor entdeckte Schriftsteller B. Traven mit der literarischen Mischung aus „exotischem Ambiente und proletarischem Alltag“ erwies sich für die gewerkschaftsnahe Büchergilde Gutenberg als Glücksgriff. Allein sein Roman „Das Totenschiff“ verkaufte sich bis 1936 eine halbe Million Mal. Traven schrieb insgesamt 12 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten. Er wurde in 24 Sprachen übersetzt, geschätzt 30 Millionen seiner Bücher verkauften sich weltweit. Er selbst legte Zeit seines Lebens Wert darauf, nicht identifiziert zu werden und verschleierte bis zu seinem Tod 1969 seine Herkunft. Auch die Lektoren der Büchergilde – bis 1939 sein Hauptverlag – lernten ihn nie persönlich kennen.

Der Büchertisch
Foto: Christian von Polentz

Die Jugend soll ihn lesen

„Ich möchte, dass die Jugend Traven neu entdeckt und ihn liest. Das ist für mich große Motivation, immer wieder von Mexiko nach Deutschland zu kommen und über ihn zu sprechen“, sagt Malú Heymann, die das Erbe ihres Stiefvaters verwaltet. Auf Lesegewohnheiten junger Leser zugeschnitten, hat der französische Zeichners Golo 2011 einen Comic über Travens Leben beim Avant Verlag herausgebracht, als Actionroman und Blog-Buster des Jahres folgte 2017 „Wer ist B. Traven?“ bei Klett Cotta. Die Soiree in der MedienGalerie war abschließende Station einer Deutschland-Tour, bei der „wir diesmal 2500 km gereist sind“, wie Begleiter und Organisator Ralf G. Landmesser von der Internationalen B.Traven Gesellschaft erklärte. Sie führte die Heymanns auch in die B.Traven-Gesamtschule nach Berlin-Spandau, nach München, wo eine Gedenktafel am Wohnhaus von Theaterschauspieler und Revolutionär Ret Marut – eine der Identitäten Travens – enthüllt wurde, an den Niederrhein und ins Ruhrgebiet. Im Düsseldorfer Theatermuseum konnten Briefe von Ret Marut eingesehen werden. Weitere Besuche an Lebensstationen des Geheimnisumwitterten, auch in europäischen Nachbarländern, sind geplant. Eine größere Traven-Ausstellung, die 2016 in Mexico City viele Besucher anzog, sucht hierzulande noch Räumlichkeiten.

Liebevolles, Revolutionäres und bis heute Aktuelles

Malú Heymann lernte ihren Stiefvater als kleines Mädchen kennen, ihre Mutter heiratete B. Traven 1957. Da lebte er bereits seit 33 Jahren in Mexiko, dem Land, in dem seine meisten Romane und Erzählungen angesiedelt sind. Mrs. Heymann las aus Briefen, die Traven ihr geschrieben hatte. Sie enthalten fantasievolle Schilderungen von Tigern und ihren Babys in einer Höhle und betonen, dass er die Tigersprache studieren müsse. Diese Briefe zeugten von der Liebe Travens zu seinen (Stief)Töchtern, gäben intime Einblicke ins Familienleben, erklärte Ralf G. Landmesser.

Malu Heymann (Mitte), Ehemann Timothy (r.) und Ralf G. Landmesser von der B.Traven Gesellschaft (li.)
Foto: Christian von Polentz

Er selbst machte die zahlreich Zuhörenden mit dem Revolutionär und Weltbürger bekannt. So las er aus dem Reprint des „Ziegelbrenners“, der unter dem Pseudonym Ret Marut von 1917 bis 1921 herausgegebenen anarchistischen Zeitschrift zur „Kritik an Zuständen und widerwärtigen Zeitgenossen“. Die scharfe politische Analyse offenbarte Parallelen bis heute.

Sein ganzes Leben lang hielt Traven an seiner Camouflage fest. In Deutschland war er der Schauspieler und Regisseur Ret Marut, in Mexiko B. Traven, auch als Traven Torsvan und Hal Croves hat er firmiert. Über seine wahre Identität ist viel spekuliert, diskutiert und geforscht worden. Bei Wikipedia gilt als nahezu sicher, dass er 1882 in Schwiebus als Otto Feige geboren wurde.

Timothy Heymann präsentierte in der MedienGalerie in Auseinandersetzung mit den Pseudonymen eine mögliche andere Herkunft B. Travens, die bislang, so Landmesser, „als Marginalie behandelt wurde, an die aber die Familie fest glaubt“. Die Erklärung stamme aus einer „Offenbarung“ Travens gegenüber seiner Übersetzerin, Agentin und Geliebten Esperanza López Mateos. Danach sei er als Moritz Rathenau ein illegitimer Abkömmling von Emil Rathenau gewesen, also ein Halbbruder von Walther Rathenau. Der fiel 1922 als Außenminister der Weimarer Republik einem rechts-terroristischen Attentat zum Opfer.

Es gäbe heute Kontakte zur Familie Rathenau. Mehrfach, so Heymann, hätten er und seine Frau versucht, mit Nachkommen ins Gespräch zu kommen und sie gebeten, zur Klärung der wahren Identität Travens beizutragen. Doch Familie Rathenau, so Landmesser, „will damit wohl nichts zu tun haben“. Womöglich solle nicht publik werden, „dass Emil Rathenau Liebschaften hatte“. B. Traven, so ein Fazit der Soiree in der MedienGalerie, bleibt was er war und ist: geheimnisvoll. Und unbedingt lesenswert.

 

 

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