#freewordsbelarus: Kampf dem Monster

Foto: Reuters/ Francois Lenoir

Seit den mutmaßlich massiv gefälschten Wahlen ringt Belarus um Demokratie. Seit Anfang September ist die Situation für die Menschen, und vor allem für öffentliche Personen der Kultur, Literatur und Kunst noch gefährlicher geworden: Sie werden traktiert, verhaftet, bedroht, zuletzt wurden drei PEN Belarus Mitglieder von einer Demonstration verschleppt, und die Literaturnobelpreisträgerin Svetlana Alexijewitsch drangsaliert. Nina George, Präsidentin des European Writers’ Council, steht seit 13. August ununterbrochen in Kontakt mit der Union der Belarusischen Autorinnen und Autoren. Hier ihr Appell:

 Stell Dir vor, du bist Schriftstellerin. Du gehst zu einer Demonstration, zusammen mit deinen Kollegen aus dem Ehrenamt und dem Verbandsbüro. Neben dir hält ein Bulli, aus den Seitentüren springen vermummte Personen, ihre Uniform ist weder der Polizei noch dem Militär zuzuordnen. Sie zerren dich mit sich, deine Freundin filmt, ihr wird das Handy weggeschlagen, und wenig später bist du, mit einigen deiner Kolleginnen, unterwegs an einen Ort, den man „das Haus der Torturen“ nennt. Dort schneidet man dir vielleicht auch ein Loch in die Hose, auf Höhe deines Rektums, und droht, dass, wenn du es wagst, dich in der engen Zelle für zwanzig Menschen, die aber mit 60 Leuten überfüllt ist, hinzusetzen, man dir eine Granate durch das Loch in den Anus schieben wird. Du wirst nichts zu trinken bekommen. Vielleicht bleibst du Monate in dem Haus der Torturen, vielleicht wirst du gleich am nächsten Tag verurteilt, wegen Anstiftung zu Randale.

Die Schriftstellerin Nina George ist seit Juni 2019 Präsidentin des European Writers‘ Council (EWC), Dachverband von 38 europäischen Autor*innen- und Übersetzer*inneverbänden.
Foto: Bert Bostelmann

Stell dir vor, du bist Schriftstellerin. Du bist im selben unabhängigen Verband wie die Literaturnobelpreisträgerin Svetlana Alexijewitsch Mitglied, der Union der belarusischen Autoren. Weil du dich dort engagierst, und nicht in dem staatlichen Verband, druckt dich kein Verlag mehr. Keine Buchhandlung verkauft dich, kein Kritiker der großen, bestimmenden und in Staatsbesitz befindlichen Zeitungen bespricht dich, du wirst niemals in einer der Kulturinstitutionen lesen, in keiner Bibliothek oder Schule. Niemals. Dafür kannst du schreiben, was du willst. Du wirst niemals einen Cent mit deiner Arbeit verdienen. Dein Menschenrecht, an Kultur teilzunehmen oder Zugang zu vielfältiger Kultur zu haben, ist ausgesetzt. Du bist auf der schwarzen Liste.

Stell dir vor, du bist Schriftstellerin. Dein Land mitten in Europa ist eine Diktatur. Jeden Tag verschwinden einhundert Menschen von den Straßen deiner Stadt, jeden Tag, sie verschwinden in Bullies mit Fahrern ohne Namen, manche Verschleppte kehren wieder, manche nur tot. Du bist schon lange ganz oben auf der schwarzen Liste, seit 1993, und du hast den Nobelpreis für Literatur. Du bist 72 und wirst wegen „versuchtem Staatstreich“ angezeigt und zum Verhör geordert, weil du dich eingesetzt hast für Versammlungsfreiheit, für Dialog und weil du einen Satz gesagt hast, vielleicht war es „Lukashenka, steig in ein Flugzeug und verlasse das Land“, oder auch „Diese Regierung hat dem eigenen Volk den Krieg erklärt“. Du weigerst dich, gegen dich selbst auszusagen. Weil das freie Wort, woanders gehegt und selbstverständlich, zu einer Waffe gegen dich selbst wird.

Zwei Wochen später wummern dieselben vermummten Personen, deren Uniform weder der Polizei noch dem Militär zuzuordnen ist, an deine Tür. Sie wummern, während dein Telefon ohne Unterlass klingelt, und immer sind es unterdrückte Nummern und immer wird aufgelegt, während der Staatschef mit dem Maschinengewehr vor die Welt tritt und Demonstranten „Ratten“ nennt, während Frauen in weiß-roten-Kleidern als menschliche Schutzschilde auf der Straße junge Männer vor den Schlagstöcken der Polizei schützen, während Lehrer und Schauspielerinnen sich weigern, weiter einer Regierung zu dienen, die sich der Demokratie widersetzt, während dialogbereite Intellektuelle und Künstler einer nach dem anderen von der Straße gezerrt und des Landes verwiesen werden, während über 70 Nachrichtenseiten gesperrt sind und ausländischen Journalisten die Akkreditierung entzogen wird, damit niemand sieht, was dort vor sich geht, während immer mehr Wahlhelfer bekennen, gefälschte Protokolle unter Zwang unterschrieben zu haben. Während all das passiert, schreibst du in fliegender Hast einen Brief, es ist ein Liebesbrief an dein Volk und ein Hilferuf an die Welt. Diplomaten kommen zu Dir, aus Schweden, Österreich, Deutschland, sie werden in deiner Wohnung bleiben, sie sind jetzt dein Schutzschild. Deine Nachbarin hängt BHs ans Fenster, weiß, rot, weiß: die gleichfarbige Flagge der Demokratiebewegung ist seit jüngstem verboten, doch wer kann einem schon verbieten, seine Unterwäsche farblich harmonisch zum Trocknen aufzuhängen?

Wenn du dir all das nicht nur vorstellst, dann bist du in Belarus. Alle belarussischen Autoren und Autorinnen, Übersetzerinnen und Übersetzer unterliegen der staatlichen Zensur. Wenn der Name eines Schreibenden oder die Titel seiner Werke auf einer staatlich sanktionierten black- (komplette Restriktion) oder grey-list (unter Beobachtung) auftauchen, wird von Verlagen nichts veröffentlicht. Und das unabhängig davon, ob es sich um ein politisches Werk handelt: Die Werke einiger Mitglieder der „Union of Belarusian Writers“ wurden aus den Schulbüchern gestrichen, nachdem der Staat die politischen Ansichten der Autoren als „nicht tragbar“ eingeordnet hat. Privates Drucken ist zwar möglich, aber die Bücher werden nicht in den sämtlich staatlich geführten Buchhandlungen verkauft oder gar gelistet. Meine belarusischen Kolleginnen und Kollegen können keine Lesung in Kultureinrichtungen halten, die im staatlichen Besitz oder unter dessen Förderung stehen.

Auch Swetlana Alexijewitschs Bücher wurden seit 1993 nicht mehr von belarusischen staatlichen Verlagen herausgegeben. Autorenrechte existieren nur auf dem Papier, faktisch gibt es sie nicht. Das freie Wort hat in Belarus seinen Preis: mitunter dein Leben.

Seit den mutmaßlich höchst massiv gefälschten Wahlen rollt eine zunehmende Welle von Repressionen gegen die Kultur und gegen die demonstrierende Bevölkerung über Belarus. Und sie wird von Woche zu Woche gewalttätiger, und schränkt Informationsfreiheit und Redefreiheit weiter ein. Seit Anfang September nimmt die Polizei gezielt Journalistinnen, Reporter und Blogger fest, um sie der „Organisation von Massenaufständen“ zu bezichtigen, wie etwa jene Pressevertreter der größten belarussischen Massenmedien TUT.by, KP-Belarus und BelaPAN. Auslandskorrespondenten dürfen nicht ins Land einreisen oder werden abgeschoben, was für sie fünf Jahre Landesverbot bedeutet. Gleichzeitig haben die Behörden 70 Nachrichten-Websites blockiert und den Vertrieb von vier großen unabhängigen Zeitungen verboten, um der Bevölkerung Information zu entziehen.

Trotz Repressalien gehen die Menschen immer wieder auf die Straße.
Foto: UBW

„Es ist wichtig für uns, Europa begreiflich zu machen, mit welchem Monster wir zu kämpfen haben, und was für einen Aggressor es als Nachbarn hat“, sagte der Vorsitzende des regimekritischen Schriftstellerverbandes Union of Belarusian Writers, Barys Piatrovich, als ich ihn vergangenen Montag bat, auf der Generalversammlung des European Writers‘ Council zu den 38 Delegierten aus 21 Ländern zu sprechen. „Das belarussische Volk hat sich gefestigt und klar seinen Wunsch zum Ausdruck gebracht, zu diesem freien Europa zu gehören. Es muss aber auch spüren, dass Europa an seiner Seite steht.“ Ungesagt die Furcht: Sonst schaffen wir es nicht.

Spürt Belarus es? Ich kann nur für die sprechen, mit denen ich zu tun habe; ich halte sie täglich auf dem Laufenden, berichte von Solidarität der Autorinnen, der Buchbranche und der Künstler, aus Deutschland, Norwegen, England, Spanien, Island, Griechenland, Ungarn, Dänemark. Jeder Bericht, jedes Zeichen von Rückendeckung, gibt meinen Freundinnen und Kollegen den Mut, am nächsten Tag erneut auf die Straße zu gehen. Sorgfältig die Schuhe auszuziehen, bevor sie auf Parkbänke steigen, um den Soldaten entgegen zu singen, anstatt sie anzuschreien, wofür sie allen Grund hätten. Ich versuchte, Berichte auch in unsere Richtung zu schleusen, und all das, während die Welt schier zusammenbricht, Moria, Corona, Trump, Erdogan, Ungarn, Polen, George Floyd, Brände, Hongkong. Es ist, als kippten wir längst schon über den Rand, und dann auch noch Belarus. Manchmal ist es schwierig, anzuposten und anzutwittern gegen all das, wie nur Empathie wecken?

„Es ist schwer zu leben, wenn die Bürgerrechte nicht mehr existieren“, schreibt mir meine Freundin A. aus Minsk, gestern Nacht. Sie arbeitet bei einer unabhängigen Menschenrechts-Organisation und als Kontakt zu dem belarusischen Schriftstellerverband in meinem Board. Die Konten der Organisationen wurden eingefroren. Wir können uns seit Mitte August nur über einen Nachrichtendienst des Telefonnetzes austauschen, Dokumente, Fotos, Videos. Das Internet wird abgeschaltet, immer dann, wenn Menschen auf die Straße gehen. Es kommt eine zweite Nachricht. „Wenn sie denn je für uns existiert hatten.“

Nein. Wir sollten der Regierung um Lukashenka nicht den Gefallen tun, ihn zu ignorieren. Solidarität für Kolleginnen und Kollegen der Kultur, der Literatur, endet nicht an der Staats- oder Sprachgrenze.

#freewordsbelarus: Möge das ein weiteres Signal unserer Unterstützung sein, wenn wir öffentlich schreiben und sprechen über Belarus, ein Land, das etwas in Frieden begehrt, was auf der Welt in Gefahr ist: Demokratie.

 

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