Frankfurt 2021: Eine erfolgreiche Messe

Der Bundesvorstand und der hessische Landesverband des VS hatten kaum auf Erfolg bei dieser Buchmesse in Frankfurt am Main gehofft. Die Besucherzahl auf 25.000 pro Tag beschränkt, gleich nebenan ein Stand mit rechtsradikalen Verlagen und die Ausstellerzahl drastisch reduziert. Auch das wichtige internationale Forum fand nicht statt. Aber es kam dann doch ganz anders: Kaum eine Buchmesse der letzten Jahre war so erfolgreich wie gerade diese.

Vom ersten Tag an gab es Gespräche mit Schriftsteller*innen. Mitgliedsaufnahmen konnten verzeichnet werden, es wurde, ein Novum nach dem schweren Stand der letzten Jahre, regelrecht danach gefragt. Kobern war nicht vonnöten.

Die Sorgen der Kolleg*innen sind ähnlich: Problematische Verträge, zu umfangreiche Rechteabtretungen, Verzögerungen bei Honorarausschüttungen und natürlich die Pandemie. Viele Autor*innen leben zu einem großen Teil von Lesungen. Auch die Stipendien aus dem Topf von „Neustart Kultur“, die die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien aus dem Etat des Staatsministeriums zur Verfügung gestellt hat, konnten die Löcher nur unzureichend und nur für Einige stopfen. Viele Schriftsteller*innen fürchten um ihre Existenz. Immer noch. Und es ist kein wirkliches Ende anzusehen.

Oftmals bangen die Kolleg*innen gemeinsam mit ihren Verlegern. Denn kleine, aber auch mittlere unabhängige Verlage sind durch die notwendigen Corona-Einschränkungen ebenfalls in ihrer Existenz gefährdet. Weil über Monate Buchhandlungen quasi unzugänglich waren, nicht mehr gestöbert und persönlich beraten werden konnte, ist zwar der Buchverkauf nicht so eingebrochen, wir befürchtet, er hat sich aber neu verteilt: Bestseller, die Bücher, die in Feuilletons vorkommen, für die massiv Werbung gemacht wurde, wurden im Abhol- und Zustellgeschäft gekauft. Die Bücher der Unabhängigen blieben auf der Strecke. Und diese Lücke konnte über den Onlinehandel der Verlage nicht aufgefangen werden.

Leichte Aufbruchstimmung

In den Gesprächen, nicht nur am VS Stand, zeigte sich, dass gleichwohl eine leichte Aufbruchstimmung herrscht. Offenbar ist es wieder mehr als in der Vergangenheit angesagt, sich zu organisieren. Eine starke Schriftsteller*innen-Gewerkschaft hat es natürlich einfacher, Forderungen gegenüber dem Börsenverein und auch der Politik durchzusetzen und Kompromisse zu erzielen, die wesentliche Teile der Forderungen enthalten.

Dabei gibt es durchaus wechselnde Bündnisse im Literaturbereich. So fordern Autor*innen und Verlage gemeinsam eine ordentliche Vergütung für die E-Book-Leihen in Bibliotheken und stellen sich damit gegen den starken Bibliotheksverband. Auch das war Thema in Frankfurt.

Auch das Format des VS-Messestandes hat sich geändert. War er in den vergangenen Jahren meist nur ein passiver Treffpunkt, so wurde in diesem Jahr aktiv diskutiert. Fanden die Diskussionen bislang auf Messebühnen statt, so wurden sie dieses Jahr direkt am VS-Stand geführt und gestreamt. Mit professioneller Technik konnte das Öffentlichkeits-Team um Sven j. Olsson hochkarätig besetzte Debatten ins Netz stellen. Und natürlich bleiben die Videos erhalten.

Debatte mit Leander Sukov, Volha Hapeyeva, Anise Jafarimehr und Lena Falkenhagen (v.l.n.r.)
Screenshot: Zoom.de

Die insgesamt dreizehn VS-Veranstaltungen an den vier Messetagen teilten sich in: Die Debatten um die Rechte von Schriftsteller*innen, die Diskussionen von „W4F“ zum Klimawandel im Buchhandel, Gespräche zum Thema „Stimmen gegen Rechts“ und zur Lage der Frauen im Literaturbetrieb.

Zu Letzterem diskutierten die iranische Exil-Schriftstellerin Anise Jafarimehr und Volha Hapeyeva aus Belarus mit Lena Falkenhagen und Leander Sukov in einer gemeinsamen Online-Veranstaltung von VS und Louise-Aston-Gesellschaft. Anise Jafarimehr und Volha Hapeyeva sind Stipendiatinnen des Writers-in-Exile-Programmes des deutschen PEN-Zentrums.

Nadja Kneissler Screenshot: Zoom.de

Interessant war auch das Gespräch mit Dr. Nadja Kneissler, der Vorsitzenden des Verlegerausschuß des Börsenvereins, über SDGs in der Buchbranche. Es stellte sich heraus, dass schon an verschiedenen Stellen über klimagerechte Buchproduktion gesprochen und auch gehandelt wird, dass aber noch viel Luft nach oben ist. Der Appell von Frau Kneissler war eindeutig: „Es gibt so viele Ansatzpunkte um klimafreundlicher und umweltfreundlicher zu werden, denkt drüber nach und nutzt sie einfach.“

Bei den Rechten von Schriftsteller*innen ging es im Wesentlichen um zwei Themen: Faire Agentur- und Verlagsverträge und Verträge mit Veranstaltern. Mit Tobis Kiwitt, Urheberrechtsanwalt und Autor sowie Sprecher des BVjAs, sprach Sven j. Olsson. Mehrfach wies Kiwitt daraufhin, dass Verlage von den Autor*innen kein Geld verlangen, und Augent*innen auf Provisionsbasis arbeiten. Alles andere ist weder professionell noch seriös. Wichtig in diesem Zusammenhang war außerdem die Feststellung, dass Verträge zeitlich begrenzt werden sollten.

Lena Falkenhagen und Gerhard Ruiss
Screenshot: zoom.de

Um Verträge ging es auch in dem Gespräch von Lena Falkenhagen, Vorsitzende des VS, mit Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren, dem österreichischen Schriftsteller*innenverband. In Österreich gibt es vermehrt Verträge für Lesungen, in denen die Autor*innen dem Veranstalter zahlreiche Nebenrechte, wie z.B. das Senderecht der Lesung, abtreten sollen, ohne dafür extra entlohnt zu werden. Dies kann und darf nicht sein, und der VS wird zusammen mit den Kolleg*innen hier aktiv werden und sich um einen Mustervertrag für Lesungen kümmern.


Aktualisierung am 28. Oktober 2021:

Die ersten drei Videomitschnitte von Veranstaltungen des VS sind auf der Internetseite http://vs.verdi.de zu finden,
direkt: https://vs.verdi.de/themen/buchmessen/frankfurt-m.

Stimmen gegen Rechts
Lesung auf der Frankfurter Buchmesse 2021, mit
Lena Falkenhagen (Bundesvorsitzende Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller),
Leander Sukov (Vizepräsident Pen-Zentrum Deutschland und stellvertretender Bundesvorsitzender VS),
Carola Christiansen (Präsidentin mörderische Schwestern),
Reimer Boy Eilers (Landesvorsitzender VS Hamburg),
Isa Theobald (erste Vorsitzende Phantastik-Autoren-Netzwerk PAN),
Sven j. Olsson (stellvertretender Bundesvorsitzender VS und mit
Vera Nentwich (ehemalig Vorstandsmitglied des Selfpublisher-Verbandes).
Kein Geld für die AfD
Katja Böhne (Bildungsstätte Anne Frank) im Gespräch mit Sven j. Olsson
Verbrannte Orte
Jan Schenk, Fotograf und Initiator von »Verbrannte Orte« im Gespräch mit Sven j. Olsson

 

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