Engagierte Literatur gegen Rechts

Austausch der Kerngruppe mit dem Publikum war Programm.
Foto: Leonhard F. Seidl

Bereits zum fünften Mal fand von 19. bis 21. September 2019 das Literatursymposium „Richtige Literatur im Falschen“ statt. Im Münchner Gewerkschaftshaus Schwanthaler Straße trafen sich Schriftsteller*innen, Literaturwissenschaftler*innen und Interessierte zum Thema „Literatur im politischen Kampf – Schriftsteller in Revolution und Reaktion“. Die Veranstaltung stieß auf große Resonanz.

In einem Zeitungskommentar konstatierte der Autor Enno Stahl, einer der Mitbegründer von „Richtige Literatur im Falschen“ (RLIF): „Und die deutsche Literatur? Sie fordert gar nichts. Beziehungsweise, wenn mal jemand fordert, auch Literatur möge engagiert sein, dann schwillt sogleich ein Chor an, der dies für eine unzumutbare Belastung der Literatur hält.“ Dass dies nicht ganz so absolut gesehen werden sollte, wurde an den zwei von fachkundigen Vorträgen und intensiven Diskussionen geprägten Tagen klar.

So wurde versucht, eine Verknüpfung zu schaffen zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft der libertären politischen Literatur; was eindeutig gelang. Nicht nur die 13 geladenen Autor*innen und Literaturwissenschaftler*innen diskutierten, sondern auch das anwesende Publikum. Denn der überaus kommunikative Charakter der Veranstaltung ist auf Partizipation ausgerichtet. Im Unterschied zu einer akademischen Tagung steht kein Redender am Pult, hat das Publikum in weiter Entfernung hinter dem Graben und spricht „von oben herab“. Der Charakter der Veranstaltung soll sich gerade auch in der Form der Kommunikation widerspiegeln, die basisdemokratisch nur in einem Plenum durchzuführen ist.

So saß die Kerngruppe an einem Tisch, das Publikum war kreisförmig darum angeordnet. In diesem offenen Forum fand ein wechselseitiger Austausch statt. Welcher Ort hätte dafür passender sein können, als ein Münchner Viertel, in dem derart viele Straßennamen nach Literat*innen benannt sind, und in dem vor knapp 100 Jahren die Revolution begann. Gleich zu Beginn wurde ein historischer Bezug hergestellt, indem auf die Literatur und die Literaten – tatsächlich nur Männer – der Räterepublik eingegangen wurde. Im Anschluss referierte Dr. Ingar Solty, Sozialwissenschaftler, Autor und Mitarbeiter der Rosa Luxemburg Stiftung, in einem facettenreichen Vortrag zu „Literatur und Politik in Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Emigration“. Die Stiftung unterstützte die Tagung, wie auch das PEN-Zentrum Deutschland, die Stiftung Literatur, der Bezirk Isarvorstadt und die Gewerkschaft ver.di, unter deren Dach bekanntlich der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller beheimatet ist. Die Autorin Annett Gröschner aus Berlin fesselte die Teilnehmenden mit ihrer kurzweiligen und kritischen Geschichte zur DDR: „Weiberbrigade. Mein literarisches Leben im Spätsozialismus.“

Der Saal drohte aus allen Nähten zu platzen, als der Schriftsteller und Redakteur im FAZ-Feuilleton der FAZ Dietmar Dath seinen Abendvortrag begann. Ein daran anknüpfendes Podiumsgespräch versuchte Fragen nach „der Literatur und der politischen Praxis“ zu beantworten. Daran beteiligte sich unter anderem der kürzlich mit dem Autorenstipendium der Stadt München ausgezeichnete Schriftsteller Norbert Niemann, der im Verlauf der Tagung immer wieder die Ökonomisierung des Buchmarktes geißelte. Wenn Verkäuflichkeit und nicht deren Inhalte im Vordergrund stünden, trage dies auch zu einer Entpolitisierung der Literatur bei. Ein bedeutsames, wenn auch nicht einhellig geteiltes Resümee der Tagung: Literatur, die sowohl Menschen aus den unteren Klassen als auch Diskriminierte thematisiere und/oder zu Wort kommen lassen, gehe in die richtige Richtung.

Gerade der Vortrag „Die Neue Rechte und ihre Literaturform“ von Chris Reitz (LMU München) zeigte auf gruselige Art und Weise, wie weit die kulturelle Hegemonie der Neuen Rechten bereits fortgeschritten ist. Aber die darauffolgende Diskussion zeigte auch, von welch eminenter Bedeutung Tagungen wie „Richtige Literatur im Falschen“ sind: Denn noch ist der Kampf gegen Rechts nicht verloren. Es müssen weiterhin Strategien diskutiert werden, wie dieser Kampf auch literarisch fortgesetzt werden muss.

 

 

 

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