Ein Stipendium, der Schah und Rothenburg

Erster Literaturstipendiat des Kriminalmuseums Rothenburg ob der Tauber: Leonhard F. Seidl Foto: Heinz Wraneschitz

Das hatte sich PEN-Mitglied Leonhard F. Seidl sicherlich anders vorgestellt! Mitte Januar trat der Vorsitzende des VS Mittelfranken in Rothenburg ob der Tauber das vom dortigen Historischen Kriminalmuseum erstmals ausgelobte Stipendium an. Doch dann kam Corona – und mit dem Virus wurden allüberall die Daumenschrauben angezogen. Hier immerhin mit einem Roman als Ergebnis.

Und der zeigt fast schon sinnbildlich: In Seidls nun zum Ende des Stipendiums vorgelegten Roman „Der falsche Schah“ werden einer der beiden Hauptpersonen in genau jenem Kriminalmuseum die Daumen heftigst zugedrückt.

Mit Bildern, Filmen, Fachliteratur hat es das Kriminalmuseum schon länger. Doch zum 100-jährigen Jubiläum ließ sich das Team um Museumschef Markus Hirte ein neues Format einfallen: das Literaturstipendium. Und dafür sei der weit über Mittelfranken mit politischen Kriminalromanen hinaus bekannt gewordene Autor Seidl genau der Richtige: „Er hat uns überzeugt – und hat Ja gesagt“, erklärte Hirte bei der Vorstellung im Januar die Personalauswahl.

Damit der Künstler „Zeit und Muße, einen finanziellen Freiraum und ein entsprechendes Umfeld“ (Hirte) habe, stellte ihm die evangelische Bildungsstätte Wildbad übers Jahr verteilt für einige Wochen Kost und Logis zur Verfügung: in der Gipsmühle. Die liegt direkt am Flussufer.

„Das Murmeln der Tauber ist wohltuend und motiviert, die Geschichten, die auf der Straße liegen, in literarische Form gießen.“ Doch dass „das Ambiente von Rothenburg gerade mit weniger Touristen inspirierend“ sei, hatte Seidl im Januar nur auf die Jahreszeit bezogen. Damals war nicht vorhersehbar, dass Corona die sonst so wuselige Innenstadt fast das ganze Jahr über ziemlich touristenleer halten würde – bis heute.

Seidls ausgedehnte Wanderungen im wildromantischen Taubertal finden Eingang in den „Falschen Schah“. Doch noch mehr hat den Autor offensichtlich die Folterausstattung des Museums angeregt. Denn da gibt es neben besagten Daumenschrauben auch Schandmasken, Streckbank, den „trockenen Zug“, eine Eiserne Jungfrau und vieles mehr. „Alles spricht mit mir“, so Seidl.

Und so setzen zwei Agenten des SAVAK, des persischen Geheimdienstes, den Großteil dieser Werkzeuge auch ein. Sie wollen aus ihrem Delinquenten herausfoltern: Ist er der echte oder der falsche Schah?

Denn in Rothenburg gibt es einen Menschen, der am selben Tag geboren wurde wie der bislang letzte Schah von Persien, Reza Pahlavi – der dem Herrscher des vor Jahren zum Schiiten-Staat Iran umfirmierten Landes zudem wie aus dem Gesicht geschnitten scheint. Als der „echte Schah“ 1967 – historisch belegt – das idyllische Ex-Reichsstädtchen Rothenburg besucht, ergreift der falsche Schah die Gelegenheit: Er will seine Identität tauschen. Die Zuneigung der Schah-Banu Farah Diba gewinnt er gleich beim ersten Augen-Blick. Doch besagte SAVAK-Agenten zweifeln an der Echtheit ihres obersten Chefs – mit äußerst schmerzhaften Folgen.

„Ich war auch mal kurz im Knast, wie Erich Mühsam: Ich habe mit straffälligen Jugendlichen kreatives Schreiben geübt“, erklärte Leonhard F. Seidl augenzwinkernd seine Qualifikation für das Stipendiat des Kriminalmuseums. Mit dem 1934 von den Nazis im KZ Oranienburg ermordeten Publizisten Erich Mühsam eint Seidl nicht nur der oft anarchistische Schreibstil, sondern gerade sein lautstarkes Eintreten gegen Militarismus und für Menschenrechte.

„Der allwissende Erzähler wird einen zeitgeschichtlichen Bogen schlagen“, hatte Seidl zum Start des Stipendiums den Plan für seinen Schelmenroman umschrieben. Der ist nun vollendet.

Doch wer hat nun eigentlich Rothenburg gemeinsam mit Farah Diba wieder verlassen: Der echte oder der falsche Schah? Ich empfehle eindrücklich die Lektüre des Schelmenromans.

Buchcover

Leonhard F. Seidl: Der falsche Schah. Roman, Volk-Verlag 2020, 192 S. 13,90 Euro, ISBN 978-3-86222-335-0

 

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