E-Book-Ausleihe: Keine falschen Weichen!

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Anlässlich eines Offenen Briefes des Deutschen Bibliotheksverbandes (dbv) an die Abgeordneten des Bundestages warnt Lena Falkenhagen, Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS in ver.di), vor möglichen Folgen einer übereilten gesetzlich erleichterten Ausleihe von E-Books. Der dbv will bestehende Urheberrechtsbeschränkungen zugunsten öffentlicher Bibliotheken auch auf digitale Ausgaben von Büchern ausweiten.

„Die Bibliotheken fordern dreist und zur Unzeit einen Eingriff ins Eigentum der Autorinnen und Übersetzer und wollen ihr Angebot auf unsere Kosten auch digital erbringen.“ Gedruckte Bücher nutzten sich ab und seien begrenzt teilbar, digitale Kopien bildeten stets Neuware. „Sollten die dbv-Forderungen umgesetzt werden, erwarten wir eine Kannibalisierung des E-Book-Marktes und ein Einbrechen unserer Einnahmen“, so Falkenhagen.
Die Bibliotheken fordern, eine Ausweitung der Beschränkung des Urheberrechts zu Gunsten öffentlicher Bibliotheken bezogen auf gedruckte Bücher, die sogenannte Bibliotheks-Schranke, auch auf digitale Versionen von Werken. Zum sogenannten E-Lending oder der Onleihe hatte der VS in ver.di bereits im November 2019 mit dem Börsenverein des deutschen Buchhandels argumentiert. Auch ver.di hatte schon 2017 davor gewarnt, eine derartige Regelung unüberlegt und ohne ausreichende finanzielle Ausstattung der Bibliotheken vorzunehmen. (Siehe hierzu die Stellungnahme im Gesetzgebungsverfahren UrhWissG vom 24. Februar 2017, ab Seite 8)

Bibliotheken können Lizenzen für die elektronische Leihe erwerben. Eine Ausweitung der Bibliotheks-Schranke würde die Verhandlungsposition von Urheberinnen und Urhebern sowie die der Verleger ihrer Bücher erheblich schwächen. „Öffentlichen Bibliotheken haben eine immense kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung. So lange es jedoch nicht klar ist, wie die Einrichtungen ihren Aufgaben als besondere Orte auch im Digitalen nachkommen wollen und können, verwehren wir uns gegen eine weitere Beschneidung unserer Rechte“, sagte Lena Falkenhagen.
Die Bibliotheken hätten vom EuGH nicht die Entscheidungen bekommen, die sie sich bezogen auf E-Books erhofft hätten. „Der dbv nutzt die Pandemie jetzt, um zu überstürztem Handeln anzuregen. Das Thema ist jedoch viel zu komplex, um es jetzt noch einmal schnell auf den letzten Metern der ‚GroKo‘ abzuarbeiten“, so die VS-Vorsitzende. Wenn die Weichen jetzt eilig falsch gestellt würden, drohe der gerade ohnehin notleidenden Buchbranche ein weiterer herber Schlag. „Die großen Gewinner wären dann mutmaßlich nicht die Bibliotheken oder die Bürgerinnen und Bürger, sondern die Tech-Giganten aus Übersee“, die es schon jetzt perfektioniert hätten, digitale Texten zu kleinem Preis ohne Zahlung von Steuern bereitzustellen, mahnt Falkenhagen zur gebotenen Raison.

Auch das Netzwerk Autorenrechte, das 14 eigenständige Verbände deutschsprachiger Autor*innen und Übersetzer*innen mit 15.500 Mitgliedern – darunter den VS und den Verband der Übersetzerinnen und Übersetzer in ver.di – vereint, protestiert gegen das „unredliche“ Ansinnen des Bibliotheksverbandes. Die Bundestagsabgeordneten werden mit einem weiteren offenen Brief aufgefordert, „an den frei verhandelbaren Lizenzen für E-Books festzuhalten und dem Ansinnen des dbv eine klare Absage zu erteilen“. Darüber hinaus plädieren die Netzwerksverbände für eine deutliche Erhöhung der kommunalen Etats zur Medienerwerbung und elektronischen Ausleihvergütung. Nur das sei ein integerer Weg in eine nachhaltige Zukunft.

 

 

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