Die Literatur durch Vielfalt bereichern

Auf der Bonner Buchmesse Migration 2019
Foto: Jürgen Seidel

Vier Tage rasender Aktivität mit mehr als 40 Einzelveranstaltungen und mehreren tausend Besuchern: Diese Bonner Buchmesse Migration stand unter dem Motto „Vielfalt gestalten – Demokratie leben“. Vom 21. bis 24. November waren auch Mitglieder des VS bei Lesungen und Podiumsdebatten aktiv. Pilar Baumeister hielt eine Rede, in der sie den Schriftstellerverband im 50. Jahr seines Bestehens als „Heimat für viele nach Deutschland emigrierte Autorinnen und Autoren“ sah.

Eine Buchmesse Migration fand erstmals 1998 im Bonner Stadtteil Tannenbusch statt. Sie wurde von dem türkischen Autor Hidir Çelik konzipiert, einem langjährigen Mitglied im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS). Mit Unterstützung zahlreicher Organisationen, etwa dem Bonner Institut für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen und der evangelischen Kirche im Rheinland, wurde die Veranstaltung fortführt und zog aufgrund gestiegenen Interesses ins Haus der Geschichte um. Nun findet sie alle zwei Jahre statt.

Regina Schleheck erhielt den 1. Preis in der Kategorie Kurzgeschichten.
Foto: Jürgen Seidel

Seit 2001 gibt es einen Literaturwettbewerb in den Bereichen Kurzgeschichten, Lyrik und Kindergeschichten. 2019 stand er unter dem Titel „Nationalität? Vielfalt?“ Erste Preise in den Kategorien gewannen: Regina Schleheck für „Grenzziehung“, Karin Schneider für ihren Text „Nachtgespräch“, Werner Stangl siegte mit „Regenbogen“. Weitere Preisträger waren Josef Krug, Constanze Geertz, Bettina Engel-Wehner, Molla Demirel, Ingrid Kansy, Dr. Jürgen Borchert und Oliver Meiser.

Eine Heimat für viele Autor*innen

Die Beziehungen zwischen dem VS und der Buchmesse Migration sind kontinuierlich und vielseitig. VS-Mitglieder stellen ihre Bücher dort aus, einige veröffentlichen auch im von Dr. Çelik gegründeten Verlag Free Pen. In diesem Jahr zeigte sich der VS besonders präsent bei Lesungen und Podiumsdiskussionen. Teilnehmer waren der stellvertretende Bundesvorsitzende Leander Sukov, Gitta Edelmann und Jürgen August Alt, Vorstandsmitglieder im Landesverband Nordrhein-Westfalen, Molla Demirel, einer der Lyrik-Preisgewinner, Irma Shiolashvili aus Georgien, eines der jüngsten VS-Mitglieder, sowie weitere Autor*innen aus zahlreichen Ländern, die den VS bereichern.

Pilar Baumeister während ihrer Ansprache
Foto: Jürgen Seidel

Vor der Preisverleihung am 23. November überbrachte Dr. Pilar Baumeister, Beisitzerin im Bundesvorstand, Grüße des VS. Sie sprach zum Thema: “Der VS feiert seinen 50. Jahrestag, er ist eine Heimat für viele nach Deutschland emigrierte Autorinnen und Autoren“ – Anlass zu einer Art Zwischenbilanz und zu grundlegenden Überlegungen zur Problematik Sprache und Migration.

Baumeister würdigte in ihrer Rede das Projekt Buchmesse Migration und dankte Hidir Eren Celik, der dieses riesige Projekt mit viel Kraftaufwand und kultureller Energie nun bereits zum zwölften Male veranstalte. Der VS verfolge „mit Neugier und großem Interesse diese so fruchtbare Zusammenkunft von Künstlern und Verlagen“. Sie habe schon oft hier gelesen und den Austausch immer als sehr lebendig und anregend empfunden, so Baumeister. „Diese Messe bietet vielen Autor*Innen Lesungs- und Veröffentlichungschancen. Auch die Vergabe von Preisen durch einen Literaturwettbewerb trägt zur Motivation bei und bereichert uns.“

Als Bundesvorstandmitglied des VS nutzte sie die Gelegenheit, im 50. Jahr des Bestehens des Schriftstellerverbandes unter gewerkschaftlichem Dach auf aktuelle Entwicklungen einzugehen und führte aus:

„Obwohl das Adjektiv ‚deutscher‘ in unserem Verbandsnamen enthalten ist, kann ich mit Sicherheit behaupten, dass das Multikulturelle und die Weltoffenheit immer ein Prinzip des VS gewesen sind. Es gibt viele unserer Mitglieder, die eine Migrationsgeschichte haben, und wir werden im vollen Umfang in literarische Projekte einbezogen und nach Möglichkeit unterstützt. Angesichts des drohenden, immer wachsenden Rechtsradikalismus hat sich der VS vorgenommen, die Reihe ‚Stimmen gegen rechts‘ wie 2012 weiterzuführen. Die neue VS-Charta für Mitgliedschaftsanwärter stellt sich unmissverständlich gegen jegliche Form von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. In diesem Kreis waren wir immer gut aufgehoben“.

Volle Integration durch geschriebene Sprache

Aufgrund eigener Erfahrung, so Baumeister, könne sie ausführlicher aus Nordrhein-Westfalen berichten, wo der Anteil von Kolleg*innen mit multikulturellen Wurzeln sehr hoch sei. Gemeinsam mit Dragica Schröder veranstalte sie selbst regelmäßige Lesungen und jährliche Treffen zusätzlich zu den VS-Mitgliederversammlungen.

„Mein Projekt von Autor*innen mit Migrationshintergrund in deutscher Sprache begann 2006“, berichtete die Rednerin weiter. Seither fänden mehrere Veranstaltungen im Jahr in Köln statt, die vom Kulturamt der Stadt und weiteren Institutionen bezuschusst werden. Die Lesungen und Gespräche erfolgten auf Deutsch, denn einige der Autorinnen und Autoren seien durch den langen Aufenthalt bereits so gut mit der Sprache vertraut, dass sie den schwierigen literarischen Sprachwechsels vollzogen hätten und sich direkt ohne den Umweg der Übersetzung ausdrücken könnten. Hauptziel der VS-Aktivitäten sei „die volle Integration durch die geschriebene Sprache“.

Ein solcher Prozess sei nicht einfach. Häufige Überarbeitungen und Korrekturen eines Textes aber brächten „die Autor*innen immer ein Stück näher zum Verstehen und Erschaffen des Deutschen“. Primär werde eine deutschsprachige Literatur mit multikulturellen Wurzeln angestrebt, nicht vorrangig die Übersetzung ausländischer Texte. Doch viele beherrschten Deutsch auch noch nicht so weit, dass sie auf ihre Muttersprachen verzichten könnten oder wollten.

Die VS-Veranstaltungen orientieren sich hauptsächlich an Themen wie Heimat, Internationalität, Mehrsprachigkeit. Davon zeugten einige der Reihentitel: „Sprachgewandt“, „Tochtersprache Deutsch“, „Damals, als wir nach Deutschland kamen“. Es gäbe aber auch historisch-literarische Ländervergleiche wie: „Über den Freitod von Schriftstellern aller Länder“, „Ein Dialog mit europäischen Stimmen“, „Märchen aus der Geographie der Welt“, „Geflüchtete SchriftstellerInnen und Flucht als literarisches Thema“.

Aufräumen mit Vorurteilen

2015 habe sie mit Unterstützung der Kunststiftung NRW und weiteren Institutionen ein eigenständiges Festival der multikulturellen Literatur organisieren können, berichtete Baumeister: „Sprachwechsel und Dynamik des Literarischen“ brachte einen dreitägigen Marathon von Lesungen und Gesprächen im Forum der Volkshochschule Köln, beteiligt waren auch mit Autor*innen aus anderen Bundesländern, so Sigrid Löffler, Yoko Tawada und Imre Török. „Ich persönlich wollte“, so das VS-Bundesvorstandsmitglied weiter über das Festival, auch „mit einigen Vorurteilen aufräumen, die besonders in den ersten 20 Jahren meines Aufenthalts in Deutschland sehr stark waren“. Gemeint seien erstens das Vorurteil, man könne nur in der Muttersprache authentisch schreiben. Zweitens der Vorwurf, die Qualität der Literatur von Migrantenautor*innen sei auch wegen zu starker persönlicher Betroffenheit ästhetisch minderwertig. Das Gegenteil sei der Fall, so Baumeister. „Sie bringen viel Bewegung in die Sprache, bereichern und verändern sie positiv.“ Günstigenfalls erweiterten sie „den Horizont der neuen literarischen Heimat mit ihren dichten, reifen und konzentrierten Erfahrungen“ einer doppelten nationalen Zusammengehörigkeit. Sie stimme, so die Rednerin, mit den Aussagen von des Literaturwissenschaftlers Dr. Klaus Hübner überein, der von einer „unübersehbare(n) interkulturelle(n) Vielfalt“ spreche und erklärte: „Die Migrantenliteratur, die vor 1985 noch eher ein Schattendasein führte, hat in den letzten 20 Jahren äußerst unterschiedliche poetische Konzepte entwickelt und damit die deutsche Literatur bereichert und internationalisiert.“

Leider sei das Festival von 2015 ein isoliertes Ereignis geblieben. Doch seien 2016 bei vom VS organisierten Veranstaltungen in Köln der beliebten Rafik Schami sowie andere bekannte Autor*innen aufgetreten: Safiye Can, Elsa-Lasker-Schüler-Preisträgerin von 2016, Renan Demirkan, Dincer Gücyeter. Und im Laufe der Jahre traten weitere Kolleg*innen aus einem “alten Stamm“ von VS-Autor*nnen in NRW auf, darunter Alexander Nitzberg, Tatjana Kuschtewskaja, Isabel Lipthay, Hidir Celik, Safeta Obhodjas, Teresa Ruiz Rosas, Fahimeh Farsaie, Mevlüt Asar und viele andere. 2017 stand „Empathie zwischen den Völkern“ als Thema, ausgehend von Carolin Emckes Buch „Gegen den Hass“. 2018, im 100. Jubiläumsjahr des Frauenwahlrechtes in Deutschland, wurde „Frauengestalten in der Literatur verschiedener Länder“ als Titel gewählt.

Kulturelle Vielschichtigkeit

Baumeister zitierte erneut Hübner: „Heute gehören einige Autor*innen mit Migrationshintergrund zu den bekannten und viel gelesenen Schriftstellern deutscher Sprache.“ Feridun Zaimoglu oder SAID, Rafik Schami oder Terézia Mora, Herta Müller oder Zsuzsa Bánk hätten sich auf dem Buchmarkt etabliert und hoch dotierte Preise erhalten. Charakteristisch für ihre Schreibweise sei zuallererst ihre kulturelle Vielschichtigkeit – „was insofern nicht ganz neu ist, als es die deutsche Literatur, man denke nur an Adelbert von Chamisso, Franz Kafka, Elias Canetti oder Jurek Becker, als reine ‚Monokultur‘ nie gegeben hat“.

Alle Preisträger und die Jurymitglieder am 23. November auf der Buchmesse Migration.
Foto: Jürgen Seidel

Trotz alledem hätten Vertreter*innen von Migrationsliteratur noch immer gegen viele Hindernisse und Vorurteile zu kämpfen, etwa gegen die Extrem-Nationalisten, die die Migration im allgemeine verurteilen und allem Fremden mit Misstrauen begegnen, sowie den komplizierten Literaturbetrieb. Veranstaltungen wie die Buchmesse Migration seien deshalb extrem wichtig, Hindernisse abzubauen.

 

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