Buchbranche im Fokus: Was verändert Corona?

Welche akuten Auswirkungen auf die Buchbranche lassen sich beobachten und was folgt daraus für die Schriftstellerinnen und Schriftsteller? Eine Situationsanalyse erfasst Umsatzeinbußen sowohl bei Verlagen als auch bei den Autor*innen, Verschiebungen von Literatur in den digitalen Raum, die Vergütungsfragen und generell die Problematik sozialer Absicherung aufwerfen, aber auch Sorge um künftige Bibliodiversität.

Laut Börsenverein des dt. Buchhandels wurden in Folge der Corona-Krise von Verlagen 53 Prozent der für 2020 geplanten Titel verschoben, 36 Prozent sogar ganz gestrichen. Seit der Leipziger Buchmesse in diesem Frühjahr, über den gesamten Sommer bis hin zur Frankfurter Buchmesse sind viele, viele Lesungen, Schreibworkshops und Podiumsdiskussionen abgesagt worden.
Das geht jeweils mit starken Umsatzeinbußen für Autor*innen einher, denn an der Veröffentlichung von Titeln hängt oft auch die letzte Werkshonorar-Rate.

Je nach Genre und Format, in dem man schreibt, fallen bei 30 bis 60 Prozent der Autor*innen Gelder aus; bei Kinder- und Jugendbuchautor*innen, die häufig in der wärmeren Jahreszeit an Schulen lesen, betrifft das auch fünfstellige Beträge.

Die Sichtbarkeit in der öffentlichen Wahrnehmung ist für alle Titel reduziert, besonders aber dramatisch für das „unsichtbare Programm“ des Coronafrühlings und -sommers. Eine Verschiebung von Veröffentlichungen und Lesungen in den digitalen Raum findet statt; besonders bei Lesungen leider ohne irgendeine Form der Vergütung. Hier bedarf es Leitlinien.

Auch langfristig wird die Luft dünner

Verlage werden sehr zaghaft, was die Programmplanung angeht: oftmals werden Programme eher kleiner und eher mit bekannten Autor*innen gefüllt, um sichere Einnahmen planen zu können. Gerade für junge Autor*innen und Autoren reduzieren sich die Einstiegs- und Publikationsmöglichkeiten drastisch, „die Luft wird dünner“.

Auch für etablierte Autor*innen werden sich aber die Auswirkungen der Coronakrise in einer ganz unabhängig von der Pandemie stattfindenden zweiten Welle noch Jahre auswirken: die Werkshonorare von Nachfolgeverträgen werden üblicherweise auf den Absatzzahlen der letzten Veröffentlichung berechnet.
Sind die Absatzzahlen von Büchern im Corona-Jahr besonders schlecht, kann es sein, dass auch das Honorar für das Folgebuch besonders schlecht ausfällt. Dieser Mechanismus kann einen Einkommensknick auch für Großverlags- und Bestseller-Autor*innen über die nächsten zwei bis drei Jahre und darüber hinaus bedeuten. Die Buchbranche ist auf Jahre deutlich geschädigt.

Jungautor*innen werden es durch Corona besonders in Klein- und Kleinstverlagen erheblich schwer haben, in den Markt vorzudringen, weil eine Veröffentlichung ein finanzielles Risiko darstellen wird. Dies bedroht die Bibliodiversität in Deutschland.

Der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS in ver.di) fordert daher eine Art Kurzarbeitergeld für alle Schriftsteller und Soloselbstständigen, das sich mit 75 Prozent am monatlichen Mittel der letzten drei Jahre orientiert.

Die Hilfe darf sich außerdem nicht nur auf die neu angeordneten Lockdown-Wochen beschränken. Die Einkommenseinbußen bestehen bereits seit März 2020 und werden auch von Dezember bis Mai noch vorhanden sein, weil die für Kultur notwendige Öffentlichkeit nicht möglich ist.

Ob die Neustarthilfe für Soloselbständige, die von Dezember 2020 bis Juni 2021 gelten soll, bei Schriftsteller*innen ankommt, unklar. Antragsberechtigt ist, wer mehr als die Hälfte seines Einkommens durch Corona verliert. Ob Schriftsteller*innen als indirekt durch Corona Betroffene die Hilfe überhaupt beantragen können, muss geklärt werden, denn der Nachweis für nicht gebuchte Lesungen ist im neunten Coronamonat schwer zu erbringen. Selbst wenn man die maximalen 5000 Euro, also 25 Prozent des Verdienstes im Referenzzeitraum, ausgezahlt bekommen sollte, beträgt diese Unterstützung höchstens 715 Euro pro Monat. Dieses Geld soll immerhin zusätzlich zur Grundsicherung beantragt werden können. Als Fazit bleibt: Die Politik tut sich schwer damit, die besondere Situation von Schriftsteller*innen – und anderer Künstler*innen – wirklich in ihren Maßnahmen zu erfassen.

Weiterhin gilt, was der VS – und das Selbständigen-Referat von ver.di – seit langem fordern: Es müssen grundlegende Überlegungen zur Verbesserung der sozialen Sicherung insbesondere für geringverdienende Autorinnen, Soloselbstständige und projektbezogen Beschäftigte unternommen werden. Eine Überarbeitung der Arbeitslosenversicherung für Soloselbständige ist unabdingbar.


In dieser Debattenreihe bereits zu lesen: Matthias Schröder zum Musikstudium

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