Bonn – mal im Spiegel der Literatur

Mit weitem Blick über das Dach der Bonner Kunsthalle Foto: Giacomo Zucca/ Bundesstadt Bonn

Für eine Stadt mit etwa 330.000 Einwohner*innen hat die frühere Bundeshauptstadt Bonn eine beachtliche Geschichte als Handlungsort von Literatur. Berühmte Beispiele sind Heinrich Bölls Roman „Ansichten eines Clowns“ oder Juli Zehs „Spieltrieb“. Auf einer vielseitigen Online-Lesung präsentierten jetzt sieben Schriftsteller*innen eigene Texte sowie Auszüge aus Werken anderer Autor*innen, die allesamt Bonn-Bezug hatten. Ein Beteiligter berichtet.

Im Netz herrschte Gedränge. Die Zahl der Anmeldungen überschritt bei weitem die technischen Kapazitäten des Anbieters, den wir als Plattform für die Online-Lesung ausgewählt hatten. 100 Verbindungen waren möglich, angemeldet hatten sich weit mehr als 180 Menschen. So mussten wir sogar Absagen wegen Überfüllung verschicken. Das lernt man in Corona-Zeiten: Auch Online-Lesungen können ausverkauft sein.

Denn der Durst nach Kultur ist nach wochenlangem Lockdown ganz offensichtlich riesengroß. Trotz kleinerer technischer Schwierigkeiten zu Beginn der Veranstaltung blieb die Zahl der Gäste dann knapp 90 Minuten lang unverändert hoch.

Großes Verlangen nach Kultur

Das lag vermutlich auch an den abwechslungsreichen Texten, die von Romanauszügen über Kurzgeschichten, Krimis bis zu Lyrik und Auszügen aus einem Sachbuch reichten. Langweilig wurde es nicht. Es lasen Antje Dertinger, Dominik Dombrowski, Gitta Edelmann, Monika Littau, Judith Merchant, Heidemarie Schumacher und ich. Jeder von uns hatte eigene Textpassagen ausgewählt sowie zusätzlich Auszüge aus dem Werk eines anderen Autors. So entstand eine bunte Collage aus 14 literarischen Beiträgen. Veranstalter waren die Gesellschaft für Literatur in NRW und der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) in ver.di.

Auch wenn wir Vortragenden übereinstimmend der Meinung waren, dass Online-Lesungen den echten Kontakt mit dem Publikum nicht ersetzen können – unter anderem, weil die Reaktionen der Zuhörer*innen verborgen bleiben –, waren wir froh, zumindest auf diesem Weg unsere Literatur präsentieren zu können.

Ein Schnappschuss von der Technikprobe – da waren alle Lesenden einmal gleichzeitig zugeschaltet. Screenshot: zoom.us

Am Abend vorher gab es erst einmal eine technische Probe und kurze Abstimmungen, wie wir verfahren. Wer führt sozusagen Regie und wann muss jeder sein Mikrofon und seine Kamera einschalten? Als dann – am 6. Februar um 19 Uhr – Ernstfall war, merkte ich schon, dass all diese ungewohnten Dinge, die zusätzlich zur eigenen Lesung zu beachten sind, etwas ablenkten, weil ich sie von „analogen“ Veranstaltungen nicht kannte. Trotzdem kehrte bald fast so etwas wie Normalität ein, und der Konzentration auf die Texte stand nichts mehr im Weg.

Von Beethoven zu Willy Brandt

Bonn ist die Geburtsstadt von Ludwig van Beethoven und wird deshalb auf den ersten Eindruck möglicherweise eher mit Musik als mit Literatur in Verbindung gebracht. Die Brücke zwischen beiden Themen schlug zum Auftakt der Lesung Heidemarie Schumacher, die aus ihrem historischen Kriminalroman „Tugendmord“ las, in dem der junge Komponist durch enge Bonner Gassen schlendert. Als weiteren Autor hatte sie John le Carré ausgewählt, der in den 60er Jahren als Botschaftsrat in der britischen Vertretung in Bonn gearbeitet hatte, was sich literarisch in seinem Buch „Eine kleine Stadt in Deutschland“ niederschlug.

Gitta Edelmann präsentierte ihren Kurzkrimi „Die Schwiegermutter“, in dem zu Beginn anschaulich auf den Dorfcharakter einiger Bonner Stadtteile hingewiesen wird. Sie blieb thematisch bei der mitunter unbeliebten Verwandtschaft und entschied sich in dem weiteren Text für George Robert Sims, dessen Werk „Erinnerungen einer Schwiegermutter“ schon 1894 auf deutsch erschienen war. Sims hatte in Bonn studiert, so dass in dem Buch auch das Leben an der Universität geschildert wird.

Antje Dertinger liest. Scceenshot: zoom.us

„Heldentöchter“ heißt ein Buch von Antje Dertinger, das Schicksale verfolgter Kinder während der NS-Zeit in Bonn beschreibt. Sie wählte die ergreifende Geschichte von Marie-Theresa Körner aus, die Tochter des Zentrumspolitikers Heinrich Körner, der im April 1945 in Berlin-Plötzensee inhaftiert war und nach seiner Befreiung durch die Sowjets in Straßenkämpfe geriet und vermutlich von der SS erschossen wurde. Marie-Theresa rettete zu dieser Zeit Kinder aus bombardierten Häusern in Bonn. Dertingers zweiter Text stammte aus der Feder des Schauspielers Matthias Brandt. Aus dessen Buch „Raumpatrouille“ las sie eine Szene, wie er mit seinem Vater, damals Bundeskanzler, auf der Kirmes „Pützchens Markt“ war und Autoscooter fuhr, während Willy Brandt im Bierzelt Autogramme schrieb und Applaus und Buhrufe gleichermaßen einheimste.

Über erloschene Vulkane und Hochwasser

Dominik Dombrowski stellte seine Erzählung „Künstliche Tölpel“ vor, mit der er uns unter anderem auf den erloschenen Vulkan Rodderberg führte. In seiner „Depressionsparabel“ beschreibt er poetisch unter anderem, wie er eine Amsel mit Avocados füttert und plädiert für ein entschleunigtes Leben. Ergänzend rezitierte er zwei Gedichte des Bonner Lyrikers Rolf Persch, in dem unter anderem ein „Silberfisch“ zu menschlicher Größe heranwächst.

Monika Littau führte auch durch den Abend. Screenshot: zoom.us

Monika Littaus „Die sehende Sintiza“ wiederum führte uns in das Bonn der 60er Jahre. Eine Wahrsagerin wurde von einem DDR-Fernsehteam gefilmt, mit manipulierten Bildern und Schnitten sollte die Bundesrepublik negativ dargestellt werden. Zudem stellte sie Caroline Muhr, eine fast vergessene Autorin, vor und las aus deren Roman „Freundinnen“, der passend zur Jahreszeit und zur aktuellen Wetterlage Karneval und Rhein-Hochwasser zum Thema hat.

Meinen eigenen Beitrag wählte ich aus meinem Sammelband „Rückkehr nach Schapdetten“, der nach Erscheinen im „General-Anzeiger“ unter der Überschrift „Mordversuch beim Bonn-Marathon“ rezensiert worden war. Eben aus dieser Geschichte „Marathon“ las ich eine Passage, die einen Giftanschlag auf einen Nebenbuhler zum Thema hat. Als zweiten Autor hatte ich Gisbert Haefs mit seinem Kriminalroman „Mord am Millionenhügel“ mitgebracht. Darin bescheinigt er den Bonner Stadtplanern wegen des Hochhausungetüms namens Stadthaus, „sich nach Kräften darum zu bemühen, die Stadt unbewohnbar zu machen“.

Abschließend griff Judith Merchant noch einmal das Thema Hochwasser auf und schilderte in ihrem Auszug aus dem Rhein-Krimi „Loreley singt nicht mehr“ aus der Perspektive des Flusses, wie ein Mann in den Fluten landet. Ergänzt hat die Glauser-Preisträgerin ihren Beitrag mit einem Textauszug aus David Wagners „Der vergessliche Riese“. Darin geht es um einen Spaziergang mit dem dementen Vater durch Bonn – wobei neben Marktplatz und Kennedybrücke auch das Beethovenhaus Erwähnung fand. Womit der Bogen zur ersten Lesung perfekt geschlagen war.

Nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung trafen wir Autorinnen und Autoren uns noch einmal im Netz für eine kurze Nachbesprechung. Obwohl wir mit der Online-Lesung zufrieden waren, freuten wir uns übereinstimmend auf die Zeit, wo wir wieder mit unseren Gästen im selben Raum sitzen können. Die Atmosphäre wird dann eben doch eine andere sein.

Harald Gesterkamp arbeitet als Journalist bevorzugt zu den Themen Pressefreiheit und Menschenrechte. Er ist Redakteur beim Deutschlandfunk und außerdem schriftstellerisch tätig. Von ihm erschienen bisher der Familienroman „Humboldtstraße Zwei“ sowie der Sammelband „Rückkehr nach Schapdetten“.

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