Als die Einigkeit der Einzelgänger Ziel war

Klein, aber nicht kleinzukriegen: Ursula Bräuning Foto: Christoph Sahner

Unauffällig zu sein, in der Menge unterzugehen, ist die Sache von Ursula Bräuning nicht. So war die «rote Uschi» auch 2019 als Ehrengast auf dem Jubiläumskongress des VS in Aschaffenburg sehr präsent. Wer diese zugewandte, kommunikationsfreudige alte Dame eigentlich ist, dürfte sich mancher gefragt haben. Das letzte leibhaftige Gedächtnis der Anfangsjahre des Schriftstellerverbandes, lautet die Antwort.

Tatsächlich war Ursula Bräuning extra aus München angereist, um den 50. Gründungstag des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) in ver.di mitzufeiern. Sekundiert von Nenn-Enkelin Miriam studierte sie Anträge, verfolgte Debatten, traf sich zu einem Gespräch mit der scheidenden Vorsitzenden Eva Leipprand, hatte Material fürs ver.di-Archiv im Gepäck. Inzwischen ist die kleine, noch immer energische Person 92 Jahre alt. Dem VS war sie von Beginn an verbunden. 1973 bis 75 sorgte sie als Geschäftsführerin des Verbandes dafür, dass «alles Hand und Fuß hatte».

Allein nicht zu schaffen

Die drei Jahre Bräuningsche Amtszeit waren wichtige für den bundesdeutschen Schriftstellerverband. Erst 1969 war er gegründet worden und hatte die vorherigen 13 Autorenverbände abgelöst. «Einigkeit der Einzelgänger» war von Heinrich Böll als Ziel proklamiert worden wie auch das «Ende der Bescheidenheit». In seiner bekannten Rede auf dem Gründungskongress hatte der Altmeister gar die Idee von «Streik» aufgebracht, mit dem Autoren, Übersetzer, Kritiker, Lektoren eine Zeitlang «ihre merkwürdigen Sozialprodukte der Gesellschaft vorenthalten» könnten, um klarzumachen, «welche Mammutindustrie wir füttern, eine Industrie, die uns ihre Bedingungen diktiert». Böll hatte ein „Zwölf-Punkte-Programm“ des VS zur Verbesserung der Situation der Schriftsteller*innen vorgeschlagen, um dessen Umsetzung sich der gewählte Vorstand mit Dieter Lattmann an der Spitze energisch kümmerte. Um eine Novellierung des Urheberrechts ging es ebenso wie um eine berufseigene Altersversorgung für Schriftsteller, um faire Verlagsverträge, aber auch um «Tarifverhandlungen» für freie Mitarbeiter*innen bei Rundfunk und Fernsehen.

Bald wurde klar, dass Derartiges von einem – wenn auch renommierten – Berufsverband allein nicht zu schaffen sein würde. «Wir brauchen einen `IG Kultur`», hatte Martin Walser bereits auf dem Schriftstellerkongress 1970 proklamiert. Nach Partnersuche, kontroversen Debatten und vorherigen Testabstimmungen beschlossen sowohl der Verband deutschsprachiger Übersetzer (VdÜ) als auch der VS auf dem 2. Kongress im Januar 1972 den Beitritt ihrer Mitglieder zur Industriegewerkschaft Druck und Papier zum 1. Januar 1974.

In diesen turbulenten Zeiten – «die Kongresse sind alle gut gelaufen» – also führte Ursula Bräuning die Geschäfte des VS. Wichtige Protagonisten im Vorstand neben Dieter Lattmann (1926 – 2018) waren Helmut M. Braem (1922 – 1977, von 1964 bis 76 Vorsitzender des Übersetzerverbandes), Ingeborg Drewitz (1923 – 1986), Eberhard Horst (1924 – 2012) und Thaddäus Troll (eigentl. Hans Bayer, 1914 – 1980). Die Arbeit des Verbandes wurde wesentlich von München aus geführt, wo Lattmann und Bräuning wohnten. «Aber wir trafen uns zu Vorstandssitzungen auch im Schwäbischen bei Troll», erinnert sich Bräuning, «angereist wurde immer mit dem Zug». Als Geschäftsführerin hatte sie die Tagesordnung vorzubereiten, Protokolle zu führen und für Ordnung zu sorgen, damit die Dinge nicht zu kreativ «aus dem Ärmel geschüttelt» wurden. So sei es recht diszipliniert zugegangen in den Sitzungen, mit gefülltem Pensum. Speziell die einzige Frau im Vorstand, «Ingeborg Drewitz, die aus Berlin angereist kam», sei jedoch «immer für eine Überraschung gut» gewesen, «hatte oft unkonventionelle Ideen. Und wir übrigen waren bei ihr auf alles gefasst.»

Ganz gut aneinander gewöhnt

Um den Anschluss an die Gewerkschaft habe es in der Mitgliedschaft geteilte Positionen gegeben. «Viele Schriftsteller wollten nicht einsehen, dass sie unbedingt in so eine große Organisation müssen. Aber wir haben immer wieder gesagt: Ohne die Kraft und die Strukturen einer Gewerkschaft sind unsere Ziele kaum durchzusetzen.»

Als Doyenne auf dem VS-Jubiläumskongress in Aschaffenburg 2019 Foto: Bert Bostelmann

Dass sie nach dem Beitritt selbst zu Jahresbeginn 1974 Beschäftigte der IG Druck und Papier wurde, war wohl für beide Seiten «gewöhnungsbedürftig». Anfangs seien die Schriftsteller ohnehin eher als bunte Vögel in der traditionsreichen Druckergewerkschaft gesehen worden, die seinerzeit noch eine «ziemliche Männerdomäne» bildete. Vorsitzender war der hoch anerkannte Leonhard Mahlein (1921 – 1985). Doch habe man sich «ganz gut aneinander gewöhnt, auch wenn es etwas gedauert hat». Bräuning selbst war eine energische Verfechterin der Gewerkschaftsanbindung, die «mehr Kraft hinter die Forderungen und die sozialen Anliegen setzen konnte». Sie selbst, die in den 1960er Jahren ursprünglich aus Ostberlin schließlich nach München gekommen war, hatte sich stets im Metier von Schriftstellern und Autoren engagiert. Es war ihr «Herzensanliegen», sagt sie.

Dass etwa mit der Urheberrechtsnovelle die Bibliothekstantieme in Kraft trat, freut sie noch heute sehr. Die Hälfte dieses «Bibliotheksgroschen» fütterte das Autorenversorgungswerk und den dortigen Sozialfonds. In die Zeit ihrer Geschäftsführung fielen auch Umfragen zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Autoren, erinnert sie sich, die in den «Künstlerbericht» der Bundesregierung eingingen und letztlich Veränderungen im Arbeits- und Sozialversicherungsrecht bewirkten. Auch die Ausarbeitung von Musterverlagsverträgen beschäftigten den VS, die Schaffung einheitlicher Rahmen lief jedoch eher zäh. Dass im Juni 1974 auch das Tarifvertragsgesetz novelliert wurde und Pauschalisten von Rundfunk und Fernsehen mit dem legendären § 12 a ins Tarifrecht einbezogen werden konnten, erinnerte Ursula Bräuning in unserem Gespräch gerade nicht – «es ist ja auch alles schon so lange her».

Fast nahtlos übergegangen

Gut entsinnen kann sie sich dagegen daran, dass der Schriftstellerverband und die neu geschaffene «Bundessparte Übersetzer im VS in der IG Druck und Papier» bald auch räumlich zur Gewerkschaft nach Stuttgart ziehen sollten. «Ich wollte aber von München nicht weg, mein Mann schon gar nicht, der als Journalist beim `Gong` (Programmzeitschrift d.R.) gearbeitet hat. Deshalb wechselte ich dann zum Autorenversorgungswerk der VG Wort, die saßen ja in München. Und dort wollten die Schriftsteller ohnehin gern ein Bein drin haben.» Diese Funktion übernahm Ursula Bräuning. Zuvor hatte sie Ursula Brackmann (1928 – 2019) als ihre Nachfolgerin eingearbeitet: «Wir waren uns persönlich noch nicht begegnet. Aber sie kam ja vom Übersetzerverband und kannte sich aus mit Verlagsverträgen, Urheberrecht und sozialen Fragen. Da war die Übergabe kein großes Problem. Alles ging ziemlich nahtlos.»

Ursula Bräuning selbst kümmerte sich dann «nach wie vor um das Wohl der Autoren» und blieb bis zur Verrentung beim Autorenversorgungswerk der VG Wort.

Ihren jüngsten Geburtstag, sie wurde am 14. April 1928 geboren, musste sie Corona-bedingt ohne Gäste verbringen. Die Isolation setzt ihr zu. Doch die Kinder einer Nachbarsfamilie brachten ihr einen Kuchen vor die Tür. Und sie hatte so viele Anrufe, dass etliche Gratulanten nicht direkt durchkamen und auf dem AB landeten. Die kuk-Redaktion hat sich den Glückwünschen telefonisch angeschlossen.

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