50 Jahre VS auf der Buchmesse Frankfurt

Alle mal hergehört! Eröffnung der Frankfurter Buchmesse mit einem Rundgang zu den Angeboten des Gastlandes Norwegen.
Foto: Frankurter Buchmesse/ Bernd Hartung

„So groß und umfangreich wie nie“, hieß es im offiziellen Rückblick: Die Frankfurter Buchmesse 2019 stellte mit 302 267 Besucher*innen einen neuen Rekord auf. Die jährliche Veranstaltung im Hessischen ist zugleich eine wichtige Plattform, auf der sich die gewerkschaftlichen Verbände der Schriftsteller*innen und Übersetzer*innen präsentieren. Sie zeigten erneut, wie politisch und aktiv sie sich am Buchmarkt und für ihre Mitglieder bewegen.

Das diesjährige Buchmesse-Gastland Norwegen präsentierte sich unter dem Motto „Der Traum in uns“. Damit setzt Norwegen vom 16. bis 20. Oktober 2019 in Frankfurt am Main einen literarischen Schwerpunkt: „Das ist der Traum“ basiert auf dem Gedicht des beliebten norwegischen Dichters Olav H. Hauge.

Messedirektor Juergen Boos bei der Eröffnung des Weltempfangs.
Foto: Frankfurter Buchmesse/ Claus Setzer

Innerhalb eines Jahres erschienen 510 neue Bücher norwegischer Autorinnen und Autoren sowie Titel über Norwegen in 217 deutschsprachigen Verlagen. Laut Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, setzte Norwegen mit Beiträgen zu Meinungsfreiheit und Nachhaltigkeit, den Schwerpunkten der diesjährigen Buchmesse, zudem wichtige Akzente.

 

Plattform für Autor*innen und Übersetzer*innen

Die Buchmesse ist immer eine wichtige Plattform, auf dem sich der VS und der VdÜ mit ihrer Arbeit und Themen der Öffentlichkeit präsentieren können. Auch auf der diesjährigen Messe wurde deutlich, wie politisch und aktiv sich die gewerkschaftlichen Verbände am Buchmarkt und für Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzer bewegen.

Bereits 2017 traf sich der damalige Bundesvorstand des VS mit Vertretern der beiden norwegischen Autor*innenverbänden. Schon damals ließ sich Interessantes über eine anders geartete Beziehung zwischen einem Staat und seinen Autorinnen und Autoren erfahren. 2019 nun diskutierte die im Februar gewählte Bundesvorsitzende Lena Falkenhagen auf der neuen „Frankfurt Authors Stage“ über „Autorenleben, Buchmarkt und Urheberrechten in Norwegen, Deutschland und der Schweiz“. Das Gespräch mit Nicole Pfister, der Geschäftsführerin der Autorinnen und Autoren der Schweiz, Heidi Marie Kriznik vom norwegischen Schriftstellerverband, Toore Slaata, dem Autor von „The tools of literary politics“, und Christel Hildebrandt, die aus dem Norwegischen übersetzt, moderierte VS-Vorstandsmitglied Sven j. Olsson. In der spannenden Diskussion ging es darum, wie „Autorinnenleben“ in den verschiedenen Ländern gelingen kann. Für Lena Falkenhagen passt das Bild des „armen Poeten“. Denn nur sieben Prozent der deutschen Autorinnen und Autoren könnten von ihrer Arbeit leben. Die Buchpreisbindung sei für sie hingegen ein Segen: „Das Buch ist auch ein Kulturgut, das man weiter stützen muss, weil es wichtig ist auf dem Kriegsschauplatz gegen Rechts.“ In der Schweiz wurde die Preisbindung für Bücher aufgehoben, in Norwegen gibt es keine Mehrwertsteuer. Slaata betonte die Bedeutung der Buchhandlungen für die Autoren. Außerdem kaufe der Staat von jedem literarischen Buch 750 bis 1300 Exemplare und sorge so für Unterstützung, bei Sachbüchern gelte das für 70 Bücher pro Jahr. Die Qualität werde durch ein Komitee geprüft. Die staatlichen Organisationen seien, so Slaata, für die Förderung des Buchmarkts von großer Bedeutung.

Meinungsstark und politisch

Migration und Literatur – ein Beitrag in der Auseinandersetzung mit rechtem Gedankengut. Sven j. Olsson (mit Mikro) in der Podiumsrunde mit Safiye Can, Pilar Baumeister und Traian Pop (v.l.n.r.).
Foto: Gabriele Loges

Politisch-literarisch präsentierte sich  der VS mit der Veranstaltung „Stimmen gegen Rechts: Leben, Schreiben und Verlegen von Autorinnen und Autoren mit multikulturellen Wurzeln in Deutschland“. Hier befragte Olsson eine Runde mit seiner Vorstandskollegin Pilar Baumeister, der erfolgreichen jungen Schriftstellerin Safiye Can, und dem Autor und Verleger Traian Pop. Alle drei Autoren konnten neben persönlichen Erfahrungen mit ihren Heimatsprachen und -ländern auch einen kurzen Einblick in ihr literarisches Schaffen geben. Die Bereicherung durch diese Kulturen stand außer Zweifel und fand beim Publikum großen Anklang.

Dass für den VS auch nach 50 Jahren „noch immer kein Ende der Bescheidenheit“ gilt, bewies dieser mit einer Podiumsdiskussion. Neben der aktuellen Vorsitzenden Lena Falkenhagen und dem ehemaligen Vorsitzenden und späteren Vize Imre Török kam die Selfpublisherin Nike Leonhardt zu Wort, die für die Öffnung des Verbandes für neue Formate stand. Schon eine ganze Menge, so Török, sei seit der VS-Gründung am 8. Juni 1969, passiert.

Immer noch unbescheiden: Urgestein Imre Török, Sven j. Olsson, Selfpublisherin Nike Leonhardt und VS-Vorsitzende Lena Falkenhagen (v.l.n.r.).
Foto: Gabriele Loges

Immer wieder konnten soziale und rechtliche Fragen geklärt werden: „Wir sind jedoch auch eine politische Vereinigung.“ Gleichwohl seien die Einflussmöglichkeiten bei konkreten Themen, wie zurzeit in der Türkei, begrenzt. Falkenhagen nutzte die Gelegenheit, den Aufbau des VS in ver.di und in Landesverbänden kurz darzustellen. Im Bundesvorstand stünden politische Themen und der Austausch mit anderen Verbänden im Vordergrund: „Gemeinsam sind wir stark, der Dialog ist wichtig.“ Nur so könne es ein Vorwärtskommen geben. Ein Erfolg sei die Künstlersozialkasse. Beim vorliegenden Normvertrag, der Vertragsbeziehungen zwischen Autori*innen und Verlagen musterartig regele, müsse wegen der veränderten Marktsituation bereits nachgebessert werden. Weiteres VS-Thema bleibe die Digitalisierung. Einerseits, so Moderator Olsson, sei der Bedarf an guten Geschichten größer geworden, andererseits, so Falkenhagen, steige der Bedarf an Unterhaltungsmedien. Die Einkommen der Kreativen gingen gleichzeitig immer weiter zurück, das dürfe man so nicht hinnehmen. Die Vorsitzende warb vor Ort für einen Beitritt in den VS: „Je mehr Autorinnen und Autoren vertreten werden, desto mehr können wir bewegen.“

Kommt das Zeitalter maschineller Übersetzungen?

Großes öffentliches Interesse fand das im Salon Weltempfang diskutierte Thema „Künstliche Intelligenz in der Buchbranche – Realität oder Fiktion?“ Lena Falkenhagen befragte Yvonne Hofstetter (Autorin, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Hochschule der Medien, Stuttgart), Maria Hummitzsch (stellvertretende Vorsitzende des VdÜ) und Ralf Winkler, Geschäftsführer der Softwarefirma Qualifiction. Übersetzungsmaschinen würden zwar immer besser, aber die Grenzen dieser Hilfsmittel seien, so Hofstetter wie Hummitzsch, sehr beschränkt. Die Gefahr, dass nicht nur Menschen, sondern auch Maschinen Fake News verbreiteten, sei erschreckend. Texte müssten auf jeden Fall gekennzeichnet werden. Winkler betonte mehrfach, dass das, „was hinten raus kommt“, entscheidend wäre und dass Menschen immer für ein besseres Ergebnis sorgten. Die VS-Vorsitzende verwies noch auf die Problematik, dass mit dem „Füttern“ der Übersetzungsmaschinen ja Texte von realen Autor*innen genutzt würden und sich damit die Vergütungs- und Lizenzfrage auch bei den kompilierten Texten stelle. Winkler beteuerte, dass der Kontakt mit den Autoren und Verlagen gewährleistet sei. Es müsse für die Nutzer ganz deutlich gekennzeichnet werden, wer für den Inhalt von automatisch generierten Texte verantwortlich sei, forderte Hofstetter.

Übersetzerbarke erstmals an eine Buchhandlung

Mehrere Veranstaltungen trug auch der Verband deutscher Übersetzerinnen und Übersetzer (VdÜ) zum Buchmesseprogramm bei. Er vergab die 16. Übersetzerbarke zum ersten Mal an eine Buchhandlung.

Patricia Klobusiczky begründet die 16. Vergabe der Übersetzerbake.
Foto: Gabriele Loges

Laudatorin und Vorsitzende Patricia Klobusiczky hob das besondere Engagement der Buchhandlung Christiansen in Ottensen an der Elbe und von deren Besitzerin Sigrid Lemke hervor. Übergeben wurde die Auszeichnung des Verbandes in Form eines Bildes des Malers Christoph Kern. Die Buchhandlung, so Klobusiczky, sorge dafür, dass Übersetzungen sichtbar werden. In ihrem Dank betonte Lemke die Bedeutung der Übersetzungen, ohne die „uns so viel gute Literatur vorenthalten“ werde.

„Gläsern Übersetzen“ mit Karen Nölle fand erneut großen Anklang – eine gelungene Interaktion zwischen Übersetzerin, Text und Publikum. Aber auch der VdÜ zeigte sich politisch aktuell und fragte: „N-Wort und Gender-Gap: Wie politisch korrekt sind Übersetzungen?“ Moderator Ingo Herzke, der selbst aus dem Englischen übersetzt, möchte „politische Begriffe verwenden, aber so achtsam wie möglich, um Verletzungen zu vermeiden“. Begriffe sollten nicht mit Tabus belegt werden, wenn man sich darüber verständigen muss. Die Übersetzerin Miriam Mandelkow betonte, der Diskurs müsse tatsächlich benannt und weitergeführt werden. Die aktuelle Ratlosigkeit bei diesem Thema sehen auch Andreas Nohl und Mithu M. Sanyal eher förderlich für die Sache. Weitere Themen waren „Gibt es ‚kleine‘ Sprachen und Literaturen Europas?“ und der „Translation Slam“ für die Öffentlichkeit.

Am zweiten Tag der Buchmesse wurde aber auch gefeiert. Der neue Vorstand zelebrierte auf dem gemeinsam mit dem PEN genutzten Messestand den 50. Geburtstag des VS und gab Gästen und VS-Mitgliedern gleichzeitig die Gelegenheit, die Bundesvorstandsmitglieder kennenzulernen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

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