Weitermachen, wenn ein Stück Leben fehlt

Auch den Musiker Philipp Kreperat besuchte der Fotograf für sein Projekt "Kultur in der Krise". Foto: Stephan Lucka

Besucht und gesprochen hat Stephan Lucka während des Lockdown etwa 20 Künstler*innen unterschiedlicher Profession. Elf davon stellt der Dortmunder nun in einem Fotoprojekt vor, dass ihn während der Pandemie beschäftigt hat. Eindrückliche Porträtfotografie, ergänzt durch aussagekräftige Protokolle von Ausgebremst-Sein, das sind die Bestimmungsstücke von „Kultur in der Krise“ . Eine Empfehlung zum Schauen und Lesen.

Da gibt es Schauspielerin und Theaterleiter, Songwriterin und Balletttänzerin, Performancekünstler, Maler oder Clown – Künstler und Kulturschaffende in Zeiten der Pandemie. Sie stehen mit ihren Lockdownerfahrungen auf der Website von Stephan Lucka neben Projekten über das Pfadfinder-Leben, die Leidenschaft blinder Torballspieler*innen oder „verbotener Stimmen“ aus dem Iran. Wir befragten den Fotografen zu seiner Themenfindung und Arbeitsweise.

Wo Allesdichtmachen nicht als Alternative gesehen wird

kuk: Stephan, Du bist ursprünglich Musiker. Wie tauscht man das Instrument mit der Fotokamera als Lieblingswerkzeug?

Stephan Lucka: Die einfachste Antwort: Ich war neugierig und wollte noch etwas anderes machen. Ich habe die Musik ja nicht vollständig aufgegeben, schließlich hab ich E-Bass richtig studiert, trete auch noch auf und unterrichte. Nebenbei hatte ich hobbymäßig aber schon immer fotografiert. Die Leute fanden meine Fotos gut. Dann habe ich mal ein Praktikum bei einem Berufsfotografen gemacht, das war hilfreich. Um mich selbst zu testen, habe ich vor Jahren gesagt, ich mach jetzt mal die Aufnahmeprüfung für den Studiengang Fotografie an der FH Dortmund. Dass ich die bestanden habe, war dann so eine Art Signal, mir einen zweiten Beruf zuzulegen. Ich mache gerade noch meinen Master. Mein Herz hängt inzwischen mehr daran und wenn ich morgens aufstehe, denke ich zuerst an Fotos…

Du suchst Dir fotografisch oft außergewöhnliche Themen, etwa Sängerinnen im Iran, denen es verboten ist zu singen und die es trotzdem tun. Oder das Leben als Pfadfinder. Wie kommst Du zu solchen Themen und wie näherst Du Dich den Dingen?

Der Fotograf Stephan Lucka Foto: Tim Brederecke

Die Themen haben ganz oft etwas mit mir selber zu tun. Andererseits hilft oft auch der Zufall. Zu den iranischen Sängerinnen bin ich über die Begegnung mit einer iranischen Rockband gekommen. Dann fängt man an zu recherchieren, Kontakte zu knüpfen… Die anderen Themen? Ich bin auch selber Pfadfinder gewesen, da gibt es Anknüpfungspunkte. Ganz generell interessiert mich kulturelle Identität, etwas, was Menschen im kulturellen Bereich tun, um sich selber zu definieren. Darauf stößt man oft einfach im Alltag und fängt dann an, sich damit zu beschäftigten.

Ein derart selbstbestimmtes Herangehen muss man sich aber auch leisten können?

Das Problem haben alle Fotografen, die an freien Projekten ohne Auftrag arbeiten, sie müssen ihre Vorhaben irgendwie finanzieren. Nicht jedes ist unbedingt teuer, aber wenn man in den Iran fliegt, kostet das natürlich. In dem Fall gab es noch Förderung über die Hochschule. In anderen Fällen muss man Anträge schreiben und sich um Mittel bemühen, das ist dann immer noch so eine Art Zusatzjob.

Bei Deinem Projekt „Kultur in der Krise“ lag die Themenfindung durch Corona quasi auf der Hand. Aber Du musstest geeignete Protagonisten finden…

Als ich mit dem Projekt angefangen habe, gab es noch gar nicht so viel Berichterstattung. Deshalb wollte ich mich auch drum kümmern. Und die Protagonisten zu finden, war am Ende nicht so schwierig. Zunächst habe ich einige mir bekannte Musiker angerufen, dann ist es wie so oft, wenn man jemanden kennt, der jemanden anderen kennt. Ich hatte auch Glück: Als ich den Kabarettisten Robert Griess angeschrieb, den kannte ich zuvor gar nicht, war der sofort bereit, mit mir zu sprechen und hat mir hinterher noch fünf, sechs weitere Kontakte geschickt. So ist nun eine gute Mischung zusammengekommen. In der Regel hilft Beharrlichkeit und viel Kommunikation.

Auch die Ballettänzerin und Tanzschulleiterin Clara Solzano sprach über ihr Leben im Lockdown. Foto: Stephan Lucka

Du hast die Leute ja nicht nur toll fotografiert. Es stehen auch noch wunderbare Texte dabei.

Danke. Ich bin immer froh, wenn die Texte auch gut gefunden werden. Schreiben ist ja nichts, was ich wirklich gelernt habe. Ich habe mit meinen Protagonisten lange Interviews geführt, die Gespräche alle aufgenommen und danach protokolliert. Das Sitzen vor so einem Audiofile treibt mich immer halb in den Wahnsinn. Schreiben ist eine Art Hassliebe von mir. Aber Fotos allein wären gar nicht so aussagekräftig gewesen. Einen professionellen Schreiber dazu zu nehmen, hat nicht geklappt. Dass sich hier Text und Bild ergänzen müssen, das war mir völlig klar. Also hab ich die Texte eben selber gemacht.

Wenn Du zurückblickst auf diese spezielle Arbeit – welches Gefühl hattest Du dabei?

Für mich persönlich war es ein Supergefühl. Ich war ja selber vom Lockdown betroffen und hatte in der Zeit also etwas Sinnvolles zu tun. Einen Monat lang hab ich ganz intensiv daran gearbeitet, bin viel herumgefahren und habe dabei ständig neue Leute getroffen und sehr interessante Gespräche geführt. Auf der menschlichen Ebene war das total spannend. Ich glaube, beiderseits. Denn viele sagten: Super, dass Du jetzt kommst, da passiert mal wieder was und man kann sich über die Situation austauschen.

Was hast Du Neues erfahren?

 Der Lockdown war nicht für alle gleich. Für den Kabarettisten sind 130 jährliche Auftritte weggefallen. Eine krasse Vollbremsung. Wenn ich dagegen einen Maler besuche, der kann zwar nicht ausstellen, steht aber weiter in seinem Atelier und malt. Doch aufgefallen ist mir, dass die Künstler*innen alle eine ähnliche Sicht auf die Welt haben. Alle bringen zum Ausdruck: Das, was wir machen, ist existenziell, wir können gar nicht anders. Niemand hat sich so frustriert gezeigt, dass sie oder er aufgeben wollte.

Martin Pittasch jongliert sich durch die Krise. Foto: Stephan Lucka

Der Clown sagte mir: Ich könnte auch bei Lidl Regale einräumen – will ich aber nicht. Zirkus ist mein Leben. Sinngemäß galt das eigentlich für alle. Es ging um Existenzielles. Wenn sie nicht auftreten oder sich präsentieren können, fehlt ein Stück von ihrem Leben. Wir machen trotzdem weiter, denn wir können gar nicht anders, war der Tenor. Eine Alternative gibt es nicht.

 Und verrätst Du, was Dich als nächstes beschäftigt?

Momentan wieder die Pfadfinder-Thematik, weil ich dazu ein Buch mache. Da bin ich mehr im Büro mit Grafik und Layout beschäftigt, aber zum Glück schon ziemlich weit vorangekommen. Was danach kommt, weiß ich noch gar nicht. Etwas Neues…

 

 

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