Glossiert: Notstand – in Kultur und bei den Reichen

Gerechtigkeit ist wie ein ICE der Deutschen Bahn: Kommt sie nicht pünktlich, weiß man nicht, wann sie und ob sie überhaupt noch kommt. So auch jetzt in der Pandemie: Die komplette Kultur ist zu, damit die Wirtschaft Rekordgewinne und Wachstums-Partys feiern kann. Schlachthöfe auf – Kinos zu. Fabriken auf – Theater zu. Fußballstadien auf (zur EM sogar mit Zuschauern) – Open-Air-Konzerte zu.

Angela Merkel hat ja kürzlich immerhin mal mit Künstlerinnen und Künstlern gezoomt. Da beklagten viele die fehlende Lobby: Hieße die Kultur Lufthansa, wäre sie längst gerettet. Und forderten anständige Entschädigungen. Und siehe, Mutti sagte: „Ich werde ihre Bitte im Herbst mit in die Haushaltsverhandlungen nehmen.“ Pause, dann merkte sie was und fügte hinzu: „Ups, ich bin dann ja gar nicht mehr dabei.“

Das Kabinett glaubt offenbar, das Virus wählt seine Opfer nach der preußisch-protestantischen Leistungsethik aus: Alles, was Spaß macht, ist gefährlich. Alles, was Mühsal bereitet, nicht. Bei den Staatshilfen dasselbe: Alles, was Lebensfreude bereitet, geht leer aus, alles, was produziert, bekommt das Geld mit der Bazooka.
Wir dürfen zum Arbeiten und unsere Kinder Zuhause unterrichten, aber wenn die Kids endlich schlafen, zur Erholung ´ne Runde um den Block – no way! Um 22 Uhr ist Einschluss. Außer mit Hund. Hunde-Verleihe boomen momentan auch, jedenfalls in meiner Nachbarschaft. Ich glaub´, die Hunde können gar nicht so viel pinkeln, wie sie Gassi gehen.
Doch das Virus geht nicht nachts spazieren, sondern tagsüber zur Arbeit.
Ich bin gespannt, wie viele Monde es noch dauert, bis diese Erkenntnis ins Kabinett vordringt. Stattdessen sagte Merkel letzten Montag: „Selbst wenn 50 Prozent vollständig geimpft sind, bleibt das Risiko für den Rest hoch. Ein Inzidenzwert von 100 ist dann für die Nichtgeimpften wie einer von 200.“

Was ist denn, wenn 99 Prozent durchgeimpft sind, ist dann eine Inzidenz von 100 für den Rest eigentlich eine Inzidenz von 100.000?
Der liebe Gott kriegt Kopfschmerzen bei so viel Inzidenz-Jojo. Seit einem Jahr Ausnahmezustand, in einigen Bereichen sogar echter Notstand. Noch schlimmer als die Kultur trifft es mal wieder eine Minderheit, die keiner auf dem Zettel hat: Die Reichen – denn es herrscht Anlage-Notstand. Die Reichen schieben Panik, es ist dramatisch: Wohin mit dem Geld? Der Dax auf Rekordhoch, jetzt noch einsteigen: gefährlich. Gold, Silber, Öl und sogar Bitcoins – überall Höchststände! Immobilen – quasi ausverkauft. Ebenso Luxusgüter wie Wohnmobile. Selbst E-Lastenbikes, diese Öko-SUVs der Tempo-30-Zone: Auf Monate ausverkauft. Und alte Statussymbole wie Porsche-Cayennes sind ja heute eher peinlich, weil jeder weiß: Ein Porsche ist im Grunde nur ein getunter Audi, der eigentlich ein VW ist.
Ausgerechnet jetzt führen die Banken auch noch Strafzinsen ein. Auf so ein Geschäfts-Modell kommen wieder nur Banker und BWLer: Strafzinsen auf GUTHABEN! Es wär´ okay, wenn dafür alle, die ihren Dispo überziehen, Plus-Zinsen bekämen, aber das passiert ja nicht. Am Ende gewinnt wie immer die Bank, deine Money-Kita, und für die Kita zahlt man ja auch.
Aber woher kommt überhaupt die ganze Kohle? Die Notenbanken haben die Druckerpresse angeworfen und die druckt Flocken, bis der Toner alle ist.

Alle machen sich die Taschen voll, von VW bis Lufthansa, von den Vorständen der Deutschen Bank bis zu denen der Deutschen Bahn. Je mehr Miese, desto systemrelevanter die Vorstände. Selbst Bundestagsabgeordnete tragen aktiv zum Bruttosozialprodukt bei mit ihren nimmermüden Maskendeals.

Nur, wie kriegt man das Geld gerecht unter die Leute verteilt?

Zum Glück ist grade Wahlkampf, und da spielt man gerne Evergreens, also alte Schlager. Einer heißt. Vermögensteuer ab einem Privat-Vermögen von 2 Millionen. Ich kann nur warnen: Man sollte das Bürgertum nie vor die Wahl stellen: Vermögenssteuer oder AfD. In Deutschland geht das immer schlecht aus.

Doch wir wollen nicht spalten, sondern zusammenführen, deshalb schlage ich einen Kompromiss vor: Eine Vermögenssteuer, aber nur für das oberste 0,1 Prozent, dann aber  konsequent. Die Idee: Wieviel Geld kann man in einem Leben in Saus und Braus ausgeben? 10 Millionen? 30 Mios? Wir sind großzügig: Wir lassend jedem 50 Millionen Privatvermögen. Mit so viel Geld im Rücken muss sich wohl niemand Sorgen um seine Zukunft oder die seiner Kinder machen.
Okay, beim großen Yachten-Vergleich in Marbella können unsere Oligarchen gegen ihre russischen Kollegen dann nicht mehr mithalten, aber in Yoga-Resilienz-Kursen werden sie mit diesem Komplex schon umzugehen lernen.

Ah, ich höre schon wieder die Porsche-Philosophen Ulf Poschardt und Christian Lindner (Geistige Schuhgröße  32, aber immer dicke Socken an) rufen: „Sozialneid! Sozialneid!“
Ich gönne wirklich jedem seine Millionen. Nur: Der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass Milliarden-Vermögen nicht durch eigene Arbeitsleistung zusammen gekommen sind und dass solch obszöne Geld-Konzentrationen einer hochentwickelten Zivilisation nicht angemessen sind.  Und wer unbedingt auf einem größeren Schiff in See stechen will, kann sich ja bei der Bundeswehr-Marine bewerben, um Jagd auf Steuerflüchtlinge in Off-Shore-Gebieten zu machen.

Ich hab geträumt, die GSG 9 stürmt in mein Schlafzimmer, ihr Chef sah aus wie Markus Söder und rief: Mit wem haben Sie Kontakt – ups, sorry, falscher Traum.

Ich hab geträumt, in einer Talk-Show weinte die BMW-Erbin Frau Klatten, wie furchtbar es sei, wenn sie nur noch 50 Millionen des Erbes behalten dürfe, dass ihr Großvater mit Zwangsarbeitern im Dritten Reich erschaffen hat. Der Leistungsgedanke muss doch auch in Zukunft gelten. Daneben sitzt Sahra Wagenknecht, grinst ihr Minus-22-Grad-Lächeln und sagt: „Jetzt flennse hier nich so rum, denn jehn se doch ma abeeten.“ Wie Musiker, die jetzt im Krankenhaus aushelfen oder Comedians, die auf Busfahrer umschulen.

Wer ist eigentlich überhaupt noch im sogenannten Lockdown?
Hier die Antwort, liebe Mausfreunde: Alles, das Spaß macht: Private Kontakte – außer CDU-Abgeordnete, die ihre Spender treffen, aber das ist systemrelevant – Einzelhandel, Gastronomie, Tourismus und – Kultur.

Aus diesen Bereichen gehen jetzt viele Insolvenz für eine sinkende Inzidenz. Wir Künstler sehen das ein: Wir verzichten lieber auf Auftritte, als dass die Menschen sterben, die uns in Zukunft besuchen könnten. Nur klappt das leider seit Anfang November nicht, weil zuerst die Branchen geschlossen wurden, die schon die besten Hygienekonzepte hatten. Also wollen wir wenigstens vernünftig entschädigt werden. Aber Altmaier oder Scholz haben damals auf der ersten Pressekonferenz im ersten Lockdown auf die Frage eines Journalisten, was denn mit den Solo-Selbständigen ist, geantwortet: „Die haben sich ihren Beruf ja ausgesucht.“.

Ihr kennt die Fabel von der Grille und der Ameise: Die Grille singt zum Vergnügen der Ameise, während diese schuftet. Und zum Dank lässt die Ameise im Winter die Grille verhungern. Und die Moral von der Geschicht? – Augen auf bei der Berufswahl!
Ich werde oft gefragt: „Herr Griess, wie ist es denn so als Künstler in der Krise. Das nächste Mal doch besser Lehrer, oder? Haha!“
In Deutschland schätzt man die Ameise eben mehr als die Grille.
Leider haben deutsche Politiker kein Organ, mit dem sie Kultur überhaupt nur empfinden können. Von Politikern zu erwarten, sie können ein Oktoberfest von einer Opernaufführung unterscheiden, da kannst du auch in eine Bratsche pinkeln und warten, dass Musik draus wird.

In Deutschland glaubt man anscheinend immer noch, nur aus Not und Elend entsteht große Kunst.


Foto: Jochen Manz

 

Der Kabarettist Robert Griess hat laut Kölner Stadt-Anzeiger die „schnellste und frechste Klappe von Köln“. Das ver.di-Mitglied glossiert seit acht Jahren auch regelmäßig für die Kolumne „Strichätzung“ der Fachbereichsbeilage „Druck + Papier“.  www.robertgriess.de

 

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