Gehen wir raus, zeigen wir, wer wir sind!

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„Wir haben was zu sagen, zu zeigen und zu spielen“ und „2021 wird ein gutes Jahr!*“ ist Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat überzeugt. Das Jahr 2020 war für Künstler und Kreative ein denkbar schlechtes. Die Debatte um nicht passende Corona-Hilfen zeigt, dass atypische Beschäftigung im Kulturbereich „normal“ ist und dass das von der Politik noch immer nicht verstanden wird. Tun wir etwas dagegen!

Mit den Corona-Hilfen, Kulturförderung und der rechtlichen Situation der Kulturschaffenden hat sich auch die ver.di-AG Kunst und Kultur in den vergangenen Monaten intensiv befasst. Obwohl auch unsere ehrenamtliche Arbeit durch die Pandemie extrem beeinflusst wurde und keine Präsenzsitzungen möglich waren, standen wir in ständigem konstruktivem Austausch.

Neben der Corona-Problematik hat uns die Debatte um ein Statut für den neuen ver.di-Fachbereich A umgetrieben. Hierbei ist uns, wie ich finde, schon gut gelungen, aussagekräftige Positionen zu formulieren, die die Kulturpolitik, ihre Aufgaben und Strukturen in der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft als gesamtgewerkschaftliche Aufgabe fest verankern. Diese Positionen werden wir 2021 noch schärfen, denn: Es muss sich grundsätzlich etwas ändern.

Dazu soll neben unseren kulturpolitischen Positionierungen ein zweites großes Vorhaben im neuen Jahr beitragen: Unser Projekt „Jahr der Kulturschaffenden 2021“. In der Corona-Krise wurden die strukturellen Probleme im Bereich kreativer Arbeit besonders offensichtlich – allen voran die unzureichende soziale Absicherung und die geringen Einkommen. Sie wurden in der Studie „Frauen und Männer im Kulturmarkt“, die der Deutsche Kulturrat im Sommer veröffentlicht hat, neuerlich belegt. Corona hat die schon vorher bestehende Problematik zusätzlich verschärft. Und die zwar gut gemeinten, aber eben meist nicht auf die Tätigkeit der Kulturschaffenden zugeschnittenen staatlichen Hilfen machen deutlich, dass sich im Umgang mit Kulturschaffenden in Politik und Gesellschaft etwas ändern muss. Konkrete Vorschläge von ver.di dazu gibt es, auch von unserer neuen, für Kultur zuständigen hauptamtlichen Sekretärin Lisa Basten, die sie bereits 2019 – also weit vor Corona –  publiziert hat.

Leider steht zu befürchten, dass durch wegbrechende Steuereinnahmen in den kommenden Jahren die Situation nicht besser wird. Wieder werden Künstler*innen und Kreative diejenigen sein, die durch den Rost zu fallen drohen: Kultur gehört bekanntlich zu den freiwilligen Leistungen. Selbst Tobias Knoblich, der Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, sieht eine „reduktive Kulturpolitik“ als gesetzt. Darüber wird freilich noch zu streiten sein.

„Jahr der Kulturschaffenden“ als ein Anfang

Eine Ursache für die vermeintlichen Sparzwänge mag darin liegen, dass Kulturschaffende in breiten Teilen der Gesellschaft nicht sichtbar genug sind. Viele Menschen wissen gar nicht, unter welchen Bedingungen und auf welche Weise kreative Arbeit stattfindet. Das wollen wir mit unserem Projekt eines „Jahres der Kulturschaffenden“ ändern. Künstler und Kreative sollen motiviert werden, aus ihren Ateliers, Probenräumen und Schreibzimmern herauszugehen und öffentlich zu arbeiten – zum Beispiel mit ihren Instrumenten üben, Stücke proben, Tanztrainings nach außen verlegen oder Bücher im Fußgängerzonen  schreiben.

Einige Mitglieder unserer ver.di-Kunstfachgruppen, die Ideen und Lust haben, sich daran zu beteiligen, haben sich schon gemeldet, weitere sind willkommen. Außerdem sehen wir unser Projekt auch für alle offen, die keine Gewerkschaftsmitglieder sind, aber eigene Aktivitäten ehrenamtlich in das Projekt einbringen möchten. Das würde für ver.di und uns alle neue Chancen einer breiteren Ausstrahlung eröffnen, vielleicht aber auch engagierte Kulturarbeiter*innen ermutigen, sich ver.di dauerhaft anzuschließen und als Kulturgewerkschaft zu stärken.

Kreatives Arbeiten sichtbarer zu machen, wird allerdings eine Aufgabe und ein Prozess sein, die weit über das Jahr 2021 hinausreichen. Insofern sehe ich das „Jahr der Kulturschaffenden 2021“ als erstes von weiteren.

Respekt und Rückhalt in der Gesellschaft nötig

Obwohl die Pandemie mit der monatelangen Stilllegung von Kultur gezeigt hat, was unsere Gesellschaft dann schmerzlich vermisst, und weitere Finanzhilfen in Aussicht gestellt sind, wird es nicht ausreichen, auf mehr Wertschätzung nur zu hoffen. Grundsätzliche Verbesserungen können wir nur erreichen, wenn wir viele sind und nicht müde werden, auf unsere allzu oft prekäre Situation und die Besonderheiten kreativer künstlerischer Arbeit aufmerksam zu machen. Also gehen wir raus und zeigen wir, wer wir sind, was wir tun! Machen wir deutlich, dass Kunst und Kultur jede/n Einzelne/n in der Gesellschaft unmittelbar betreffen!

Ob vor, während oder nach Corona: Kunst und Kultur zu schaffen, bedeutet Arbeit. Von Arbeit muss man leben können. Nur wenn es uns gelingt, für diese Selbstverständlichkeit größeren Respekt und Rückhalt in der Gesellschaft zu sichern, könnte 2021 für uns tatsächlich ein besseres Jahr werden als das zu Ende gehende.

Bei aller Euphorie, die ersten Hiobsbotschaften über geplante Einsparungen haben inzwischen wohl auch den Deutschen Kulturrat erreicht. Die Gefahr ist real, dass am Ende die, die in der Kultur arbeiten, doppelt bestraft werden. Und solche Einschnitte wird dann auch die breite Bevölkerung zu spüren bekommen. Solange sich am System prinzipiell nichts ändert, sind weder für 2021 noch in den Folgejahren „gute“ Zeiten für die Kulturschaffenden zu erwarten.

*Der Artikel „Wir haben was zu sagen, zu zeigen und zu spielen“, erschien in der Dezember-Ausgabe 2020 von „Politik & Kultur“, Zeitschrift des Deutschen Kulturrates. Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und zugleich Herausgeber der Zeitschrift.

Dr. Anja Bossen ist die Kunst- und Kulturbeauftragte von ver.di.
Foto: Christian von Polentz
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