Unsichtbar chancenlos? Let’s go Lobby!

Systemrelevat? Das kreative Schaffen von Künstlerinnen und Kulturarbeitern ist Erwerbstätigkeit, kein Hobby. Screenshot:

„Die Arbeit von Menschen, die in künstlerischen Berufen und in der Kulturbranche tätig sind, gesellschaftlich sichtbar zu machen“ ist ein wesentliches Ziel des „Jahres der Kulturschaffenden 2021“, das die ver.di-Kulturbeauftragte und die ver.di-Kunstfachgruppen gemeinsam initiiert haben. Der Weg: Musikerinnen, bildende Künstler, Schauspielerinnen, Schriftsteller, Veranstaltungsmacher gehen als Lobbyisten in eigener Sache an die Öffentlichkeit. Ideen sind gefragt. Inzwischen gibt es Vorzeigbares, das andere motivieren kann, auch aktiv zu werden. Einige Beispiele.

Die Belastungen für Künstler*innen und Kreative sind jetzt schon groß: In der Corona-Krise wurden die strukturellen Probleme im Bereich kreativer Arbeit besonders offensichtlich – allen voran die unzureichende soziale Absicherung und die geringen Einkommen. Hilfen kommen oft genug nicht an. Doch nicht weniger drängend sieht Anja Bossen, die ver.di-Kunst- und Kulturbeauftragte, Gefahren für die Zeit danach. Man müsse überall, wo möglich, auf sich und die Probleme aufmerksam machen: „Künstler und Kreative sollen motiviert werden, aus ihren Ateliers, Probenräumen und Schreibzimmern herauszugehen und öffentlich zu arbeiten – zum Beispiel mit ihren Instrumenten üben, Stücke proben, Tanztrainings nach außen verlegen oder Bücher im Fußgängerzonen schreiben“, regte sie zum Start des Aktionsjahres an. Inzwischen gibt es Initiativen, die in Wort, Bild oder Film die Situation von einzelnen schildern und die zugleich fordern, dass sich im politischen und gesellschaftlichen Umgang mit Kulturschaffenden etwas ändern muss.

Echt professionell ist, was der Hamburger Musiker Patrick Pagels da erdacht, eingespielt, aufgenommen und zu einem Beitrag geschnitten hat. Das Video mit der klaren Aussage ist in voller Länge von 2:28 hier zu sehen:

 

Dass ein Diskussionsbeitrag auch mit einfacheren Mittel gemacht werden kann und dennoch eine eindeutige Botschaft vermittelt, zeigt das Video, dass Katja Krüger und Kolleg*innen aus Neumünster erdacht und produziert haben. Hier wird ohne Worte die Geschichte Einzelner, aber fast einer gesamten Branche erzählt. :

 

Lyrik im Friseursalon

Noch weniger „Drehbuch“, Dramaturgie und Inszenierung brauchte der Beitrag von Schriftsteller Ewart Reder aus Hessen, der zeigt, wie er Poesie in „Körpernähe“ bringt. Ein Frisuersalon in Frankfurt-Bockenheim – der weit und breit beste, wie der Dichter versichert – hatte ihn eingeladen, Lyrik mitten im Coeffeur-Geschäft zu lesen. Reder hat das dokumentiert und für alle sichtbar in die Cloud gestellt.

Reder liest über einen Wochenmarkt in Zagreb und über den Frühling. Screenshot: https://mega.nz

Nicht immer war ihm die volle Aufmerksamkeit der Kund*innen sicher, da ging es zu wie im richtigen Leben…

Mit Plan B aus der Schockstarre

Dass Corona und das Jahr der Kulturschaffenden nicht nur Musiker*innen und Dichter inspirieren kann, zeigt das Projekt von Frank Wiesen, obwohl es wiederum Musikerinnen und Musiker in den Blick nimmt. „Abgeschaltet“ sind sie alle in Corona-Zeiten, ihre Auftrittsmöglichkeiten vom Virus beschnitten. Zwar müssten Selbstständige mit einem Auf und Ab in ihren Auftragslisten immer kalkulieren. „Mit dem Stillstand der gesamten Musiklandschaft rechnete jedoch niemand von uns. Bei mir ist das, mit meinem letzten Konzert am 07.03.2020, nun ziemlich genau ein Jahr der Fall. Nur wenige hatten einen Plan B in der Schublade – viele gerieten in eine Art Schockstarre, so auch ich.

Selbstporträt als Trompeter-Fotograf
Foto: Frank Wiesen

Daraus aufgewacht, nahm ich Kontakt zu meinen Kolleg|innen auf, hörte verzweifelte Geschichten, aber auch kreative Lösungen. Denn eines hatten wir alle von heute auf morgen reichlich: Zeit zum Nachdenken. Ich besann mich auf meine zweite große Leidenschaft: Das Fotografieren“, so beschreibt Wiesen sein eigenes Herangehen.

Er suchte und fand Kolleg*innen, die wie er „umgeschaltet“ haben und in der Pandemie anderen Tätigkeiten nachgehen. Wiesen, selbst Musiker und üblicherweise weltweit auf Tour, zeigt seine Berufskolleg*innen positiv janusköpfig in ihren zwei Professionen. Damit nicht genug: Die zwölf Künstler*innen haben nicht nur vor seiner Kamera gestanden, sie haben auch über ihre Lage Auskunft gegeben: Abgeschaltet Texte

Egal ob als Gärtnerin, Kundenberater, Tischler, Empfangsmitarbeiterin oder Lehrer im „Zweitberuf“ – alle stehen auf Standby, um bald wieder Musik machen zu können. Wiesen schafft ihnen einen Bühne und vermittelt: „Wir lassen uns nicht unterkriegen! Wir bleiben kreativ! Und wir kommen zurück!

Sarah Schütz arbeitet jetzt als Pflegekraft.
Foto: Frank Wiesen
Und Andreas Molino als Kunstschmied.
Foto: Frank Wiesen

„Nach Jahren beständiger Tätigkeit im Musicalbusiness wurde mir in dieser Zeit klar, wie sehr ich mich über meine Arbeit definiert hatte. Meine Arbeit, der Austausch mit den Kollegen, der Applauswaren mir wichtiger als mein Selbstwert. Als das alles wegfiel, wurde ich traurig. Aber schon bald erkannte ich: Entweder ich bleibe traurig und wütend auf Regierung und Restriktionen oder ich nehme die Situation an und mache etwas anderes. Warum nicht die Zeit nutzen und meine Kraft woanders einbringen?“ So beschreibt Sarah Schütz ihre Situation.

Mit der momentanen Lage beschäftigt sich auch Conni Maly, für die Musik machen Beruf und Berufung ist. Neben eigenen Auftritten und Studioarbeit befasste sich die Sängerin/Songwriterin mit „Kinder bespaßen als Bildungsprogramm“. Sie arbeitet normalerweise in Kitas, Grundschulen und Flüchtlingseinrichtungen, gibt den Jüngsten mit Musik Aufgabe, Entspannung und Halt zugleich. Auch sich selbst. Nur: „Meine Musik wurde abgeschafft“, heißt es in ihrem Video, das hier abgerufen werden kann.

Mitmachen geht noch monatelang

„Bitte beteiligt Euch an diesem Projekt“ und verbreitet die Idee auch an Nicht-Mitglieder, stand im Appell der ver.di-Kulturbeauftragten zum Start des Aktionsjahres. „Denn nur wenn wir viele sind, werden wir mehr Aufmerksamkeit bekommen und bessere Bedingungen durchsetzen können.“ Inzwischen sei die Sache gut angelaufen: „Ich freue ich, dass viele ihre kreativen Möglichkeiten nutzen, um in diesen schwierigen Zeiten sich und ihre künstlerischen Produkte ins Licht zu stellen, auf sehr individuelle Weise“, so Anja Bossen. „Ich weiß außerdem von unterschiedlichen Projekten, die bereits angelaufen sind und will nochmals ermuntern: Über das gesamte Jahr 2021 können weitere Beiträge geliefert werden. Wir sind gespannt!“

Jahr der Kulturschaffenden

Das Jahr der Kulturschaffenden soll Raum und Gelegenheiten schaffen, sich zu präsentieren, Positionen klarzumachen, Debatten anzuregen, Netzwerke zu knüpfen und Partner zu suchen. Angesprochen sind alle, ob festangestellt oder selbständig, ob auf oder mehr hinter der Bühne tätig. Es sind weiter kreative Ideen und Aktionen gefragt: Ob Texte, Musik, Performance oder Bilder, ob Kundgebung, Fotostrecke, Installation – ob zum Lesen, Schauen oder Hören. Hauptsache öffentlich.

Zum Kontakt hier: Anzeige2021_INTERAKTIV-neu_Jahr-der-Kulturschaffenden

 

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