Das Jahr der Kulturschaffenden und belastete Wörter der Nazis

Deckblatt Flyer

Die ver.di-Beauftrage für Kunst und Kultur und die vier Kunstfachgruppen in ver.di haben für 2021 das „Jahr der Kulturschaffenden“ ausgerufen. Ziel dieses Projektes ist es, Kunst und Kultur sowohl als Schaffensprozess, als Arbeit, und auch als Erwerbstätigkeit in den Mittelpunkt zu stellen. Der Titel des Projektes wird von einigen kritisch gesehen. Ein Plädoyer zur Verteidigung.

Die notwendigen Einschränkungen zur Eindämmung von COVID-19 haben wie unter dem Brennglas Ungleichheiten, fehlende Absicherungssysteme und Prekarisierungsrisiken der Menschen hervorgehoben. Kunst und Kultur entstehen nicht im luftleeren Raum. Im „Jahr der Kulturschaffenden“ will ver.di das Bewusstsein für diese speziellen Bedingungen unter Bürger*innen und Politiker*innen schärfen.

Der Titel des Projektes wird von einigen kritisch gesehen, da der Begriff „Kulturschaffende“ auch von den Nationalsozialisten, genauer gesagt in einem von Josef Goebbels formulierten Manifest benutzt wurde, das am 18. August 1934 im „Völkischen Beobachter“ erschien. In ihm rufen 37 Künstler und Kulturnahe (Architekten, Generalintendanten etc.) zur Führertreue auf. Über dieses Thema gab und gibt es nicht erst seit heute viele Auseinandersetzungen.

Darf man einen Begriff verwenden, den die Nazis für ihre Politik geschaffen und benutzt haben? Oder muss die deutsche Sprache von solchen Begrifflichkeiten bereinigt werden? Was geschieht mit Wörtern, die sich die Rechtsradikalen in Deutschland und anderswo im Augenblick zu Eigen machen? Muss man auch auf sie verzichten, um sich klar abzugrenzen?

Kontaminierter Ursprung

Viele Begrifflichkeiten, die wir heute noch benutzen, wurden (auch) in der Zeit des Nationalsozialismus geprägt oder von den Nationalsozialisten umgedeutet. Oft erkennen wir diese Wörter und ahnen, wer sie warum benutzt. Wer heutzutage die „Endlösung“ in den Mund nimmt oder Kunst als „entartet“ bezeichnet, der muss sich der Nazi-Propaganda bezichtigen lassen. Bei anderen Begriffen ist das nicht so einfach. Die Nazis haben zum Beispiel Allerweltsvokabeln wie „Mädel“, „Eintopfsonntag“, „PKW“ und ähnliches zumindest maßgeblich geprägt. All diese Wörter sind nach wie vor in Benutzung.

In diese Reihe gliedert sich auch die Vokabel „Kulturschaffende“ ein. Der Begriff entstand Ende der 1920er Jahre in der Kulturwissenschaft. Ist er auf ewig verbrannt, weil er später mit Goebbels „Aufruf der Kulturschaffenden“ verbunden wurde?

Etymologische Überlegungen

Eine Auseinandersetzung mit dem Thema ist auf jeden Fall geboten, ist doch der Umgang mit dem Nazi-Erbe in Deutschland eine Thematik, die durch rechtsradikale Elemente wieder aktuell wird. Doch kann man den Begriff zunächst auch seines historischen Zusammenhangs entkleiden und ihn aus einer rein linguistischen Perspektive, in seiner eigentlichen, wortwörtlichen Bedeutung betrachten.

Der Duden sagt zu „schaffen“:

  • durch schöpferische Arbeit, schöpferisches Gestalten) neu entstehen lassen; hervorbringen

Grammatik: starkes Verb

Beispiele:

  • ein Kunstwerk schaffen
  • der schaffende (schöpferisch arbeitende) Mensch, Geist

Aus dieser Perspektive steht bei der Partizipform „schaffend“ der Prozess im Mittelpunkt der Wortbedeutung: Kulturschaffende sind demnach Menschen, die sich in einem Prozess befinden. Genau dies beabsichtigt das Projekt „Jahr der Kulturschaffenden“: den (kreativ-künstlerischen) Prozess herauszustellen, nicht das Produkt (Werk). Die Absicht, die dahinter steht, ist genau die: in der Gesellschaft zu vermitteln, dass es sich um einen Prozess handelt, der zeitaufwändig ist und für den bestimmte Fähigkeiten und Voraussetzungen notwendig sind. Dieser Prozess benötigt geistige und oft auch körperliche Fähigkeiten und Kompetenzen, die gesellschaftlich noch viel zu wenig gewürdigt werden. Eben darauf soll das Projekt hinweisen. Kein anderer Begriff kann die Partizipform „schaffend“ adäquat ersetzen.

Müssen wir dennoch darauf verzichten, da er nicht mehr in seiner wortwörtlichen Bedeutung zur Beschreibung von Menschen, die sich im Prozess des Kulturschaffens befinden, gesehen werden kann, sondern nur noch im Zusammenhang mit der Tatsache, dass er im Dritten Reich verwendet wurde? Dürften wir das Wort „Arbeit“, dann auch nicht mehr verwenden, wenn man berücksichtigt, dass „Arbeit macht frei“ über den Toren der der Konzentrationslager Dachau, Auschwitz, Sachsenhausen und Theresienstadt stand?

Belastete Wörter

Der Autor, Historiker, Linguist und Redakteur im Feuilleton der Tageszeitung „Die Welt“, Matthias Heine, beschäftigt sich in seinem Buch „Verbrannte Wörter“ genau damit. Er sieht qualitative Unterschiede zwischen Begrifflichkeiten, die die Nazis geprägt haben und die unabwendbar mit ihnen verbunden sind, wie etwa „Endlösung“, und Begrifflichkeiten, die von den Nazis auch verwendet wurden, die aber dem Verständnis nach nicht mit ihnen verbunden werden. „Aktion“ ist so ein Wort.

Heine erklärt in einem Interview mit dem DLF: „’Aktion‘ war eine der zentralen Vokabeln der NS-Sprache. Das gab es natürlich schon vorher, aber es hat wirklich in der NS-Sprache dann eine besondere Bedeutung, häufig im Zusammenhang mit ‚Aktionen gegen…‘ Leute, die umzubringen waren – also Juden, Behinderte – wurde es oft gebraucht, auch aber im Zusammenhang für Mobilisierung der Volksgenossen, um einen anderen Begriff zu gebrauchen. Also das geht dann hin bis zur ‚Aktion ‚Weihnachtsbilder malen für die Front“. Diese harmlose Bedeutung hatte es auch.“

Zum Begriff „Aktion“ urteilt Heine: „Man kann es natürlich weiter benutzen. Das geht ja bis hin zu dezidiert Umwertungen. ‚Aktion Sühnezeichen‘, eine gesellschaftliche Bewegung, die sich ausdrücklich mit der Wiedergutmachung für den Nationalsozialismus befasst, nennt sich so. Es gibt die ‚Aktion Mensch‘, früher ‚Aktion Sorgenkind‘, die sich für Behinderte einsetzt.“

Darüber hinaus umfasst „Kulturschaffende“ neben klassischen Kulturberufen und Künstler*innen auch andere Erwerbstätige, die für Kunst und Kultur arbeiten – etwa eher technische oder organisatorische Tätigkeiten ­– oder auch Bereiche der kulturellen Bildung. Als Kulturgewerkschaft und in der Tradition der Arbeiter*innenbewegung stellen wir die Gemeinsamkeiten und die Solidarität zwischen diesen Gruppen und unabhängig von Geschlechterzuschreibungen in den Mittelpunkt – und entscheiden uns deshalb bewusst für diesen Begriff.

Ein Begriff von Links

Über den Begriff „Kulturschaffende“ sagt Heine: „Es hat eine gewisse Ironie, dass er heute vor allen Dingen im linken Sprachgebrauch üblich ist. […] Das hat damit zu tun, dass das Wort vor allen Dingen nach 1945 in der DDR weitergelebt hat und von da dann wiederum in den westdeutschen linken Wortschatz zurückgespült wurde. Man kann das Wort aber trotzdem benutzen. Es hat auch deswegen überlebt, weil es eine Benennungslücke schließt.“

In der DDR wurde der Begriff „Kulturschaffende“ 40 Jahre lang durchgehend benutzt, ohne dass eine besondere Prägung auf den Nationalsozialismus zu erkennen war.

Rechtsradikalen nicht die Sprache der Mitte überlassen

Natürlich gilt dieser „Freispruch“ nicht für alle Vokabeln, die die Nationalsozialisten geprägt oder vereinnahmt haben. Der genaue Blick auf die Hintergründe und die Weiternutzung ist erforderlich, um selbst ein Urteil zu fällen, ob Wörter Hinweise auf eine rechtsradikale Gesinnung liefern oder von Rechtsradikalen vereinnahmt werden, obwohl sie ursprünglich neutral besetzt waren.

Würde man alle Wörter, die jemals im Nationalsozialismus oder in anderen menschenverachtenden, verbrecherischen Regimes und Diktaturen gebraucht wurden, aus unserem Wortschatz streichen, würden wir uns immer weniger und auch immer weniger differenziert miteinander verständigen können, weil wir bestimmte Phänomene der Wirklichkeit dann nicht mehr bezeichnen könnten.

Die dahinter verborgenen Fragen, die sich in der Auseinandersetzung damit immer wieder stellt, sind doch: Setzen wir uns mit dem Erbe der Nazizeit angemessen auseinander? Und: Wie viel Macht geben wir den Rechtsradikalen heute über unsere Sprache? Denn eine Vereinnahmung von Alltagsbegriffen wie „Kulturschaffende“ durch rechtsextreme Kräfte muss unterbunden werden, besonders, wenn von den Wörtern Benennungslücken geschlossen werden.

Denn mit jedem Wort, dass wir den Extremisten am rechten Rand ausliefern, je weiter wir zurückweichen, desto mehr überlassen wir ihnen die Sprache der Mitte der Gesellschaft und sind gezwungen, ein holpriges Hilfsvokabular zu erschaffen, das man nur noch in einer Minderheit der Gesellschaft verstehen wird.

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